Betrachtungstext: 22. Woche im Jahreskreis – Sonntag (A)

Die christliche Revolution – Skandalöse Worte – Das Leben, ein Kampf

NACHDEM Petrus ihn als Messias und Sohn Gottes bekannt hat, beginnt Jesus von dem zu sprechen, was ihn in Jerusalem erwartet: Leiden, Tod und schließlich seine Auferstehung am dritten Tag (vgl. Mt 16,21). Die Apostel können diese Worte nicht begreifen. Sie haben erlebt, wie Jesus Wunder wirkte und sogar über die Naturgewalten herrschte. Sie erwarteten den Sieg ihres Meisters, der Israel befreien und ein Reich voller Pracht errichten würde. Doch dazu stand die Ankündigung des Kreuzes in krassem Widerspruch: Wie konnte der Messias so enden?

Die Apostel urteilen noch nach den Maßstäben der Welt und müssen ihre Vorstellungen erneuern (vgl. Röm 12,2). Auch heute erscheinen Schmerz, Krankheit oder Einsamkeit als Übel, die man möglichst vermeiden möchte. Natürlich besteht der Weg Christi nicht darin, das Leiden zu suchen. „Gott will das Leiden nicht, er trägt es mit uns und lädt uns ein, beharrlich auf ihn zu vertrauen.“1 Doch Jesus zeigt uns, dass auch in dem, was wir spontan zurückweisen, neues Leben aufscheinen kann. Leo XIV. erinnert daran: „Man muss durch das Leiden des Gekreuzigten gehen, um von der Herrlichkeit des Auferstandenen erleuchtet zu werden (...). Deshalb ist gerade das Kreuz das leuchtende Zeichen seiner Liebe.“2

Der hl. Josefmaria schreibt: „Darin besteht die große Revolution des Christentums: den Schmerz zu verwandeln in ein Leiden, das Frucht bringt, Böses zu verwandeln in Gutes … Diese Waffe haben wir dem Teufel entwunden –und mit ihr erobern wir die Ewigkeit.“3 Die Widrigkeiten unseres Lebens haben nicht das letzte Wort. Gott kann aus ihnen unerwartet Gutes entstehen lassen und neue Horizonte eröffnen. Das nimmt den Schmerz nicht, lässt uns ihm aber anders begegnen. Die Peitschenhiebe, Schläge und Beleidigungen fügten Jesus wirkliches Leid zu; doch seine Liebe zum Vater und zu den Menschen gab diesem Leiden einen neuen Sinn.


WIE SCHON bei anderen Gelegenheiten ergreift Petrus das Wort: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen! (Mt 16,22) ). Vielleicht glaubt er sich – noch unter dem Eindruck der Worte „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen” (Mt 16,18) ꟷ berechtigt, Christus diesen Vorwurf zu machen. Doch der Herr antwortet ihm überraschend scharf: Tritt hinter mich, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen (Mt 16,23). Hat Petrus sich von einem Felsen, der der Hölle widerstehen sollte, in einen Satan verwandelt?

Christus will, dass Petrus seine Sichtweise radikal ändert und lernt, mit übernatürlichem Blick auf das zu schauen, was die Welt als negativ betrachtet. Auch wir können der Versuchung erliegen, aufzugeben oder den inneren Frieden zu verlieren, wenn etwas nicht unseren Erwartungen entspricht. Die Dinge so zu sehen, wie Gott sie sieht, bedeutet dagegen, das Antlitz Christi in jeder Situation zu entdecken – in den Freuden ebenso wie in den Leiden. Der heilige Josefmaria bestätigt: „Der Weg eines Christen, ja, eines jeden Menschen ist nicht leicht (…). Leben heißt sich mit Schwierigkeiten auseinandersetzen, im Herzen Freude und Kummer erfahren; und durch all das wächst der Mensch an Starkmut, Geduld, Großherzigkeit und Gelassenheit.“4

Wenn schmerzhafte Momente kommen, können wir unser Versprechen erneuern, festes Fundament zu sein, auf dem aufgebaut werden kann. Solche Erfahrungen bedeuten nicht, dass wir in unserer Sendung gescheitert wären. Sie können vielmehr unsere Berufung vertiefen und uns dazu führen, uns vertrauensvoll in Gottes Hände zu geben. Denn gerade am Kreuz zeigt sich, dass Gott uns im Leiden nicht allein lässt. Papst Leo XIV. weist uns darauf hin: „In diesen dunklen Stunden, als er am Kreuz stirbt, teilt Jesus unseren Schmerz und offenbart uns das Antlitz eines barmherzigen Gottes, der unsere Qualen auf sich nimmt, der mit uns leidet, unsere Tränen weint und mit seiner Liebe und seinem Erbarmen an unserer Seite bleibt.“5


NACH DER Zurechtweisung des Petrus wendet sich Jesus an alle Apostel: Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach (Mt 16,24). Damit zeigt der Herr den Weg des wahren Jüngers: mehr auf ihn zu vertrauen als auf die eigenen Vorstellungen und Sicherheiten – im Bewusstsein, dass dieser Weg über das Kreuz führt. Der heilige Josefmaria erklärt: „Es geht nicht nur darum, die täglichen Drangsale geduldig zu ertragen, sondern auch darum, diesen Teil der Anstrengung und des Leidens, das der Kampf gegen das Böse mit sich bringt, mit Glauben und Verantwortung zu tragen. Das Leben der Christen ist immer ein Kampf. Die Bibel sagt, dass das Leben des Gläubigen eine militia, ein (Kriegs)dienst, ist: gegen den bösen Geist kämpfen, gegen das Böse kämpfen.“6

Christus nachzufolgen, erfordert also Kampf: einen „Nahkampf: Mann gegen Mann“7,gegen das Böse in der Welt und in uns selbst. Doch ist dieser Kampf„nicht etwas Negatives, keine verdrießliche Angelegenheit, sondern frohe Lebensbejahung. Er ist wie Sport. Der echte Sportler strebt nicht danach, nur ein einziges Mal zu siegen, … immer wieder versucht er es.“8Mit sportlichen Geist sucht der Christ das einzuüben, was seine Freundschaft mit Gott stärkt, und zu meiden, was sie schwächt. Das kann bedeuten, gerade in Momenten der Müdigkeit das Gebet nicht zu vernachlässigen; trotz vieler Verpflichtungen regelmäßig die Sakramente zu empfangen; Menschen, mit denen das Zusammenleben schwierig ist, großzügig zu dienen; oder unsere Zuneigungen zu ordnen und uns entschlossen von dem zu trennen, was uns von Gott entfernt.

Und wie ein Sportler stehen auch wir nach einer Niederlage rasch wieder auf. „Ihr wisst aus eigener Erfahrung, dass das innere Leben darin besteht, jeden Tag immer wieder von neuem zu beginnen…. Und wir alle, ihr und ich, spüren im Herzen, dass es nötig ist, beharrlich zu kämpfen.“9Manchmal wird dieser Kampf stärker spürbar sein, andere Male kaum. Entscheidend ist, ihn „aus Liebe, bis zum letzten Augenblick“10zu führen. Auf diesem Weg, nahe beim Kreuz, werden wir immer Maria begegnen.


1 Leo XIV., Gebetsvigil, 9.6.2026.

2 Leo XIV., Predigt, 10.6.2026.

3 Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, 887.

4 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, 77.

5 Leo XIV., Ansprache, 9.6.2026.

6 Franziskus, Angelus-Gebet, 30.8.2020.

7 Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, 126.

8 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, 169.

9 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, 13.

10 Hl. Josefmaria, Im Zwiegespräch mit dem Herrn, 83.