Der hl. Josefmaria Escrivá und der Bürgerkrieg - Freiheit und Wahrheit

Der folgende Ausschnitt aus einem Vortrag des Priesters Benito Badrinas zum Thema: "Der hl. Josefmaria und der Bürgerkrieg" im November 2010 handelt von der Verpflichtung zur Wahrheitssuche und zur echten Gewissensbildung, die eng mit der Freiheit verbunden sind - wesentliche Aspekte des menschlichen Zusammenlebens, die dem Gründer des Opus Dei immer sehr am Herzen lagen.

Relatos biográficos

Der vorliegende Text ist ein Auszug aus einem Vortrag, den der katalanische Priester Benito Badrinas im November 2010 in Seu de Urgell gehalten hat. Ort und Rahmen seiner Ausführungen standen in engem Zusammenhang mit dem Übergang des hl. Josefmaria über die Pyrenäen im Winter 1937/38. Der Titel des Vortrags lautete: „Der hl. Josemaría Escrivá de Balaguer während des spanischen Bürgerkrieges: Gedanken zur Freiheit, zum Zusammenleben und zur Vergebung.“ In diesem Abschnitt geht es über die Verpflichtung zur Wahrheitssuche und zur echten Gewissensbildung, die eng mit der Freiheit verbunden sind.

Vielleicht sind es nur wenige, die wissen, dass sich der hl. Josefmaria 1947 in Rom niederließ, auch wenn dies für seine Aufgabe als Generalpräsident einer weltweiten Institution päpstlichen Rechts nicht unbedingt erforderlich war. Möglicherweise wäre es sogar ratsamer gewesen, noch ein paar Jahre mehr in Spanien zu bleiben. Aber er ging mit einer gewissen Überstürzung und sozusagen gegen die Zeit nach Rom, weil man ihn in seinem Heimatland nicht in Frieden leben ließ. Ich habe ihn nicht nur einmal sagen hören, dass er „ins Exil“ gehen musste, und das war kein Euphemismus. Ich erinnere mich an eine kleine Geschichte unter den vielen, die man zu diesem Thema erzählen könnte.

Als er 1941 von Madrid nach Barcelona fuhr, riet ihm jemand, aus Klugheit das Flugticket unter anderem Namen zu kaufen. Als er in die Stadt kam, musste er, ebenfalls als Vorsichtsmaßnahme, bei einem befreundeten Priester und Universitätsprofessor unterkommen, damit niemand wusste, wo er war. Später erfuhr man dann, dass diese Vorgehensweisen in der Tag notwendig waren, denn als die Nachricht von seinem Aufenthalt dem damaligen Bürgermeister von Barcelona zu Ohren kam, sagte er: "Es freut mich, dass er auf diese Weise gereist ist, denn wenn ich erfahren hätte, dass er nach Barcelona kam, hätte ich ihn auf dem Flughafen verhaften lassen."

Jedenfalls fand er auch außerhalb Spaniens nicht die nötige Achtung vor der Freiheit, um in Frieden zu leben. Es war wohl in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts, als ich ihn bei der Rückkehr von einer langen Reise durch mehrere europäische Länder mit einer gewissen Enttäuschung sagen hörte: "Nirgendwo habe ich echte Freiheit vorgefunden."

Wir würden eine Unzahl von Texten zur Verteidigung der Freiheit finden, die er uns hinterlassen hat, aber wir werden uns heute zeichenhaft mit einem begnügen. Er gehört zu einer Homilie aus dem Jahr 1970, in der er sagte: Einige von euch, die mir jetzt zuhören, kennen mich schon seit vielen Jahren. Ihr könnt bestätigen, dass ich mein Leben lang die persönliche Freiheit und die persönliche Verantwortung gepredigt habe. Ich habe sie überall gesucht und suche sie immer noch, wie Diogenes den Menschen suchte. Ich liebe sie jeden Tag mehr, ich liebe sie über alles; sie ist ein Schatz, unschätzbar groß. (Christus begegnen, Nr. 184)

Heute spricht man viel von Freiheit, aber wenn wir die Lampe des Diogenes hochhalten, wird es auch heutzutage schwierig sein, die wahre, authentische Freiheit zu finden. Was heute überall verbreitet ist und sich wie Unkraut weiter ausdehnt, ist die Karikatur der Freiheit, die Relativismus heißt, dieses täuschende und zersetzende man muss alles respektieren... oder .. alles ist gleich gültig.

Diese Art scheinbarer radikaler Liberalität, die in ungezügelter Freizügigkeit endet, respektiert nicht einmal die persönliche Denkart oder das Gewissen jeder Person, weil sie die Wahrheit nicht respektiert.

Es sei daran erinnert, dass das Gewissen die oberste Richtschnur des Verhaltens darstellt und daher immer geachtet werden muss. Gleichzeitig ist es aber unverzichtbar, dass es sich um ein rechtes Gewissen handelt, das diesen Namen verdient. Kardinal Ratzinger, der Jahre später Papst wurde, dachte über diese Gedankenfreiheit nach und entdeckte einen Widerspruch in dem Fall, dass das Gewissensurteil – dem man zweifellos in jedem Fall folgen muss – als unfehlbar angesehen wird.

Wenn es nämlich so wäre, wenn man es für unfehlbar hielte, dann würde dies bedeuten, dass es keine Wahrheit gibt. Dieser Relativismus hätte daher einen falschen Begriff von dem, was das Gewissen ist, es gäbe nur eine Wahrheit des Subjekts, die letztendlich auf seine Ehrlichkeit reduziert wäre. In diesem Fall, ist das, was jeder denkt oder worauf er sein Leben baut, "nicht das Fenster, von dem aus der Mensch die allgemein gültige Wahrheit in den Blick bekommt (...). Vielmehr ist es dann das Schneckenhaus der Subjektivität, in das sich der Mensch vor der Realität flüchten kann. In diesem Sinn öffnet das Gewissen nicht die Tore zum freimachenden Weg der Wahrheit, sondern ist die Instanz, die uns der Wahrheit enthebt". Das Subjektive stellt sich als etwas dar, was uneingeschränkt respektiert werden muss oder nicht zur Diskussion steht. Man braucht sich nicht darum zu bemühen, die Wahrheit zu suchen, es reicht, frei zu sein bzw. feste eigene Meinungen oder Überzeugungen zu haben und sich denen der anderen anzupassen oder sie zu achten. Dann aber bleiben vom Menschen nur seine oberflächlichen Überzeugungen – schließt Kardinal Ratzinger – und je weniger tief diese sind, um so besser für ihn (J. Ratzinger, Christ sein in einer heidnischen Zeit, sp. Exemplar, S. 30; Madrid 2006.

Das Ergebnis dieses Relativismus ist eine Gesellschaft die sich nicht mehr für die Wahrheit interessiert und sie durch den Imperativ der political correctness, die Bequemlichkeit, die Laune, den Stolz oder den Egoismus ersetzt.

Kardinal Ratzinger sah diesen Irrtum der falsch verstandenen Freiheit und ihrer Konsequenzen sehr deutlich, als er sich einmal mit Freunden unterhielt. "Jemand hielt dieser These (der Gewissensfreiheit ohne Bindung an die Wahrheit) entgegen, dass wenn sie allgemein gültig sei, sogar die Mitglieder der SS gerechtfertigt wären und wir sie im Paradies vermuten müssten." In der Tat waren die Nazis tief von ihrer Sache durchdrungen und überzeugt, auch wenn ihre Taten noch so entsetzlich waren. Daher verhielten sie sich auf er subjektiven Ebene moralisch gut, sobald sie dem Befehl ihres Gewissens folgten. Das ist offensichtlich ein Unding. "An diesem Tag, sagte der damalige Kardinal abschließend, kam er zu der Überzeugung, dass das Verständnis von Gewissen, das zu derartigen Schlussfolgerungen führt, falsch sein musste" (vgl. ebd., S. 31). In der Tat ist die Freiheit nichts Unbestimmtes – ein alles ist gleich gültig –, sondern sie ist der aufrichtigen Suche nach der objektiven Wahrheit unterworfen.

Wir alle kennen die Gestalt, die in ihrer Beziehung zu Jesus Christus eine wichtige Rolle spielte; Pontius Pilatus. Als dieser Statthalter den Meister sagen hörte, dass es der Sinn seines Lebens war, für die Wahrheit Zeugnis zu geben, kam ihm nur die zynische Bemerkung auf die Lippen: Was ist Wahrheit? Und er hatte in der Tat keinerlei Interesse daran. Später wusch er sich dann die Hände in Unschuld und verkündete das ungerechte Urteil, das wir kennen.

Der hl. Josefmaria verstand sehr gut, dass die wahre Freiheit die Suche nach der Wahrheit einschließt. Daher wurde er nicht müde, folgende einfachen, tiefen und meiner Ansicht nach großartigen Worte zu wiederholen: Gewissensfreiheit im Sinne einer Befreiung vom Gewissen? Nein! Wie viel Unheil hat den Völkern und den einzelnen dieser schreckliche Irrtum gebracht, der erlaubt, den tiefsten Gesetzen im eigenen Innern zuwiderzuhandeln. Freiheit des Gewissens - ja! Sie beruht aber darauf, dass das Gewissen unverrückbare Gesetze erkennen kann und ihnen folgen will. Mit anderen Worten: dass es ein ernstlich geformtes Gewissen ist. (Die Spur des Sämanns, Nr. 389)

Ich möchte nicht, dass wir durch diesen kurzen Exkurs aus den Augen verlieren, wie der hl. Josefmaria sich immer verhielt. Niemals behandelte er jemanden als Feind oder war nachtragend. Er hatte im Gegenteil immer Hochachtung vor den Überzeugungen und Verhaltensweise der anderen.