NACH einer turbulenten Bootsfahrt erreichen Jesus und seine Apostel das andere Ufer des Sees von Galiläa, das Land der Gadarener. Die Bewohner sind Heiden: Sie leben außerhalb des jüdischen Einflussbereichs. Dies zeigt, dass Jesus sein Reich nicht nur seinen Glaubensbrüdern verkünden möchte, sondern das Heil zu allen Menschen bringen will.
Kaum waren sie ein Stück gegangen, liefen ihnen aus den Grabhöhlen zwei Besessene entgegen. Sie waren so gefährlich, dass niemand auf jenem Weg entlanggehen konnte (Mt 8,28). Jesus hat den berüchtigten Pfad mit Seelenruhe betreten. Seine Sendung ist es, alle Wege dieser Erde begehbar zu machen und die Hindernisse zu beseitigen, die uns daran hindern könnten, mit der Freude und dem Vertrauen von Kindern Gottes zu leben.
Jedes Gebet ist eine Einladung an Jesus, die Pfade unseres Lebens zu betreten und in die Höhlen einzudringen, in die wir uns selbst nicht wagen. Wenn wir ihn in unser Leben eintreten lassen, werden wir, wie Papst Benedikt sagte, „in der Weite Gottes“ stehen, „einer neuen Dimension des Lebens“ angehören. „In diesen offenen Raum hineinleben, das heißt getauft sein, das heißt Christ sein.“1 Anstatt uns von unserem Elend entmutigen und unseren Blick verengen zu lassen, bitten wir Jesus darum, uns die Weite eines mutigen und verliebten Herzens zu schenken.
WAS HABEN wir mit dir zu tun, Sohn Gottes? Bist du hierhergekommen, um uns vor der Zeit zu quälen? (Mt 8,29). Mit diesen Worten wehren sich die Dämonen gegen Jesu Annäherung. Sie wissen, dass er der Sohn Gottes ist, und reagieren mit Angst und Ablehnung. Daraus können wir lernen, wie wir mit unseren eigenen Versuchungen und Unzulänglichkeiten umgehen sollten. Statt uns wie die Besessenen in die Dunkelheit einer Höhle zurückzuziehen und jedermann den Zutritt zu verwehren, sollten wir uns direkt ins Licht Christi stellen. Wir wollen, dass sein Licht auf unsere Wunden fällt und er sie mit seiner Liebe heilt. „Wir alle sind in die Probleme des Lebens und viele komplizierte Situationen verwickelt und müssen uns schwierigen Momenten und Entscheidungen stellen, die uns nach unten ziehen“, so Worte von Papst Franziskus. „Wenn wir aber nicht erdrückt werden wollen, müssen wir alles nach oben heben. Genau das tut das Gebet.“2
Im vertrauten Dialog mit Christus offenbaren wir ihm unser wirkliches Selbst. Wir können den Herrn fragen: „Was habe ich mit dir zu tun? Bist du gekommen, um mich zu erlösen?“ Wenn wir uns offen vor Jesus hinstellen, erfahren wir, dass sein Blick nicht nur annehmend, sondern auch verwandelnd ist. Dabei respektiert er stets unsere Freiheit: Er will sich nicht aufdrängen. Zudem ist er nicht fordernd. Wenn wir ihm ein Problem auch nur andeuten oder auf eine unausrottbare Schwäche bloß hinweisen, reicht dies aus, damit sein Licht und Frieden langsam unsere Herzen erfüllen. Der heilige Josefmaria riet: „Gott, der Herr, will dich heilig, damit du den anderen helfen kannst, heilig zu werden. Dazu ist aber nötig, dass du – ehrlich und ohne falsche Rücksichtnahme – auf dein eigenes Leben schaust, dass du auf den Herrn, unseren Gott, schaust ... und danach, erst danach den Blick auf die Welt richtest.“3
WENN DU uns austreibst, dann schick uns in die Schweineherde! (Mt 8,31), rufen die Besessenen Jesus zu, der daraufhin ein Machtwort spricht: Weg mit euch! (Mt 8,32). Wie in den Herzen der beiden Männer gibt es auch in den unseren einen tiefen Wunsch nach dem heilbringenden Wort Christi. Dabei wissen wir: Jesus ist kein Freund von komplizierten Gedanken und hüllt seine Weisheit nicht in große Reden. Wenn wir bereit sind, auf ihn zu hören, und mit offenem Herzen ins Gebet gehen, kann Christus in unserem Leben ebenso große Wunder vollbringen wie die Austreibung jener Dämonen.
Damit der Herr in unserem Leben wirken und die Pfade unserer inneren Welt begehbar machen kann, brauchen wir aber Durchhaltevermögen. Denn die Spuren, die das Gebet in uns hinterlässt, sind nicht die eines Starkregens, sondern die eines Stroms, der ruhig und beständig fließt. Tag für Tag begeben wir uns ins Gebet, um unsere Wünsche mit dem Willen Gottes abzugleichen. Gerade in diesem Zusammenspiel von unserer Freiheit und der Gnade Gottes, von unserer Aufrichtigkeit und seinem Wort, nehmen wir den Samen auf, den Jesus in uns säen will. Und nach und nach wird dieser austreiben, Wurzeln schlagen und zu einem laubreichen Baum heranwachsen. Papst Benedikt betont, dass das Gebet ein Geschenk ist, das jedoch angenommen werden muss: „Es ist das Werk Gottes, verlangt jedoch Bemühen und Kontinuität unsererseits; vor allem Kontinuität und Beständigkeit sind wichtig.“4
Maria lehrt uns, alle Momente unseres Lebens ins Gebet zu nehmen, vor allem auch die Schwierigkeiten und Widersprüche. Auch Maria bewahrte nahm die unerwarteten Worte des wiedergefundenen Jesusknaben in ihr Gebet – und bereitete sich so auf den schweren Moment des Kreuzes vor.
1 Benedikt XVI., Predigt, 15.4.2006.
2 Franziskus, Angelusgebet, 9.1.2022.
3 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 710.
4 Benedikt XVI., Audienz, 30.11.2011.

