JESUS erzählte bei einer Gelegenheit von einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte (vgl. Mt 18,23-35). Einer von ihnen schuldete ihm zehntausend Talente – eine geradezu unvorstellbare Summe. Da er die Schuld nicht zurückzahlen konnte, ordnete der Herr an, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen. Doch da fiel der Knecht vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen. Der Herr des Knechtes hatte Mitleid, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld.
Der Knecht bittet lediglich um Zeit. Doch der König gewährt ihm weit mehr: Er erlässt ihm die gesamte Schuld. Etwas Ähnliches erfahren wir jedes Mal, wenn wir uns im Sakrament der Versöhnung an Gott wenden. Wenn wir unsere Sünden bekennen und „Gott uns vergibt, dann vergisst er all das Böse, das wir getan haben“, erklärt Papst Franziskus. „Jemand sagte mal, dass die Vergebung Gottes Krankheit ist: Er hat kein Gedächtnis (...). Gott verliert die Erinnerung an die hässlichen Geschichten so vieler Sünder, an unsere Sünden. Er verzeiht uns und setzt seinen Weg fort.“1
Die Schuld des Knechtes war so groß, dass er sie niemals hätte begleichen können. Er war ganz auf die Großzügigkeit seines Herrn angewiesen. Auch die Vergebung unserer Sünden können wir uns nicht verdienen; wir empfangen sie als Geschenk der Barmherzigkeit Gottes. In der Beichte befreit er uns von dem, was uns von ihm trennt, und schenkt uns einen neuen Anfang. Deshalb empfiehlt die Kirche, dieses Sakrament regelmäßig zu empfangen. Das Bekenntnis auch der lässlichen Sünden hilft uns, so der Katechismus, „unser Gewissen zu bilden, gegen unsere bösen Neigungen anzukämpfen, uns von Christus heilen zu lassen und im geistigen Leben zu wachsen“. Und er fügt einen Gedanken hinzu, der bereits auf die Fortsetzung des Gleichnisses vorausweist: „Wenn wir in diesem Sakrament öfter das Geschenk der Barmherzigkeit Gottes empfangen, wird es uns drängen, selbst barmherzig zu sein wie er.“2
DIE GESCHICHTE, die Jesus erzählt, geht weiter.
Der begnadigte Knecht trifft einen Mitknecht, der ihm hundert Denare schuldet. Das ist zwar eine beträchtliche Summe, im Vergleich zu der ihm selbst erlassenen Schuld jedoch verschwindend wenig. Der Mitknecht wirft sich ihm zu Füßen und bittet mit beinahe denselben Worten um Geduld. Doch der Knecht weigert sich und lässt ihn ins Gefängnis werfen, bis die Schuld beglichen ist. Als der König davon erfährt, stellt er ihn zur Rede und übergab ihn den Peinigern, bis er die ganze Schuld bezahlt habe (Mt 18,34).
Anderen zu vergeben, kann auch uns selbst befreien. Wer an erlittenem Unrecht festhält, läuft Gefahr, dass Bitterkeit oder Groll im Herzen Wurzeln schlagen. Vergebung bedeutet nicht, das Geschehene gutzuheißen oder so zu tun, als wäre nichts gewesen. Sie bedeutet, darauf zu verzichten, den anderen innerlich auf seine Schuld festzulegen. Der heilige Paulus empfiehlt: Ertragt einander und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat! (...) Und der Friede Christi triumphiere in euren Herzen (Kol 3,13.15).
Wir können vergeben, weil Gott uns zuerst vergeben hat. Seine Barmherzigkeit ist das Vorbild und zugleich die Kraft für unsere eigene. Und doch macht Jesus deutlich, dass wir die empfangene Vergebung nicht für uns behalten können: Sie soll unser Herz verwandeln und barmherzig gegenüber anderen machen. Bitten wir den Herrn in dieser Zeit des Gebets um die Gnade, „vom ersten Augenblick an“ vergeben zu können, wie der heilige Josefmaria schrieb, im Bewusstsein dessen, dass, „auch wenn der Schaden oder die Beleidigung noch so groß ist, Gott uns mehr vergeben hat“3.
DER HEILIGE JOSEFMARIA betonte, dass die Bereitschaft zu vergeben etwas Göttliches ist. Gott selbst ist Mensch geworden, um uns mit sich zu versöhnen und unsere Sünden zu vergeben. Daher konnte der heilige Johannes Chrysostomus sagen, dass „nichts uns Gott so ähnlich macht, als wenn wir uns gegen die Bösen und Missetäter versöhnlich zeigen“4.
Meist zeigt sich diese Bereitschaft in den kleinen Konflikten des Alltags: in einem unbedachten Wort, einem Missverständnis oder einer Kränkung. Nicht immer ist klar, wer den ersten Schritt zur Versöhnung tun sollte. Doch gerade dann kann es helfen, nicht darauf zu warten, dass der andere beginnt. Der Prälat des Opus Dei lädt dazu ein, zu bedenken, dass „eine aufrichtige Geste der Bitte um Vergebung oftmals der einzige Weg ist, um die Harmonie der Beziehungen wiederherzustellen, auch wenn wir – mehr oder weniger zu Recht – denken, wir seien der Teil gewesen, der mehr beleidigt worden ist.“5 Um Vergebung zu bitten bedeutet nicht unbedingt, die ganze Schuld auf sich zu nehmen; es kann schlicht bedeuten, dass uns die Gemeinschaft mit dem anderen wichtiger ist als die Frage, wer recht hat. Von Jesus und Maria können wir lernen, dass Vergebung keine Schwäche ist, sondern eine der stärksten Ausdrucksformen der Liebe.
Wie weit die Vergebung gehen kann, zeigt uns Jesus am Kreuz. Noch während er gekreuzigt wird, bittet er: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! (Lk 23,34). Und unter dem Kreuz steht Maria. Der heilige Josefmaria schreibt über sie: „Der Schmerz in ihrem Herzen muss sehr tief gewesen sein, als sie den Ausbruch kollektiver Raserei bei Jesu Leiden und Tod miterlebte. Doch Maria sagte kein Wort. Sie liebte, schwieg und vergab, genauso wie ihr Sohn. Das ist die Kraft der Liebe.“6 Von Jesus und Maria können wir lernen, dass Vergebung keine Schwäche ist, sondern eine der stärksten Ausdrucksformen der Liebe.
1 Franziskus, Tagesmeditation, 17.3.2020.
2 Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1458.
3 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 452.
4 Hl. Johannes Chrysostomus, Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus, Homilie 19, Nr. 7.
5 Msgr. Fernando Ocáriz, Hirtenbrief, 16.2.2023, Nr. 8.
6 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 237.
