Herzliche Freude!

Die Blüten, die der Heilige Geist in der Seele sprießen lässt, sind so zahlreich wie die Blüten auf den Wiesen im Frühling...

. „Früchte des Zorns“ oder doch lieber die Früchte des Heiligen Geistes?

Einmal mehr haben wir beim Meditieren der heutigen Sonntagsliturgie die Gelegenheit zu staunen. Wenn schon auf der rein menschlichen Ebene nach Platon „Das Staunen der Anfang der Weisheit (der Philosophie)“ ist, um wieviel mehr gilt das für unsere Beziehung zu Gott. Und worüber können wir staunen? Versetzen wir uns die Urgemeinde vor 2000 Jahren: nach der Steinigung des Stephanus bricht eine Verfolgung der ersten Christen aus, die Apostel werden in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Und doch verbreiten die ersten Jünger des Herrn Freude. Wenn das nicht staunenswert ist…

Hören wir mal in die Texte der hl. Messe hinein: In jenen Tagen kam Philippus in die Hauptstadt Samariens hinab und verkündete dort Christus. Und die Menge achtete einmütig auf die Worte des Philippus; sie hörten zu und sahen die Zeichen, die er tat…So herrschte große Freude in jener Stadt. Als die Apostel in Jerusalem hörten, dass Samarien das Wort Gottes angenommen hatte, schickten sie Petrus und Johannes dorthin.(Apg 8,5-8) Und im Tagesgebet beten wir zu Gott: Allmächtiger Gott, lass uns die österliche Zeit in herzlicher Freude begehen und die Auferstehung unseres Herrn preisen, damit das Ostergeheimnis, das wir in diesen fünfzig Tagen feiern, unser ganzes Leben prägt und verwandelt. An einer anderen Stelle in der Apostelgeschichte heißt es sogar nach der Verhaftung der Apostel Petrus und Johannes: Sie riefen die Apostel herein und ließen sie auspeitschen; dann verboten sie ihnen, im Namen Jesu zu predigen, und ließen sie frei. Sie aber gingen weg vom Hohen Rat und freuten sich, dass sie gewürdigt worden waren, für seinen Namen Schmach zu erleiden.(Apg 5,40f

Unterdrückung, Verfolgung, Folter - und doch immer wieder Freude! Wie geht das? Wie macht man das? Warum sind wir oft nicht froh, obwohl es uns doch recht gut geht? Wer uns die Freude – die Freude und den Frieden, den die Welt nicht geben kann – schenkt, ist der Große Unbekannte, der Gott hinter den Kulissen, der Heilige Geist. Von Ihm hören wir im heutigen Evangelium: Ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll, den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen. In einem ersten Augenblick der Stille bedenken wir eine tiefe Erkenntnis des hl. Josefmaria: Liebe bringt Freude, eine Freude aber, deren Wurzeln die Form des Kreuzes haben. Wie der Heilige Geist am Pfingsttag Frucht des Kreuzes ist, so ist auch das Glück Frucht der Vereinigung mit Christus auf dem Golgota, Frucht des Verzichts, der großzügigen Selbstvergessenheit. Sich im Dienst an den Seelen hingeben, indem man sich selbst vergisst, ist von solcher Wirksamkeit, dass Gott es mit einer Demut voller Freude belohnt.

  • Halten wir ein zweites Mal inne und bedenken wir: Die Suche nach der Freude außerhalb der Liebe zu Gott ist zum Scheitern verurteilt, weil die Geschöpfe den Durst nach Liebe, der das menschliche Herz erfüllt, nicht stillen können. Wenn man ihnen das Herz auf ungeordnete Weise zuwendet, bleiben in der Seele bald Einsamkeit und Traurigkeit zurück. Wie oft sind wir diesem Trug vielleicht schon erlegen? Der Mensch ist von Gott so geschaffen, dass er nur bei Ihm, seinem Schöpfer, das wahre Glück findet. Hier auf der Erde, im irdischen Leben, ist es noch nicht vollkommen, da wir es noch verlieren können. In der Ewigkeit bei Gott ist es auf unvergängliche Weise vollkommen.
  • Mit Worten der spanischen Mystikerin, Francisca Javiera del Valle, die eine einfache Schneiderin war, wenden wir uns zum Schluss an den Heiligen Geist: O wahrer Reichtum! Verborgener Schatz! Wo bist du? Wie sollen die Menschen dich finden? Sie geraten außer sich, um dich zu suchen, und doch liegt dieser große Schatz im Zentrum unserer Seele! Hier hat Gott unsere Freude, unseren Trost, unseren Frieden, unsere Ruhe, das Paradies auf Erden hingelegt, wo man den vorweggenommenen Himmel genießt und sich daran erfreut.

    Pfingsten, die Herabkunft des Heiligen Geistes rückt immer näher: Er, der Große Unbekannte, der Gott hinter den Kulissen, Er ist es, der uns seine Früchte schenken möchte, wenn wir denn dafür bereit sind. Wie oft stehen wir doch mehr oder weniger bewusst vor der Alternative: Früchte des Zorns[1] oder lieber Früchte des Heiligen Geistes. Der Schöpfer Geist schafft Leben, göttli­ches Leben, in uns. Wir können von den Blüten des Heiligen Geistes sprechen, die zu dem wer­den, was wir mit den Worten des Apostels Paulus im Brief an die Galater Frucht nennen: Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung.

    Wenn das so ist, dann wollen wir uns doch lieber den Eingebungen des Heiligen Geistes öffnen und durch sein belebend Wehn zum Baum voller Früchte werden, einladend und wohlschmeckend und nicht Früchte des Zorns. Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt - sagt der Herr beim Letzten Abend­mahl. Die Blüten, die der Heilige Geist in der Seele, die für sein belebend Wehn bereit ist, sprießen lässt, sind so zahlreich wie die Blüten auf den Wiesen in diesen Frühlingsta­gen. Die schönste und wichtigste unter ihnen ist die Liebe, die caritas, die uns mit Gott verbin­det. Sie lässt uns die Nähe Gottes erfahren und uns die Last der anderen mittragen. Thomas von Aquin sagt, sie sei „die erste Regung und die Wurzel aller Regungen. Darum steht unter den Früchten des Heiligen Geistes zuerst die Gottesliebe, in welcher der Heilige Geist in be­sonderer Weise wie in Seinem eigenen Abbild gegeben wird, da Er selbst auch Liebe ist. Auf die Gottesliebe folgt aber mit Notwendig­keit Freude, denn jeder Liebende freut sich über die Verbindung mit den Geliebten.“ Deswegen ist die Freude - erprobt in Leid und Misserfolg - ein unterscheidendes Merkmal des Christlichen.

    Ein sehr ansprechendes Gebet, das Papst Gregor XIII. für die Priester als Vorbereitung auf die Feier der hl. Messe verfasst hat, mag uns inspirieren und in diesen Tagen vor Pfingsten begleiten: Freude mit Frieden, Besserung des Lebens, Raum zu wahrer Reue, die Gnade und den Trost des Heiligen Geistes, Beharrlichkeit in guten Werken, verleihe uns der allmächtige und barmherzige Herr.

    Wie tief sind doch diese Gedanken! Freude führt zum Frieden. Das wiederum setzt eine Besserung des Lebens auf moralischer Ebene voraus, die mit Reue über begangene Fehler verbunden ist: die Freude der Kurskorrektur. All das ist Wirken der Gnade des Heiligen Geistes.

    Übertragen wir das auf unser manchmal doch so graues Alltagsleben. Blicken wir auf die Welt nicht mit traurigem Gesicht. Jene Verfasser von Heiligengeschichten, die um jeden Preis wunderliche Dinge bei den Dienern Gottes schon seit den ersten Atemzügen entdecken wollten – so schreibt einmal der hl. Josefmaria-, haben, sicherlich unbeabsichtigt, der Katechese einen schlechten Dienst erwiesen. Wir haben jetzt mit der Hilfe Gottes gelernt, im scheinbaren Einerlei des Tages eine Zeit wahrer Buße, spatium verae poenitentiae, zu entdecken. Und in diesem Augenblick fassen wir einen Vorsatz für die emendatio vitae, die Besserung unseres Lebens. Das ist der richtige Weg, um uns auf die Gnade und auf die Eingebungen des Heiligen Geistes in der Seele vorzubereiten. Und - ich wiederhole es - mit dieser Gnade kommt das gaudium cum pace: stellen sich die Freude, der Frieden und die Beharrlichkeit auf unserem Weg ein.

    Der sel. Alvaro, der erste Nachfolger des hl. Josefmaria in der Leitung des Opus Dei erinnert uns daran: Eine Freude ohne Gott ist ein Trugbild. Ihr werdet das tagtäglich feststellen, wenn ihr nur eure Umgebung betrachtet: Menschen, die ihren Durst nach Glück bei falschen Götzen zu stillen suchen, die die Eitelkeit, die Sinnlichkeit und der Egoismus errichten; Menschen, die scheinbar Lebensfreude genießen, die aber letztlich die Enttäuschung und Trostlosigkeit ihrer Seele nicht verbergen können.

    Jetzt haben wir so viel über die Freude meditiert – da fragen wir uns: wie könnte man denn Freude, die mehr ist als eine feuchtfröhliche Ausgelassenheit ist, definieren? Knapp und bündig erklärt der hl. Thomas von Aquin: Die Freude besteht im Ausruhen des Willens in der geliebten Person oder Sache.

    Genau das haben wir am Anfang der fünften Osterwoche in einem Tagesgebet der hl. Messe von Gott erbeten: Gott, unser Herr, du verbindest alle, die an dich glauben, zum gemeinsamen Streben. Gib, dass wir lieben, was du befiehlst, und ersehnen, was du uns verheißen hast, damit in der Unbeständigkeit dieses Lebens unsere Herzen dort verankert seien, wo die wahren Freuden sind.

    Wenn man Gott liebt, so ist die daraus entspringende Freude unaussprechlich, ein Schatz, den uns niemand entreißen darf. Sie ist nicht eine bloß physiologische Freude, wie man vielleicht manchmal bei Tieren beobachten kann, die auf der Weide stehen, grasen und sich des Lebens „erfreuen“. Sie ist viel mehr. Sie ist die Freude der Kinder Gottes: eine übernatürliche Gabe, die aus der Gnade hervorgeht und die wesentlich im Frieden der Seele besteht, in jenem Frieden, den die Welt nicht geben kann und den nur Christus schenkt. Ihn bitten wir: Herr, schenk mir im täglichen Auf und Ab deinen Frieden! Lass mich erkennen, dass die Freude, die Frucht des Heiligen Geistes, einen Inhalt hat. Sie ist nicht leer. Sie nimmt alle Ausdrucksformen edler menschlicher Freuden auf und vervielfacht sie, denn sie steht auf dem festen Fundament der Gotteskindschaft. Wir wissen, warum wir zufrieden sind: weil wir Kinder des allmächtigen Gottes sind, der uns wie ein Vater liebt, und weil wir Brüder aller Menschen sind.[5]

    Daran erinnert uns auch der Prälat des Werkes, Don Fernando Ocáriz, in seinem kurzen Hirtenbrief vom 26. April, in dem er uns darum bittet, uns noch inniger mit dem Gebet des Heiligen Vaters um Frieden zu vereinigen: Auch angesichts von Schwierigkeiten und persönlichen Fehlern können wir beim Herrn stets neben dem Frieden auch die Freude darüber finden, dass wir uns ganz sicher sein können: Gott schaut uns immerwährend voller Liebe an. Den Herrn anschauen und wissen, dass er uns anschaut: Das ist unsere Sicherheit, nicht unsere eigenen schwachen Kräfte. Lasst uns also stets danach streben, den Samen des Friedens und der Freude in alle Bereiche unseres Lebens zu tragen: in die Familie, in die Arbeit und in unsere Freundschaften.

    Früchte des Zorns oder Früchte des Heiligen Geistes – damit hatten wir unsere Meditation begonnen. Doch was sollen wir machen, wenn sich diese Freude nicht sogleich einstellt? Auch da kommt uns der Geist Gottes zu Hilfe, indem er in der christlichen Seele andere Früchte hervorbringt, die letztlich neue Ausdrucksformen der Liebe sind: die Geduld und die Langmut. Sie sind Zeichen der Vollkommenheit der Seele angesichts der Schwierigkeiten, die dem Glück entgegenstehen. Auch darum bitten wir Ihn, den Großen Unbekannten, den Gott hinter den Kulissen.

  • [1] Titel eines nobelpreisprämierten Romans von John Steinbeck

    [2] GAUDIUM cum pace, emendationem vitae, spatium verae paenitentiae, gratiam et consolationem Sancti Spiritus, perseverantiam in bonis operibus, tribuat nobis omnipotens et misericors Dominus.

    [3] Christus begegnen 9

    [4] Worte aus einer Homilie des sel. Alvaro del Portillo am 12.4.1984

    [5] Vgl. ebd.

    [6] Vgl. https://opusdei.org/de-de/article/botschaft-des-praelaten-26-april-2026/

    [7] Francisca Javiera del Valle, Dezenarium zum Heiligen Geist