Die ersten kroatischen Mitglieder des Opus Dei

Die Exilkroaten Vladimir Vince und Luka Brajnović stießen kurz nach dem II. Weltkrieg zum Opus Dei

Als achtjährigem Mädchen hat sich mir die hoch gewachsene, anziehende, fröhliche und geistreiche Gestalt von Dr. Vladimir Vince tief in die Erinnerung gesenkt. Wenn er bei uns im Hause meiner Eltern Anka und Luka Brajnović zu Besuch kam, war alles voll von Freude und Lachen. Ich erinnere mich besonders an seine lebendigen Erzählungen von seinen Reisen durch die Welt, sowie von seinen priesterlichen Aktivitäten. Leider ist mir auch der schwere Schlag in Erinnerung geblieben, der uns traf, als wir vom Absturz seiner Air-France-Maschine am 6. März 1968 auf dem Flug von Caracas nach Paris über der Insel Guadeloupe erfahren haben. Alle Passagiere kamen ums Leben, unter ihnen auch unser Dr. Vladimir Vince. Noch heute sehe ich meinen Vater, wie er in unserer Hausbibliothek mit der Zeitung in der Hand Händen und voller Schmerz ständig wiederholt: Niemand hat überlebt, niemand hat überlebt. Und Don Vladimir war nur 45 Jahre alt. Zum ersten Mal sah ich meinen Vater weinen: Er verlor den Freund, den er mehr als einen Bruder liebte. Sie hatten die Nachkriegsjahre im römischen Exil gemeinsam durchlebt, und ab 1946 verband sie besonders ihre Mitgliedschaft im Opus Dei miteinander. Don Vladimir hat sich Gott schon als Numerarier im Opus Dei hingegeben, dann Theologie studiert und war Priester geworden. Mein Vater wurde ebenfalls Mitglied des Opus Dei, nämlich Supernumerarier, dann Familienvater und Professor an der Fakultät für Journalismus der Universität von Navarra in Spanien.

Don Vladimir wurde am 15. Dezember 1923 in Đakovo geboren als Kind der frommen Eltern Ivan und Dragica Vince. In Travnik besuchte er das Jesuiten-Gymnasium und maturierte in Zagreb. Als er dort mit dem Jurastudium begann, brach der Zweite Weltkrieg aus, und er wurde einberufen, blieb aber nicht lange beim Militär, sondern wurde als Beamter an die kroatische Botschaft nach Rom beordert. Nach der Kapitulation Italiens im September 1943 blieb er in Rom, studierte an der Lateranuniversität Jura und schloss mit „magna cum laude“ ab. Er promovierte 1956 in Zivilrecht und 1959 in Theologie. Nach einem sechsjährigen Philosophie- und Theologiestudium wurde er am 10. August 1958 in der St.-Michaels-Basilika in Madrid zum Priester geweiht. Er war Seelsorger an verschiedenen Studentenheimen des Opus Dei in mehreren Ländern. Außerdem lehrte er als Professor an verschiedenen theologischen Akademien. In dieser Zeit vervollkommnete er seine italienischen, spanischen, deutschen und französischen Sprachkenntnisse, beherrschte aber auch seine kroatische Muttersprache perfekt in Wort und Schrift. Er wurde spanischer Staatsbürger und reiste mit einem spanischen Pass durch die Welt.

Dr. Vladimir Vince (1923-1968) war als Leiter der Kroatischen Auslandseelsorge auch in Köln ein gern gesehener Gast.

Bekanntlich fanden seinerzeit im Rahmen der so genannten „Ostpolitik“ des Heiligen Stuhls langwierige Verhandlungen mit Jugoslawien statt. Obwohl die kroatischen Bischöfe dafür waren, dass im Interesse einer größeren Glaubensfreiheit ein „modus vivendi“ zwischen der Katholischen Kirche und der kommunistischen Regierung in Belgrad gefunden werden sollte, wollten sie – und zwar allen voran Kardinal Šeper – die von Belgrad vorgeschlagene Formulierung eines sogenannten „Protokolls“ nicht akzeptieren, in dem die patriotische Tätigkeit kroatischer Priester in der Emigration verurteilt werden sollte. Anders als Emigranten anderer Nationen hatten diese Priester keinen vom Heiligen Stuhl mit entsprechender Autorität ausgestatteten Koordinator, der die Seelsorge für Auslandskroaten hätte leiten können. Dabei wurden die Hilferufe nach neuen Missionaren aus der Heimat immer dringlicher, da Tausende von Menschen als Gastarbeiter nach Deutschland und in andere westeuropäische Länder kamen. Im Einvernehmen mit dem kroatischen Episkopat suchte der Heilige Stuhl jahrelang nach einem geeigneten Priester für die Leitung der Kroatenseelsorge im Ausland. Dieser Geistliche sollte einerseits unabhängig sein gegenüber radikalen Teilen der kroatischen Emigration und andererseits frei von Einfluss und Druck seitens der jugoslawischen Obrigkeit.

Da die kroatischen Bischöfe während des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) öfter in Rom weilten, haben sie oft über mögliche Kandidaten beraten, sei es unter sich, sei es mit Vertretern des Heiligen Stuhles.

Wir wissen heute, dass sich die Bischöfe in dieser Frage zwar nicht einig, schließlich aber doch einmütig der Meinung waren, am Besten für diese Aufgabe geeignet sei Dr. Vladimir Vince: Priester des Opus Dei, selbst ein politischer Emigrant, der sich aber absolut außerhalb der aktiven Politik bewegte. Als ihm der Heilige Stuhl diese Posten anbot, wollte er sich erst mit dem Gründer des Opus Dei beraten, dem inzwischen heiliggesprochenen Josefmaria Escrivá. Und dieser ließ Vince völlig frei nach seinem eigenem Gewissen entscheiden. Überzeugt davon, dass er auf diese Weise viel Gutes für die Kirche und für seine Landsleute in der Emigration tun konnte, entschied sich Dr. Vince, dem Wunsch von Papst Paul VI. zu entsprechen, der ihn dann am 25. Juni 1966 zum Leiter der Seelsorge für die Auslandskroaten ernannte.

Bedauerlich, dass die vatikanischen Diplomaten nicht noch vorsichtiger und schlauer waren, denn sie haben Vladimir Vinces Ernennung ausgerechnet auf dasselbe Datum ausgestellt, an dem das „Belgrader Protokoll“ unterschrieben wurde – und das gerade zur Zeit des berüchtigten Falls Aleksandar Ranković. Das war für gewisse Kreise der kroatischen politischen Emigration der „Beweis“, dass Vinces Ernennung mit Belgrader Zustimmung geschehen sei. So standen nicht nur radikale Emigranten, sondern auch Teile des Klerus seine Ernennung eher reserviert gegenüber. Das hat aber nicht lange gedauert, denn Vladimir Vince entwaffnete sie alle schnell mit seinem Auftreten, seiner priesterlichen Haltung, seiner großen Gelehrsamkeit, Frömmigkeit und Klugheit sowie einem gesunden kroatischen Patriotismus. Dass er sich in kurzer Zeit durchsetzen konnte, ist freilich auch ein wenig meinem Vater Luka Brajnović zu verdanken, der ständigen Kontakt mit vielen Emigranten pflegte, besonders Kulturschaffenden und Priestern. Manche seiner Reisen hat Dr. Vince zusammen mit meinem Vater in unserem Hause in Spanien geplant. „Don Vlado“ hatte zwar ein Büro in Rom – erst in der Via Crescenzio, dann in der Via del Casalleto – doch die meiste Zeit verbrachte er auf Reisen durch die westeuropäischen Länder. Im Dezember 1967 besuchte er auch Kanada und die Vereinigten Staaten. Natürlich ging er überall in den Häusern des Opus Dei aus und ein.

Im September 1967 organisierte die Kirche in Kroatien aus Anlass der 1900-Jahr-Feier des Märtyrertodes der Apostelfürsten Petrus und Paulus eine große Pilgerfahrt nach Rom. Dort kamen mehrere Tausend Kroaten zusammen. Bei dieser Gelegenheit organisierte Vladimir Vince Exerzitien für kroatische Missionare aus Westeuropa. Mein Vater Luka hielt ihnen einen Vortrag über das Laienapostolat. Dass ein Laie bei Exerzitien für Priester einen Vortrag hält, war damals etwas Neues! Aber für meinen Vater war das kein Problem, denn das Opus Dei bildet seine Angehörigen auch in Theologie gründlich aus. Diese Romwallfahrt wurde zum Anlass vieler schöner Begegnungen von Kroaten aus der Heimat mit ihren emigrierten Landsleuten, die nicht nach Kroatien und Bosnien-Herzegowina reisen durften. So hat auch Dr. Vladimir Vince glückliche Tage erlebt, als er seine Mutter wiedertraf, die er seit 1944 nicht mehr gesehen hatte. Vor seiner verhängnisvollen Reise nach Südamerika flog Don Vladimir am 22. Februar 1968 für zwei Tage nach Madrid. Unsere Familie wohnte damals in Pamplona, aber mein Vater fuhr gerne nach Madrid, um ihn zu treffen. „Don Vlado“ brauchte Informationen über unsere Landsleute in Argentinien „und auch Deine klugen Ratschläge“, wie er meinem Vater schrieb. Mein Vater erinnerte sich später, dass sein Freund Vladimir scherzhaft sagte, er fliege ungern, denn Flugzeuge verunglückten … Als wenn er geahnt hatte, was ihn erwartete. Im Jahre 1992, mehr als 20 Jahren später, kam es bei einer Akademischen Feier an der Universität von Navarra in Pamplona zu einer Begegnung unserer Familie mit dem Nachfolger des hl. Josefmaria Escrivá, dem damaligen Prälaten des Opus Dei, Bischof Alvaro del Portillo, sowie mit dem jetzigen Prälaten, Bischof Javier Echevarría. Sie erzählten uns, wie damals in Rom die Nachricht von Vladimir Vinces Tod eintraf. Als man es dem hl. Josefamaria mitteilte, wirkte er wie vom Schlag getroffen, sagte gar nichts und zog sich sofort in eine Kapelle zurück, wo er lange Zeit im Gebet vor dem Allerheiligsten verharrte. Später erzählte er, er habe den Herrn gefragt, wie Er nur zulassen konnte, dass einer seiner besten Söhne ums Leben kam, einer, den er so gern gehabt habe und der vielen Menschen viel Gutes erwiesen habe. Dann aber habe er einen Seufzer getan: „Gott, ich nehme Deinen Willen an!“ Ähnlich reagierte Vladimirs Mutter, die meinem Vater schrieb: „Niemals habe ich mich dem Willen Gottes widersetzt, aber ich habe viel geweint!“ Nicht nur seiner Mutter, sondern uns allen blieb Dr. Vladimir Vince in bester Erinnerung. Wir erinnern uns an sein heiteres Lächeln und spüren, dass er uns auch heute nahe ist.

  • Olga Brajnović, Glas Koncila, (Stimme des Konzils, Kroatische Kirchzeitung), 05.02.2006