JESUS gab seinen Jüngern einmal den Rat: Eure Hüften sollen gegürtet sein und eure Lampen brennen! (Lk 12,35). Damit griff er zwei Bilder aus dem Alltag seiner Zeit auf: Wer auf Reisen ging oder sich an die Arbeit machte, gürtete sein weites Gewand, um sich frei bewegen zu können. Und wer Besuch erwartete, hielt seine Lampe brennend. Beide Bilder stehen für Bereitschaft und Aufmerksamkeit.
Mit diesen Worten ruft Jesus seine Jünger zur Wachsamkeit auf, damit sie ihm bis zu seiner Wiederkunft treu bleiben. Doch diese Haltung betrifft ebenso unser tagtägliches Leben. Papst Franziskus versteht darunter auch „die normale Haltung (...), die wir im Leben einnehmen sollen, damit wir unsere guten Beschlüsse, die wir manchmal nach einem schwierigen Unterscheidungsprozess gefasst haben, beharrlich und konsequent umsetzen und Frucht tragen lassen“1. Wachsamkeit hilft uns also, das Geschenk unserer Berufung zu bewahren und ihr im Alltag treu zu bleiben.
Das Gegenteil ist die Schläfrigkeit der Seele – eine innere Trägheit, die uns für Gottes Anruf unempfänglich macht. Papst Benedikt XVI. warnt davor, dass sie uns „in die Selbstgefälligkeit eines gesättigten Daseins“ führen kann und dass „diese Stumpfheit der Seele, dieser Mangel an Wachsamkeit, ... dem Bösen Macht gibt in der Welt.“2 Jesus ruft uns deshalb zu einer wachen, aufmerksamen Liebe auf. Sie bewahrt uns davor, uns in unseren Sicherheiten einzurichten, und lässt uns erkennen, dass unsere eigentliche Sicherheit in Gott liegt, der über uns wacht.
JESUS vergleicht diese Wachsamkeit mit der Haltung von Dienern, die auf die Rückkehr ihres Herrn warten. Sie wissen nicht, wann er kommen wird. Doch sie dürfen sich auf eine Überraschung freuen: Er wird sie am Tisch Platz nehmen lassen und sie der Reihe nach bedienen (Lk 12,37). Der Herr selbst wird zum Diener! Diese Verheißung verweist auf eine Hoffnung, die alle unsere Erwartungen übersteigt. Papst Benedikt XVI. schrieb, dass wir „die kleineren oder größeren Hoffnungen brauchen, die uns Tag um Tag auf dem Weg halten. Sie reichen aber nicht aus ohne die große Hoffnung, die alles andere überragen muss. Diese große Hoffnung kann nur Gott sein, der das Ganze umfasst und der uns geben und schenken kann, was wir allein nicht vermögen.“3
Auch unser Alltag ist voller kleiner Hoffnungen: Wir freuen uns auf ein Familienfest, ein gemeinsames Vorhaben oder einen Ausflug mit Freunden. Solche Erwartungen bereichern unser Leben. Doch die tiefste Freude schenkt uns die Begegnung mit Christus, die wir nicht erst am Ende unseres Lebens erwarten dürfen. Der Prälat des Opus Dei schreibt: „Die tägliche Begegnung mit Jesus im Tabernakel zu erwarten, wird ein Zeichen wahrer Liebe sein.“ Und er fügt hinzu: „Den Tabernakel zum Zentrum und Höhepunkt unserer Erwartungen zu machen, ist ein sicherer Weg, um in der Liebe zu Christus zu wachsen.“4
Wer auf Christus wartet, muss die Freuden dieser Welt nicht gering schätzen. Im Gegenteil: In der Verbundenheit mit ihm gewinnen sie an Tiefe. Die Begegnung mit Jesus in der Eucharistie lässt uns schon heute etwas von jener Freude erfahren, die uns bei seiner endgültigen Wiederkunft in Fülle erwartet.
„ICH SPRECHE gern von einem ,Weg‘“, sagte der heilige Josefmaria, „denn wir sind Wanderer, die unterwegs sind in die himmlischen Wohnungen, in unsere Heimat. Doch bedenkt, dass dieser Weg im Großen und Ganzen recht alltäglich ist und oft keine besonderen Überraschungen bietet (...). Die Gefahr besteht darin, dass wir uns an die Routine gewöhnen und glauben, dass Gott in diesen alltäglichen, scheinbar gewöhnlichen Augenblicken nicht gegenwärtig ist.“5 Tatsächlich kann uns die tägliche Routine den Blick für das Wesentliche verstellen. Wenn sich Aufgaben und Abläufe ständig wiederholen, verlieren wir leicht aus den Augen, welchen Wert unsere Arbeit, unser Familienleben und unsere Freundschaften haben. Doch gerade dort wartet Gott auf uns.
Der Apostel Paulus ermahnt die Korinther: Seid wachsam, steht fest im Glauben, seid mutig, seid stark! Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe (1 Kor 16,13–14). Wachsamkeit bedeutet auch, die Liebe im Alltag lebendig zu halten. Sie lässt uns selbst in den kleinsten Handlungen eine Gelegenheit entdecken, Gott und den Menschen unsere Liebe zu zeigen. Die heilige Thérèse von Lisieux schrieb: „Aus Liebe eine Stecknadel aufheben, kann eine Seele bekehren. Welches Geheimnis! Ah! Jesus allein kann unserem Tun einen solchen Wert verleihen, lieben wir ihn also mit allen unseren Kräften.“6
Auch der heilige Josefmaria ermutigt uns: „Erfülle deine beruflichen Pflichten aus Liebe. Noch einmal: Tu alles aus Liebe. Und du wirst sehen, dass deine Arbeit gerade durch diese Liebe – selbst wenn du Unverständnis, Ungerechtigkeit, Undank oder sogar Misserfolg erfahren magst – ein Wunderwerk hervorbringt: reife Früchte, eine Saat der Ewigkeit“7 Bitten wir Maria, dass sie uns hilft, die Gegenwart ihres Sohnes im Gewöhnlichen zu entdecken und jeden Tag durch unsere Liebe neu werden zu lassen.
1 Franziskus, Audienz, 14.12.2022.
2 Benedikt XVI., Jesus von Nazareth, Teil II, S. 174.
3 Benedikt XVI., Spe Salvi, Nr. 31.
4 Msgr. Fernando Ocáriz, Im Licht des Evangeliums, Das Zentrum der Hoffnungen.
5 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 313.
6 Hl. Therese de Lisieux, Brief 164 (Theresienwerk, Paulinus-Verlag).
7 Hl. Josefmaria. Freunde Gottes, Nr. 68.
