Nachruf auf Irmtraut Reichel (1938–2026)

Am 16. März 2026 hat Gott Irmtraut Reichel im 88. Lebensjahr zu sich gerufen. Sie hat sich 1960 als erste Frau in Österreich dem Opus Dei angeschlossen.

Irmtraut begleitete über Jahrzehnte hinweg mit klarem Verstand, Herzenswärme und tiefer Glaubensfreude unzählige Menschen.

Kindheit und Ausbildung

Irmtraut Reichel wurde am 25. Dezember 1938 in Wien geboren – in einer Zeit, die von Krieg und Entbehrung geprägt war. Gemeinsam mit ihrem Bruder wuchs sie in einem katholischen Elternhaus auf. 

Als Kind durfte sie fast ein Jahr in England verbringen, wo sie – wie andere österreichische Kinder jener Generation – zum „Aufpäppeln“ in eine Gastfamilie geschickt wurde. Dieser Aufenthalt weckte ihre Liebe zur englischen Sprache und war der Anfang einer lebenslangen Freundschaft zu ihrer englischen Familie. Auch in Nüziders, Vorarlberg, verbrachte sie eine längere Zeit, sodass sie auch diese Gegend und ihre Leute für immer in ihr Herz schloss.

Nach ihrer Rückkehr trat sie in die Fußstapfen ihrer Eltern, die beide Lehrer waren, und studierte Englisch und Latein an der Universität Wien. Sie gehörte zu den besten ihres Jahrgangs, war fleißig, präzise, zugleich aufgeschlossen und hatte einen feinen Sinn für Humor.

Begegnung mit dem Opus Dei

Während des Studiums suchte Irmtraut, die von Natur aus ein unternehmungslustiger und geselliger Mensch war, Anschluss bei der Katholischen Hochschulgemeinde an der Universität. Dort lernte sie den spanischen Priester Joaquín Francés kennen, der 1957 nach Österreich gekommen war, um das Opus Dei hier aufzubauen. Der Ruf, Gott im Alltag zu suchen und sich in der eigenen Arbeit und in den kleinen Dingen des Lebens zu heiligen, sprach sie tief an.

Im Herbst 1960 wurde in Wien-Währing das erste Studentinnenheim eröffnet – ein Ort, wo sie mit und für andere junge Frauen ein offenes Zuhause schaffen wollte. Schon im Juli davor hatte sich die 21-jährige Irmtraut als erste Österreicherin dem Opus Dei als Numerarierin angeschlossen – eine Entscheidung, die sie mit frohem Herzen und großer Treue ihr Leben lang bejahte.

Irmtraut Reichel (rechts) mit Opernsängerin Karen Hurdström im Garten des Studentinnenheims Währing

Lehrerin, Begleiterin, Pionierin

Nach Abschluss ihres Studiums unterrichtete sie mit Begeisterung an einem Wiener Gymnasium. Ihre Schülerinnen erinnerten sich viele Jahre später daran, wie „Frau Professor Reichel“ nicht nur Grammatik und Stil vermittelte, sondern auch Liebe zu Sprache, Klarheit im Denken und Freude am Lernen. Man spürte, dass sie ihren Beruf als Berufung verstand.

Von 1963 bis 1965 belegte sie am Collegium Romanum in Rom einige Fächer der Theologie und lernte hier auch den Gründer des Opus Dei, den heiligen Josefmaria Escrivá, persönlich kennen. Diese Zeit prägte sie nachhaltig.

Nach ihrer Rückkehr übernahm sie bereits mit 27 Jahren Führungsaufgaben im Opus Dei und war bis 2002 Mitglied des Leitungsteams in Österreich. Mit Umsicht, Einfühlungsvermögen und geistlicher Tiefe begleitete sie viele Menschen auf ihrem Weg der Berufung, des Glaubens und der Suche nach Gott.

Besonders nach dem Fall des Eisernen Vorhangs im Jahr 1989 setzte sie sich für die Ausbreitung des Opus Dei in den Nachbarländern Österreichs ein. Und über viele Jahre reiste sie regelmäßig nach Linz, um dort die apostolische Arbeit zu fördern.

In den fünfzehn Jahren, die sie in Salzburg verbrachte, war sie mit ihrer freundlichen Art eine große Stütze für jedermann. Sie war immer für alles zu haben – vom einfachsten Handgriff bis zur mühsamsten Denkarbeit –, war stets offen für neue und pflegte alte Freundschaften und blieb ein verlässlicher Bezugspunkt für viele.

Für Irmtraut hatte jeder Moment seine Schönheit und Bedeutung.

Späte Jahre

Sie blieb bis ins hohe Alter innerlich jung, interessiert und voller Tatkraft. Sportliche Betätigungen – vor allem Wandern und Krafttraining –, Musik, besonders Klavierspiel und Chorgesang, sowie unausgesetzte Lektüre – mit Vorliebe für englische Belletristik – bereicherten ihr Leben.

2017 kehrte sie nach Wien zurück. Als sich erste Symptome ihrer Parkinson-Erkrankung zeigten, trug sie diese mit Ruhe und Gottvertrauen. In ihren letzten Monaten beeindruckte sie alle, die sie besuchten, durch ihre Gelassenheit und ihren festen Blick auf das Wesentliche.

Irmtraut Reichel war eine Frau von tiefer Güte, aufmerksam und liebenswürdig im Umgang mit anderen. Sie verstand es, in ihrer Umgebung den Sinn dafür zu wecken, dass Gott nicht fern, sondern liebevoll an unserem Alltag interessiert ist und die Nachfolge Christi erfüllt und glücklich macht. Als erste Frau des Opus Dei in Österreich empfand sie ihr Leben lang die Verantwortung, den Geist des Werkes und die Einheit in der Kirche glaubwürdig vorzuleben.

In den letzten Monaten ihres Lebens ruhte sie in jener Gewissheit, die sie immer getragen hatte: dass sie – und jeder Mensch – von Gott als sein Kind geliebt ist und letztlich alles zum Guten führt.


Das Begräbnis findet am 26.3. um 14.00 Uhr in der Halle 1 am Friedhof Wien-Ottakring statt. 

Um 17.00 Uhr wird die Seelenmesse in der Peterskirche, Wien-Innere Stadt, gefeiert.