NACH EINER TRADITION aus dem 13. Jahrhundert wird der Ursprung des Rosenkranzgebets dem heiligen Dominikus zugeschrieben. Der Überlieferung zufolge erschien ihm die Jungfrau Maria und lehrte ihn diese Andachtsform. Im 16. Jahrhundert führte Papst Pius V. das liturgische Fest, das wir heute begehen, am Jahrestag des Sieges in der Schlacht von Lepanto ein. Seitdem haben die Päpste dieses Gebet stets als „öffentliches und allgemeines Gebet für die gewöhnlichen und außergewöhnlichen Bedürfnisse der heiligen Kirche, der Völker und der ganzen Welt“1 empfohlen.
Durch die Betrachtung der Geheimnisse des Lebens Christi mit den Augen Marias kann unsere Liebe zu Gott und zu unseren Mitmenschen wachsen. Wie ein Kind, das Hilfe sucht, zu seiner Mutter eilt, so vertrauen wir der Gottesmutter unseren Wunsch an, ganz nahe bei ihrem Sohn zu leben. Ein frommer Christ wandte sich einmal mit den Worten an Maria: „Unbefleckte Jungfrau, ich weiß, dass ich ein armer gebrechlicher Mensch bin und bloß täglich meine Sünden vermehre …“ Daraufhin kommentierte der heilige Josefmaria: „Du hast mir neulich erzählt, dass du so mit Maria, unserer Mutter, sprichst. Und ich habe dir dringend geraten, den Rosenkranz zu beten. Gesegnet sei die Eintönigkeit des fortwährend wiederholten ,Gegrüßet seist du, Maria‘, die die Eintönigkeit deiner Sünden fortwäscht!“2
Papst Benedikt betonte: „Beim Rosenkranzbeten durchlebt man erneut die bedeutenden Momente der Heilsgeschichte; man durchläuft die verschiedenen Etappen der Sendung Christi.“3 Der Rosenkranz hilft uns, Hand in Hand mit Maria in die Geheimnisse Jesu einzutreten und sie mitzuerleben. Maria ist das Geschöpf, das Christus am besten kennt, denn er nahm, wie der heilige Johannes Paul II. festhielt, „in ihrem Schoß Gestalt an und empfing von ihr ein dem ihren ähnliches menschliches Antlitz, was eine noch tiefere geistliche Verbundenheit mit sich bringt“4. Maria näherzukommen, bedeutet, ihrem Sohn Jesus näherzukommen.
DER HEILIGE JOSEFMARIA empfahl, den Rosenkranz nicht nur mit den Lippen zu beten, sondern mit dem tiefen Wunsch, Jesus und Maria in jeder einzelnen Szene zu begleiten. „Hast du diese Geheimnisse jemals wirklich betrachtet? Werde klein! Komm mit mir, und wir werden – das ist der Kern meines vertrauensvollen Gesprächs mit dir – das Leben von Jesus, Maria und Josef leben. Täglich werden wir ihnen erneut zu Diensten stehen. Wir werden ihre familiären Gespräche mitanhören, den Messias aufwachsen sehen und die dreißig Jahre seines verborgenen Lebens bestaunen ... Wir werden bei seinem Leiden und Tod zugegen sein ... und zur Herrlichkeit seiner Auferstehung aufblicken ... Mit einem Wort: Verrückt vor Liebe (denn es gibt keine andere Liebe als die Liebe) werden wir jeden Augenblick des Lebens Jesu Christi betrachten.“5
Das beschauliche Leben ermöglicht es uns, jedes Ereignis tiefer zu erleben, es mehr zu genießen und mitfühlender sowie verständnisvoller zu werden, wie jemand, der Gott sehr nahe hat. Es ist ein Unterschied, ob man einen Sonnenuntergang einfach nur sieht oder ihn wirklich betrachtet. Ebenso kann man an einem Kunstwerk vorbeigehen und ihm nur einen flüchtigen Blick zuwerfen, oder aber man hält inne und bewundert die Elemente, die seine Schönheit ausmachen. Diese beschauliche Lebensweise hilft uns, nicht an der Oberfläche zu bleiben, sondern uns tief auf das einzulassen, was die Realität uns bietet – besonders im Umgang mit anderen Menschen. Auch beim Rosenkranzgebet können wir diese Haltung des Staunens und der Tiefe einnehmen.
Daher geht es beim Rosenkranz nicht einfach darum, mechanisch Ave-Marias zu wiederholen, sondern darum, zu entdecken, was hinter diesen Gebeten liegt: Wir verbinden uns mit dem Leben von Jesus, Maria und dem Engel Gabriel, indem wir ihre eigenen Worte wiederholen. Schritt für Schritt soll ihr Leben Teil unseres eigenen werden. Wir möchten mit ihnen und mit Gott „atmen“, wie Papst Franziskus es beschreibt: „Kontemplation ist weniger ein Tun als vielmehr ein Sein: kontemplativ sein. Kontemplation hängt nicht von den Augen ab, sondern vom Herzen. Und hier kommt das Gebet ins Spiel, als Akt des Glaubens und der Liebe, als ,Atem‘ unserer Beziehung zu Gott. Das Gebet läutert das Herz und erhellt damit auch den Blick, indem es uns erlaubt, die Wirklichkeit aus einer neuen Perspektive zu sehen.“6
ES KOMMT häufig vor, dass wir den Rosenkranz nicht so beten und betrachten können, wie wir es uns wünschen – sei es aus Zeitmangel oder wegen fehlender Konzentration. Wir bemühen uns, über die Geheimnisse nachzudenken, die in den Ave-Marias verborgen sind, doch oft schweifen unsere Gedanken zu anderen Dingen ab, die uns beschäftigen. In solchen Momenten können uns die Worte des heiligen Josefmaria Trost und Ermutigung spenden: „Versuche, Zerstreuungen zu vermeiden, aber mach dir keine Sorgen, wenn du immer wieder abgelenkt bist. Siehst du nicht, wie im natürlichen Leben selbst die aufmerksamsten Kinder oft mit ihrer Umgebung spielen und sich amüsieren, ohne immer darauf zu achten, was der Vater ihnen sagt? Das geschieht nicht aus Mangel an Liebe oder Achtung, sondern weil Kinder schwach und klein sind.“7
Der Kampf beim Rosenkranzgebet sollte nicht einfach darin bestehen, Ablenkungen zu vermeiden. Vielmehr können wir diese nutzen, um unser Gebet zu vertiefen, indem wir unsere Gedanken Maria anvertrauen. So haben es die Heiligen im Laufe der Geschichte getan. Der heilige Johannes Paul II. schrieb zum Beispiel: „Das Rosenkranzgebet hat mich in Zeiten der Freude und der Not begleitet. Viele meiner Sorgen habe ich in dieses Gebet gelegt und darin stets Kraft und Trost gefunden.“8
Unter all den Anliegen, die wir dem Rosenkranz anvertrauen können, haben die Päpste in letzter Zeit zwei besonders hervorgehoben: den Frieden und die Familie. Johannes Paul II. betonte, dass das Rosenkranzgebet „einen friedensstiftenden Einfluss auf den Beter selbst ausübt. Es bereitet ihn darauf vor, den tiefen Frieden in sich selbst zu erfahren und ihn an seine Umgebung weiterzugeben.“9 Ebenso betonte er die Bedeutung des Rosenkranzes für die Familie: „Eine Familie, die gemeinsam betet, bleibt vereint. Seit jeher wird der Rosenkranz als Gebet gepflegt, bei dem sich die Familie versammelt. Wenn die einzelnen Familienmitglieder ihren Blick auf Jesus richten, werden sie fähig, einander wieder in die Augen zu sehen, miteinander zu sprechen, füreinander einzustehen, einander zu vergeben und in einem durch den Heiligen Geist belebten Liebesbündnis neu zu beginnen.“10 Diese beiden Anliegen – den Frieden und die Stärkung der Familie – wollen wir Maria anvertrauen, damit wir zu Familien werden, die Frieden ausstrahlen, wo immer sie sind.
1 Hl. Johannes XXIII., Il religioso convegno, 29.9.1961.
2 Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, Nr. 475.
3 Benedikt XVI., Ansprache, 3.5.2008.
4 Hl. Johannes Paul II., Rosarium Virginis Mariae, Nr. 10.
5 Hl. Josefmaria, Der Rosenkranz, Prolog.
6 Franziskus, Audienz, 5.5.2021.
7 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 890.
8 Hl. Johannes Paul II., Rosarium Virginis Mariae, Nr. 2.
9 Ebd., Nr. 40.
10 Ebd., Nr. 41.