SO VIELE Menschen drängten sich um Jesus und seine Jünger, dass sie nicht einmal mehr essen konnten (Mk 3,20). Stunde um Stunde hört der Herr zu. Er begegnet ganz unterschiedlichen Menschen: Dem einen schenkt er Worte der Vergebung und Ermutigung, dem anderen eine zarte, behutsame Geste. Für manche bedeutet diese Begegnung das Ende einer Krankheit, für andere den Beginn eines neuen Lebens. Wer zu Jesus kommt, fühlt sich gesehen, ernst genommen und geliebt – selbst dann, wenn die Begegnung nur wenige Augenblicke dauert.
Auch wir gehören zu dieser Menschenmenge. Auch wir warten darauf, dem Meister von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Was würde ich ihn bitten? Was möchte ich ihm anvertrauen? Was belastet mein Herz, was braucht Heilung? Wen trage ich heute besonders vor ihn hin? Die Zeiten des Gebets sind so wirklich wie die Begegnungen, von denen das Evangelium erzählt. Der Herr erwartet uns mit derselben ungeteilten Aufmerksamkeit.
Eine bedürftige Menschheit zehrt an den Kräften Jesu und seiner Jünger. Doch ihre Liebe ist stärker als Müdigkeit, stärker als Hunger, stärker als jedes persönliche Anliegen. Jesus ist so sehr mit seiner Heilssendung eins, dass alles andere ihr untergeordnet bleibt. Um bei den Menschen zu sein, verzichtet er auf Nahrung, auf Ruhe, ja sogar auf Zeit. Er bleibt – bis heute – im Tabernakel, schweigend und wartend. Der heilige Josefmaria Escrivá reagierte darauf mit feinem innerem Gespür: „Wenn ich durch die Straßen einer Stadt oder eines Dorfes gehe, freue ich mich immer, eine Kirche – sei es auch nur von weitem – zu entdecken: Da ist ein neuer Tabernakel, wieder eine Gelegenheit für die Seele, auszubrechen und im Geiste vor dem Allerheiligsten Sakrament zu verweilen.“
DOCH NICHT alle teilen die Begeisterung der Menge. Einige derer, die Jesus seit seiner Kindheit kennen, können seine Botschaft nicht annehmen. Sie sehen in ihm weiterhin den Sohn des Zimmermanns, glauben, ihn zu kennen, und verschließen sich gerade deshalb dem Neuen, das Gott wirkt. Auch uns kann das geschehen. Wer meint, Jesus bereits zu kennen, läuft Gefahr, nichts mehr von ihm zu erwarten. Geistlich zu altern heißt, sich nicht mehr überraschen zu lassen – nicht einmal von dem, der die Quelle aller Neuheit ist. Dabei verjüngt die Nähe Jesu den Glauben, stärkt die Hoffnung und macht die Liebe leidenschaftlicher.
Papst Franziskus macht uns aufmerksam: „Das Wort Gottes im Buch der Offenbarung lautet so: Seht, ich mache alles neu. (Off 21,5). Die christliche Hoffnung gründet auf dem Glauben an Gott, der immer Neues im Leben des Menschen schafft, Neues in der Geschichte schafft, Neues im Kosmos schafft. Unser Gott ist der Gott, der Neues schafft, weil er der Gott der Überraschungen ist.“ Der heilige Josefmaria wandte sich vor jeder Messe mit dem Psalm an denGott, der unsere Jugend erfreut. Wo sich Anzeichen geistlicher Ermüdung zeigen, lädt die Eucharistie zur Erneuerung ein. Dort wächst die Gewissheit, dass für Gott nichts unmöglich ist (vgl. Lk 1,37) und dass seine Hand nicht zu kurz geworden ist (vgl. Jes 59,1).
ES IST spät geworden, und noch immer haben sie nichts gegessen. Doch Jesus hat zu seinen Jüngern von einer anderen Nahrung gesprochen:Meine Nahrung ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat (Joh 4,34). Die Menschenmenge, die ihnen das Essen verwehrt, lässt sie zugleich erkennen, was dieser Wille ist: dass alle gerettet werden. Dieser Wille des Vaters wird zur eigentlichen Nahrung Jesu – und schließlich auch zu der seiner Jünger.
Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen (Mt, 9, 36). Wer den Willen des Vaters tut, wird nicht satt – sondern hungriger. Materielle Nahrung stillt den Hunger; geistige Nahrung vergrößert ihn. Nach einem Tag voller Hingabe sind die Jünger erschöpft und hungrig, aber zugleich innerlich geweitet, noch hungriger nach Seelen. So ergeht es jedem, der Jesus folgt: Er kann nicht mehr mit dem Rücken zur Menge leben. In ihm wächst die Sehnsucht, dass die Menschen das wahre Glück finden.
Am Ende des Tages werden sie sich hinsetzen, um zu essen. Doch es wird ein anderer Abend kommen, fast am Ende seines irdischen Weges, an dem Jesus ihnen mehr geben wird als Brot. Beim letzten Abendmahl schenkt er sich selbst – und teilt seinen eigenen Hunger aus. In der Eucharistie werden auch wir davon erfüllt: von seinem Heilswillen, von seinem Durst nach den Menschen. Bitten wir Maria um ihre Hilfe, damit wir mit wachsender Liebe an diesem Mahl teilnehmen. Dann wird unser Herz – mit dem ihren – mitleidig werden angesichts des Leidens der Welt und brennen im Wunsch, die Menschen wirklich glücklich zu machen.

