„Die Apostel Petrus und Paulus haben die Kirche begründet; sie haben den Kelch des Herrn getrunken, nun sind sie Gottes Freunde.“1 Mit diesen Worten führt uns die Liturgie in das heutige Hochfest ein: Die Apostel Petrus und Paulus sind als Grundpfeiler der Christenheit anerkannt. Petrus ist der Fels, auf dem Jesus seine Kirche gebaut hat, und Paulus, mit seinen Reisen und Schriften, der Apostel der Weltkirche. Durch ihren Märtyrertod haben sie die Einheit und Universalität des neuen Gottesvolkes bekräftigt.
Ihr Leben war nicht in erster Linie von ihren persönlichen Eigenschaften bestimmt, sondern von ihrer Begegnung mit Jesus Christus: Er war es, der sie heilte und zu Hirten für ihre Brüder bestellte. Petrus wurde von seiner Skepsis befreit. Auch wenn er stark und ungestüm war, musste er die Niederlage der vergeblichen Mühe und einer umsonst durchwachten Nacht hinnehmen. Die Netze waren leer, und er war versucht, missmutig alles hinzuwerfen. Doch im Vertrauen auf Jesu Worte ‒ Fahr hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! (Lk 5,4) ‒ war er bereit, einen neuen Versuch zu wagen: Er vertraute darauf, dass die Mühe nicht umsonst war, solange Christus im selben Boot war.
Paulus hingegen wurde, so Papst Franziskus, „von dem religiösen Eifer befreit, der ihn zu einem glühenden Verfechter der überkommenen Traditionen gemacht hatte (vgl. Gal 1,14).“2 Er war nicht offen dafür, in Jesus den erwarteten Messias zu erkennen, und verschloss sich so der göttlichen Liebe. Doch nach seinem Sturz auf dem Weg nach Damaskus begann er mit der Überzeugungskraft eines Menschen zu lehren, der „die Freude, Gott anzugehören, intensiv gekostet hat“3, wie der heilige Josefmaria sagte. Sein neues Leben wurzelte in dieser persönlichen Begegnung mit Christus. Papst Franziskus kommentierte: „Petrus und Paulus übermitteln uns das Bild einer Kirche, die unseren Händen anvertraut ist und die zugleich vom Herrn mit Treue und Zärtlichkeit geleitet wird (...); einer schwachen Kirche, die durch die Gegenwart Gottes stark ist; einer befreiten Kirche, die der Welt jene Befreiung bietet, die sie sich selbst nicht geben kann.“4
JESUS warf vor den versammelten Jüngern einmal die Frage auf: Für wen halten die Menschen den Menschensohn? (Mt 16,13). Da berichteten sie, was sie im Volk gehört hatten: Man hielt ihn für Johannes den Täufer, Elija, Jeremia, einen der Propheten ... Dann aber wollte Jesus, dass jeder von ihnen eine persönliche Antwort gebe: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete und sprach: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! (Mt 16,15-16).
Auf diese Antwort hin teilte Jesus Simon mit, dass er der Fels sein werde, auf den er seine Kirche bauen wolle. Und er fügte hinzu, dass seine Kraft nicht von seinen persönlichen Qualitäten abhängen werde – nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart (Mt 16,17) –, sondern von der Macht Gottes, des Vaters im Himmel. Und dann erleben wir, wie Petrus, kaum dass wir ihn als Felsen angenommen haben, vom Herrn zurechtgewiesen wird: Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen (Mt 16,23). Gerade diese Spannung zwischen dem, was Gott gibt, und dem, was der Mensch vermag, kennzeichnet das Leben nicht nur des heiligen Petrus, sondern auch der Kirche und eines jeden von uns. Auf der einen Seite Licht und Kraft, die von oben kommen, auf der anderen Seite die menschliche Schwachheit, die Gott jedoch verwandeln kann, wenn er ein demütiges Herz vorfindet.
Papst Benedikt führt aus: „Die Kirche ist nicht eine Gemeinschaft von Vollkommenen, sondern von Sündern, die zugeben müssen, dass sie der Liebe Gottes bedürfen, dass sie es nötig haben, durch das Kreuz Jesu Christi gereinigt zu werden.“5 Petrus wandelte sich nicht von einem Tag auf den anderen. In seinem Leben wird er fortwährend Gottes Gaben und seine persönlichen Schwächen erfahren. So war er der Fels der Kirche: Er spürte stets seine Unzulänglichkeiten, doch er fand in der Liebe Christi seinen Anker.
DER HEILIGE PAULUS gilt als Apostel der Heiden, das heißt all jener, die nicht dem jüdischen Volk angehörten. Mit Abstand betrachtet liegt gerade darin etwas Paradoxes: Er, der glühend die getauften Juden verfolgt hatte, weil sie dem Judentum entwachsen waren, zeichnete sich später dadurch aus, dass er den Heidenvölkern das Heil Gottes verkündete. Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, um die Schwachen zu gewinnen. Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten (1 Kor 9,22), schrieb er an die Korinther. Gottes Pläne übersteigen stets unsere Vorstellungskraft.
Nichts kann einen Christen von seinen Brüdern trennen. Alles, was Paulus von den anderen Menschen unterschieden hatte, löste sich in Luft auf, nachdem er dem Herrn begegnet war. Benedikt XVI. sagte über diese Begegnung: „Das hat sein Herz geweitet, es offen gemacht für alle. (...) Er ist fähig geworden, mit allen einen Dialog zu führen.“6 Und der heilige Josefmaria kommentierte: „Des Menschen Herz vermag sich wunderbar zu weiten. Wenn es liebt, sprengt es, in einem Crescendo der Liebe, alle Fesseln. Wenn du Gott liebst, findet jedes Geschöpf in deinem Herzen Platz.“7 Zu einer solchen Weitung des Herzens kam es beim heiligen Paulus in dem Moment, als ihm Christus persönlich begegnete.
Maria, die Mutter der Kirche, möchte alle ihre Kinder vereint wissen. Wie der heilige Josefmaria schrieb: „Es ist kaum möglich, die Jungfrau authentisch zu verehren, ohne sich zugleich den übrigen Gliedern des mystischen Leibes enger verbunden zu fühlen, auch mit dem sichtbaren Haupt dieses Leibes, dem Papst.“8 Wie dem Petrus möge sie auch uns helfen, angesichts unserer Gebrechen nicht die Hoffnung zu verlieren und uns im Felsen, der Gott ist, zu verankern. Und wie das Herz des Paulus möge sie auch unsere Herzen weiten, damit wir die Brüderlichkeit entdecken, die uns mit allen Menschen verbindet.
1 Schott Messbuch, Eröffnungsvers, Hochfest Peter und Paul.
2 Franziskus, Predigt, 29.6.2021.
3 Hl. Josefmaria, Notizen von einem Familientreffen, 25.8.1968.
4 Franziskus, Predigt, 29.6.2021.
5 Benedikt XVI., Predigt, 29.6.2012.
6 Benedikt XVI., Audienz, 3.9.2008.
7 Hl. Josefmaria, Kreuzweg, VIII. Station, Nr. 5.
8 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 139.
