DIE ANFÜHRER des Volkes Israel bemühen sich bereits seit mehreren Tagen, in den Worten Jesu irgendeine Ungereimtheit zu entdecken. Nun ergreifen sie die Initiative und stellen ihm eine Frage, die aus ihrer Sicht eine eindeutige Stellungnahme verlangt: Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht? (Mk 12,14) Die Frage war eine Falle, ein Versuch, den Herrn in die Enge zu treiben: Wenn er sagte, es sei rechtmäßig, galt er in den Augen des jüdischen Volkes als Verräter; wenn er sagte, es sei nicht rechtmäßig, konnte man ihn bei den römischen Behörden der Rebellion anklagen.
Mit seiner Antwort stellt sich Jesus über die Kontroverse: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört! (Mk 12,17). Er erinnert an die Pflichten eines jeden Bürgers gegenüber dem Staat und bekräftigt, dass die Steuerabgabe zu zahlen ist, weil das Bild auf der Münze das des Kaisers ist. Gleichzeitig betont er die Verantwortung eines jeden Menschen gegenüber Gott, da unseren Herzen und Seelen das Bild Gottes eingeprägt ist. Somit zeigt er, dass das von den israelischen Obrigkeiten aufgeworfene Dilemma nur scheinbar besteht.
Der heilige Josefmaria erinnerte häufig daran, dass es keinen Widerspruch gibt „zwischen dem Dienst an Gott und dem Dienst an den Menschen, zwischen den Rechten und Pflichten eines Staatsbürgers und den Rechten und Pflichten eines Christen, zwischen dem Einsatz für die irdische Stadt und der Überzeugung, dass diese Welt ein Weg ist, der uns in die himmlische Heimat führt.“1 Im Gegenteil: Die beiden Bereiche nähren sich gegenseitig, wenn sie in geordneter Weise gelebt werden. Gott die Ehre zu geben, wird dazu führen, dass wir uns um die Welt kümmern, die aus seinen Händen kommt und die er uns als Erbe gegeben hat; gleichzeitig beteiligen wir uns an Gottes Werk, wenn wir uns Seite an Seite mit unseren Mitbürgern für eine gerechtere Welt einsetzen.
GEBT DEM KAISER, was dem Kaiser gehört. Der heilige Josefmaria wiederholte oft, dass wir Christen unsere Arbeit in dieser Welt „mit den Füßen auf der Erde und mit dem Kopf im Himmel“ verrichten sollen. Und er wies seine Kinder darauf hin, dass für sie, „Männer und Frauen der Welt, jede Flucht vor den ehrbaren Wirklichkeiten des alltäglichen Lebens im Gegensatz zum Willen Gottes“2 steht. Die Aufgaben und Pflichten gegenüber der Gesellschaft sind für den Christen ein Weg zur Heiligkeit; wir sind aufgerufen, mit unserer Arbeit dazu beizutragen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen und alle Lebensräume und Berufe dieser Erde mit dem Licht Christi zu beleben.
Alles gehört euch; ihr aber gehört Christus und Christus gehört Gott (1 Kor 3,22-23), erklärte Paulus. „In Anbetracht dieser Wirklichkeit“, schrieb der Prälat des Opus Dei, „freuen wir uns, wenn andere sich freuen, genießen alle guten Dinge, die uns umgeben, und fühlen uns von den Herausforderungen unserer Zeit angesprochen.“3 Aufgrund von Krieg und Armut leiden viele Menschen an verschiedenen Orten der Welt große Bedrängnis und Entbehrungen. Die Worte des heiligen Paulus sind eine Einladung, uns die Nöte dieser Welt zu eigen zu machen, angefangen bei jenen, die in unserer Reichweite liegen: eine schmerzhafte Familiensituation, ein Konflikt am Arbeitsplatz, die Mühe, andere in einem stockenden Projekt zum Weitermachen zu ermutigen, und so weiter.
Wir alle können dazu beitragen, die Probleme in unserer Zeit und unserer Umgebung zu lindern. Aufgrund der Gemeinschaft der Heiligen wissen wir, dass wir uns durch das Gebet und die Sakramente gegenseitig stützen können. Darüber hinaus können wir mit unseren persönlichen Talenten aktiv werden. „Möge die Kreativität des Heiligen Geistes uns ermutigen“, so sagte Papst Franziskus, „neue Formen familiärer Gastfreundschaft, fruchtbarer Geschwisterlichkeit und universaler Solidarität zu entwickeln.“4
GEBT GOTT, was Gott gehört. Nachdem er bekräftigt hat, dass es rechtmäßig ist, dem Kaiser Abgaben zu zahlen, kehrt Jesus eine viel tiefere Realität hervor: Wir gehören Gott. Die Beziehungen, die wir in einer Gesellschaft eingehen, sind wichtig, sie sind Teil unserer Persönlichkeit sowie der Freuden und Sorgen unseres Lebens. Doch der Herr erinnert uns daran, dass wir allem zuvor nach dem Bild Gottes geschaffen wurden. „Auch wenn auf den römischen Münzen das Bildnis des Kaisers eingeprägt war und diese deshalb an ihn erstattet werden mussten“ führt Papst Benedikt den Gedanken aus, „so trägt doch das Herz des Menschen das Prägemal des Schöpfers, des einzigen Herrn unseres Lebens.“5 Wahre Laizität bedeute daher nicht, so der Papst, von der geistlichen Dimension abzusehen. Vielmehr sollte sie anerkennen, dass gerade diese Dimension unsere Freiheit und die Autonomie der irdischen Wirklichkeiten garantiert.
Gott hat uns alles geschenkt, was wir sind. Daher können wir unser Leben Tag für Tag, wie Papst Franziskus sagt, „in der Anerkennung dieser unserer grundlegenden Zugehörigkeit und in der Dankbarkeit des Herzens gegenüber unserem Vater leben, der einen jeden von uns einzeln, unwiederholbar, doch immer nach dem Bild seines geliebten Sohnes Jesus geschaffen hat“6. Das Wissen um unsere Abhängigkeit von Gott schwächt weder unsere Freiheit noch unsere Beziehungen, sondern offenbart uns eine andere Wirklichkeit: Indem wir uns als geliebte Kinder des Schöpfers erkennen, entdecken wir unsere höchste Würde, was dazu führt, dass wir uns als Brüder und Schwestern begreifen.
Bitten wir Maria, Sitz der Weisheit, Ursache unserer Freude, dass wir es verstehen, mit Gottes Hilfe die Welt zu einem besseren Ort zu machen, so wie sie es in ihrem Haus und in Nazaret getan hat.
1 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 165.
2 Hl. Josefmaria, Die Welt leidenschaftlich lieben.
3 Msgr. Fernando Ocáriz, Hirtenbrief, 19.3.2022, Nr. 7.
4 Franziskus, Audienz, 2.9.2020.
5 Benedikt XVI., Audienz, 17.9.2008.
6 Franziskus, Angelus-Gebet, 22.10.2017.
