Betrachtungstext: 22. Woche im Jahreskreis – Freitag

Ein weiter Blick – Christus, das Maß für unsere Urteile – Den Wein des Herrn mit erneuertem Herzen empfangen

DIE SCHRIFTGELEHRTEN und Pharisäer beschweren sich bei Jesus: Die Jünger des Johannes fasten und beten viel, ebenso die der Pharisäer; deine Jünger aber essen und trinken (Lk 5,33). Sie vergleichen Jesu Jünger mit denen des Täufers und messen sie an ihren eigenen Vorstellungen. Dabei entgeht ihnen das Entscheidende: Mit Jesus ist etwas Neues angebrochen. Seine Worte und sein Verhalten passen nicht in ihre gewohnten Maßstäbe – und gerade deshalb fällt es ihnen schwer, in ihm den erwarteten Messias zu erkennen.

Auch wir neigen dazu, Menschen und Situationen mit dem zu vergleichen, was wir kennen oder für richtig halten. Dabei machen wir leicht die eigene Erfahrung zum Maßstab und übersehen, dass unsere Sicht begrenzt ist. Der Vergleich kann dann den Blick auf eine größere Wahrheit verstellen – und manchmal sogar auf das Neue, das Gott uns zeigen möchte.

Der heilige Josefmaria ermutigte deshalb dazu, nicht vorschnell zu urteilen: „Jeder sieht die Dinge von seinem Blickwinkel aus … mit einem Verstand, der fast immer recht begrenzt ist, und Augen, die oft von den Nebeln der Leidenschaft getrübt und verschwommen sind.“1 Manchmal gleichen unsere Urteile einem verzerrten Porträt, das mehr über unseren Blick als über den anderen aussagt. Daher sein Rat: „Die Sicht mancher Menschen ist derart subjektiv und krankhaft, dass sie einige willkürliche Striche auf Papier bringen und uns dann versichern, dies sei unser Porträt, unser Verhalten … Wie wenig taugen menschliche Urteile! – Urteilt nicht, ohne euer Urteil vorher im Gebet zu prüfen.“2


NICHT JEDER Vergleich dient dazu, andere zu kritisieren. Vergleiche können uns auch helfen, Situationen einzuschätzen und gute Entscheidungen zu treffen. Entscheidend ist dabei der Maßstab, den wir anlegen. Und für einen Christen hat dieser Maßstab einen Namen: Jesus Christus.

Das gibt Jesus auch den Schriftgelehrten und Pharisäern zu verstehen: Könnt ihr denn die Hochzeitsgäste fasten lassen, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es werden aber Tage kommen, da wird ihnen der Bräutigam weggenommen sein; dann, in jenen Tagen, werden sie fasten (Lk 5,34-35). Fasten oder nicht fasten: Beides kann richtig sein. Entscheidend ist die Beziehung zu Jesus, dem Bräutigam. Seine Gegenwart gibt dem Handeln der Jünger seinen Sinn.

Papst Franziskus schrieb: „Je mehr Jesus den Mittelpunkt unseres Lebens einnimmt, desto mehr führt er uns dazu, aus uns selbst hinauszugehen, uns selbst aus dem Mittelpunkt zu nehmen und uns den anderen zuzuwenden.“3 Wer viel Zeit mit einem Menschen verbringt, übernimmt oft unbewusst etwas von seiner Art zu sprechen und zu handeln. Ähnlich verändert uns die Nähe zu Christus: Wir lernen, die Wirklichkeit mit seinen Augen zu sehen und mit seinem Herzen zu lieben. Im Alltag können wir uns deshalb immer wieder fragen: „Was würde Jesus an meiner Stelle tun?“ Papst Franziskus ermutigte junge Menschen: „Der Tag wird kommen, an dem ein jeder von euch, ohne dass ihr es merkt, den gleichen Pulsschlag haben wird wie Jesus.“4


JESUS weiß, dass die neue Sichtweise, zu der er einlädt, eine tiefgreifende Veränderung verlangt. Deshalb erzählt er zwei Gleichnisse: Niemand schneidet ein Stück von einem neuen Gewand ab und setzt es auf ein altes Gewand. Sonst würde ja das neue Gewand zerschnitten und zu dem alten würde das Stück von dem neuen nicht passen. Auch füllt niemand jungen Wein in alte Schläuche. Sonst würde ja der junge Wein die Schläuche zerreißen; er läuft aus und die Schläuche sind unbrauchbar. Sondern: Jungen Wein muss man in neue Schläuche füllen (Lk 5,36-38).

Die Botschaft Jesu verlangt nach einem neuen Herzen. Es genügt nicht, nur einzelne Verhaltensweisen zu ändern und ansonsten an den eigenen Maßstäben festzuhalten. Der neue Wein braucht neue Schläuche: Christus möchte unser Denken, Urteilen und Lieben erneuern und selbst zum Bezugspunkt unseres Lebens werden. Genau dagegen sperrten sich manche seiner Zeitgenossen. Der heilige Josefmaria schrieb: „Die Sünde der Pharisäer bestand nicht darin, dass sie in Christus nicht Gott sahen, sondern dass sie sich willentlich verschlossen und nicht zuließen, dass Jesus, das Licht selbst, ihnen die Augen öffnete. Diese Verschlossenheit hat unmittelbare Auswirkungen auf die Beziehung zu unseren Mitmenschen. Der Pharisäer, der meint, selbst Licht zu sein, und nicht zulässt, dass Gott ihm die Augen öffnet, wird dem Nächsten voller Hochmut und Ungerechtigkeit begegnen.“5

Auch wir müssen uns immer wieder von Christus erneuern lassen. Die Sakramente, das Gebet, die geistliche Begleitung, die Arbeit und der Dienst an den anderen helfen uns, zu neuen Schläuchen für den neuen Wein zu werden. So verändert Christus allmählich unseren Blick und unser Herz. Und wie Maria bei der Hochzeit zu Kana können wir entdecken: Der Wein, den Christus schenkt, ist besser als alles, woran wir uns zuvor gewöhnt hatten.


1 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 451.

2 Ebd.

3 Franziskus, Botschaft, 5.7.2017.

4 Franziskus, Ansprache, 17.1.2018.

5 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 71.