NACHDEM Jesus eine Schar von Kinder gesegnet hatte, kam ein führender Mann zu ihm, kniete nieder und fragte: Was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen? (Mt 19,16). Jesus verwies ihn zunächst auf die Gebote. Als der Mann erklärte, er halte sie von Jugend an, eröffnete ihm der Herr eine neue Perspektive: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib ihn den Armen; und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach! (Mt 19,21).
Jesus lädt ihn ein, in seiner Beziehung zu Gott einen Schritt weiterzugehen. Die Gebote zu halten ist notwendig, doch das christliche Leben erschöpft sich nicht darin, das Richtige zu tun. Das ewige Leben können wir uns nicht durch eigene Leistung verdienen; es ist ein Geschenk Gottes. Jesus ruft den jungen Mann deshalb dazu auf, seine Sicherheiten loszulassen und ihm selbst zu folgen.
„Nachfolge Christi ist nicht eine äußerliche Nachahmung, sondern berührt den Menschen in seinem Innersten“, schreibt Johannes Paul II. „Jünger Christi zu sein bedeutet, ihm gleich geworden zu sein.“1 Jesus möchte nicht nur das Verhalten des jungen Mannes bestimmen, sondern zum Mittelpunkt seines Lebens werden. Darin liegt die Größe, zu der Gott uns ruft. Der heilige Josefmaria sagt: „Wir sollen kein flaches Leben führen! (...) Er will, dass wir die Liebe Christi zu uns erkennen, die alle Erkenntnis übersteigt.“2
AUF DIE EINLADUNG JESU, alles zu verlassen und ihm nachzufolgen, ging der junge Mann betrübt weg: Denn er hatte ein großes Vermögen (Mt 19,22). Er hatte gehofft, die Antwort auf seinen Durst nach Glück zu finden. Doch als Jesus ihn um sein Herz und damit um alles bat, was ihm Sicherheit gab, schreckte er zurück. Er wäre bereit gewesen, jegliche gute Tat zu vollbringen, um das ewige Leben zu erlangen, die vollständige Hingabe an den Herrn aber erzeugte in ihm ein Schwindelgefühl, dem er sich nicht gewachsen fühlte.
Nicht nur sein Reichtum hinderte ihn an der Nachfolge. Vielleicht fürchtete er auch, sein irdisches Glück opfern zu müssen, um das ewige zu gewinnen. Er erkannte nicht, dass Jesus ihm nichts nehmen, sondern sein Leben auf ein festeres Fundament stellen wollte. Der heilige Josefmaria schreibt: „Dein Boot – deine Fähigkeiten, deine Pläne, deine Erfolge – ist zu nichts nutze, es sei denn, du stellst es Christus zur Verfügung, lässt ihn freien Herzens einsteigen, und verzichtest darauf, aus deinem Nachen einen Götzen zu machen. Du allein mit deinem Boot, aber ohne den Meister, eilst – übernatürlich gesprochen – dem sicheren Schiffbruch entgegen. Nur wenn du die Nähe des Herrn suchst und ihm das Steuer überlässt, wirst du die Stürme und Klippen des Lebens heil überstehen. Gib alles in die Hände Gottes: Lass deine Gedanken, deine schönen Vorstellungen, deine edlen Bestrebungen, die reinen Sehnsüchte deiner Liebe durch das Herz Jesu hindurchgehen.“3
Jesus wusste, was diesem Mann fehlte. Obwohl er die Gebote hielt, blieb in ihm eine Unruhe. Der Herr lud ihn deshalb, wie Papst Franziskus sagt, ein, „von den Geboten (...) zur freien und vollkommenen Liebe überzugehen“4. Nicht ein Leben, dem alles genommen wird, stellt Jesus ihm vor Augen, sondern ein freies Herz. Denn was wir krampfhaft festhalten, kann uns schließlich daran hindern, Gott und die anderen zu lieben.
MANCHMAL KANN wie beim reichen jungen Mann der Eindruck entstehen, die Nachfolge Jesu bedeute, auf das Gute im Leben zu verzichten, um das ewige Glück zu gewinnen. Der Weg zur Heiligkeit erscheint dann als ständige Selbstüberwindung und Selbstverleugnung. Doch das wäre eine verzerrte Sicht des christlichen Lebens. Gewiss gehört der Kampf gegen Neigungen dazu, die uns vom Guten wegführen. Das Ziel besteht jedoch nicht darin, immer besser zu verzichten, sondern das Gute immer deutlicher zu erkennen und mit wachsender Freude zu wählen. Die Tugenden formen unsere Neigungen so, dass wir Geschmack an dem finden, was unsere tiefsten Sehnsüchte wirklich erfüllt.
„Wer Christus einlässt, dem geht nichts, nichts – gar nichts verloren von dem, was das Leben frei, schön und groß macht“, wandte sich Papst Benedikt einmal an die Jugend. „Erst in dieser Freundschaft öffnen sich die Türen des Lebens. Erst in dieser Freundschaft gehen überhaupt die großen Möglichkeiten des Menschseins auf. Erst in dieser Freundschaft erfahren wir, was schön und was befreiend ist. (...) Ja, aprite, spalancate le porte per Cristo – öffnet Christus weit die Pforten – dann findet ihr das wahre Leben.“5 Die Heiligen zeigen uns, dass ein Leben mit Christus nicht ärmer, sondern reicher wird. Der heilige Josefmaria spricht von einer Erkenntnis, die viele zwar ahnen, aber nicht begreifen: „dass das wahre Glück, der wahre Dienst am Nächsten, durch das Herz unseres Erlösers geht.“6 Bitten wir Maria, unser Herz für ihren Sohn zu öffnen, damit wir schon auf Erden jene Freude finden, die im Himmel ihre Vollendung erreicht.
1 Hl. Johannes Paul II., Veritatis Splendor, Nr. 21.
2 Hl. Josefmaria, Brief 7, Nr. 32.
3 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 21.
4 Franziskus, Botschaft, 29.6.2021.
5 Benedikt XVI., Predigt, 24.4.2005.
6 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 93.
