IN DER so genannten Feldrede zeichnet Jesus das Bild eines Jüngers Christi: Euch aber, die ihr zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen! Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch beschimpfen! Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd! Gib jedem, der dich bittet; und wenn dir jemand das Deine wegnimmt, verlang es nicht zurück! (Lk 6,27-30). Diese Worte sind anspruchsvoll. Sie laden uns ein, in die Fußstapfen Jesu zu treten, der umherzog, Gutes tat und alle heilte, denn Gott war mit ihm (Apg 10,38). Mitten in der Welt sollen seine Jünger durch ihr Leben sichtbar machen, wie Christus liebt.
Schon die ersten Christen versuchten, diese Lehre des Herrn zu verwirklichen. Im zweiten Jahrhundert heißt es im Brief an Diognet: „Die Christen sind weder durch Heimat noch durch Sprache und Sitten von den übrigen Menschen verschieden. Sie bewohnen nirgendwo eigene Städte, bedienen sich keiner abweichenden Sprache und führen kein absonderliches Leben (…) Sie bewohnen Städte von Griechen und Nichtgriechen, wie es einem jeden beschieden ist, und fügen sich den Landessitten in Kleidung, Nahrung und Lebensweise; zugleich legen sie in ihrem bürgerlichen Leben einen wunderbaren und anerkanntermaßen überraschenden Stil an den Tag.“1 Sie unterschieden sich nicht dadurch, dass sie anderswo lebten, sondern dadurch, wie sie dort lebten.
Heute wie damals wartet die Schöpfung sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes (Röm 8,19) – auf das stille und zugleich kraftvolle Zeugnis eines christlichen Lebens. Der heilige Josefmaria schrieb: „Kinder Gottes sind wir, Träger der einzigen Flamme, die die Wege der Menschen auf Erden zu erhellen vermag; des einzigen Lichts, das keine Finsternis kennt. Der Herr bedient sich unser als Fackeln, damit dieses Licht hell erstrahlt. An uns liegt es, dass viele nicht im Dunkeln stehenbleiben, sondern Wege gehen, die zum ewigen Leben führen.“2
DIE WELT sehnt sich nach dem Zeugnis der Kinder Gottes, weil die Liebe, die Christus uns lehrt, einer tiefen Sehnsucht des Menschen entspricht. Jesus kennt das menschliche Herz. Er ist, wie Johannes Paul II. sagte, „in einzigartiger und unwiederholbarer Weise in das Geheimnis des Menschen eingedrungen und in sein Herz eingetreten“3. Deshalb führt er seine anspruchsvollen Worte in einer einfachen Regel zusammen: Wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut auch ihr ihnen! (Lk 6,31).
Alles läuft auf die Berufung zur Liebe hinaus. Im Doppelgebot der Liebe zu Gott und zum Nächsten ist das ganze Gesetz enthalten (vgl. Mt 22,37-40). Und Jesus gibt seinen Jüngern einen noch tieferen Maßstab: Wir sollen einander lieben, wie er uns geliebt hat. An dieser Liebe wird die Welt seine Jünger erkennen (vgl. Joh 13,34-35). Der Maßstab unserer Liebe ist also Christus selbst.
Was dies bedeutet, erklärt er hier: Wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Denn auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden. Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür? Das tun auch die Sünder. (...) Doch ihr sollt eure Feinde lieben und Gutes tun und leihen, wo ihr nichts zurückerhoffen könnt (Lk 6,33-35). Christliche Liebe geht über jede Gegenseitigkeit hinaus. Sie fragt nicht zuerst, was sie zurückbekommt, sondern sucht das Gute des anderen. Darin liegt das Zeugnis der Kinder Gottes: in einer Liebe, die sich allen Menschen öffnet. „Dies ist die Stunde der Liebe!“, verkündete Leo XIV. in der Messe zum Beginn seines Pontifikats. „Die Liebe Gottes, die uns zu Brüdern und Schwestern macht, ist der Kern des Evangeliums.“4
IST ES MÖGLICH, so zu lieben? Wahrscheinlich erfahren wir oft, wie schwer es ist, wie Jesus zu lieben: mit Geduld, Barmherzigkeit und einer Liebe, die nichts zurückverlangt. Würden wir nur auf unsere eigenen Kräfte bauen, hätten wir Grund, den Mut zu verlieren. Doch Christus lässt uns an seiner Liebe teilhaben und gießt sie durch den Heiligen Geist in unsere Herzen aus (vgl. Röm 5,5). Papst Benedikt XVI. versichert uns: „Er hat uns zuerst geliebt und liebt uns zuerst; deswegen können auch wir mit Liebe antworten. Gott schreibt uns nicht ein Gefühl vor, das wir nicht herbeirufen können. Er liebt uns, lässt uns seine Liebe sehen und spüren, und aus diesem ,Zuerst‘ Gottes kann als Antwort auch in uns die Liebe aufkeimen.“5
Wenn wir merken, dass unser Herz sich weigert, so zu lieben, wie der Herr es von uns verlangt, können wir zu diesem „Zuerst“ Gottes zurückkehren. Papst Franziskus sagt: „Seine Liebe kommt uns immer zuvor, begleitet uns und bleibt an unserer Seite trotz unserer Sünde.“6 Wir müssen die Liebe nicht zuerst hervorbringen, sondern zunächst empfangen. Aus dieser Erfahrung wächst die Freiheit, nicht zu richten, zu vergeben und großzügig zu geben.
Jesus selbst verbindet damit eine große Verheißung: Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden! Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden! Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden! Gebt, dann wird auch euch gegeben werden! Ein gutes, volles, gehäuftes, überfließendes Maß wird man euch in den Schoß legen; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt, wird auch euch zugemessen werden (Lk 6,37-38). Wer aus der Barmherzigkeit Gottes lebt, lernt, auch anderen mit Barmherzigkeit zu begegnen. Und wer großzügig gibt, darf darauf vertrauen, dass Gottes Großzügigkeit jedes menschliche Maß übersteigt.
Bitten wir Maria, unsere Mutter, uns zu helfen, die Liebe Gottes immer tiefer zu empfangen und weiterzugeben, damit unser Leben für viele zum Licht wird.
1 Brief an Diognet, Kap. 5-6 (Funk 1, 317-321).
2 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 1.
3 Hl. Johannes Paul II., Redemptor hominis, Nr. 8.
4 Leo XIV., Predigt, 18.5.2025.
5 Benedikt XVI., Deus caritas est, Nr. 17.
6 Franziskus, Misericordia et Misera, Nr. 5.

