Die Forderungen zur Selbstvergessenheit des heiligen Josefmaria stehen in direkter Tradition zur christlichen Antike. Zum 100. Jubiläum der Priesterweihe des Opus Dei-Gründers vergleicht Dr. Andreas Kuhlmann, Priester in der Kölner Pfarrgemeinde St. Pantaleon, Texte aus dem „Weg“ mit Worten des frühchristlichen Gelehrten Diadochus von Phonice.
Jesus hat seine Jünger mehrmals darauf hingewiesen, dass wir wie das Weizenkorn sterben müssen, um fruchtbar zu sein (vgl. Joh 12,24). Der Völkerapostel bezeugt: Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir (Gal 2,20). Es ist ein Kerngeschäft des Christen, immer mehr von sich und der vermeintlich eigenen Größe wegzukommen und gleichzeitig so näher zu dem zu kommen, der von sich sagte: Meine Nahrung ist, dass ich den Willen Gottes tue, der mich gesandt hat … (Joh 4,34). Den eigenen Willen dem Willen Gottes zu unterstellen, den man im gesamten Lebensvollzug für maßgeblich nimmt, ist ein wahres Sterben des eigenen Ichs mit dem Ziel, in Christus zu leben und in die ewige Gemeinschaft mit Gott und seinen Heiligen zu treten. Diesen Weg kann man nur in Demut gehen, indem man von der Selbsterkenntnis durchdrungen ist, ohne Gottes Gnade nichts Gutes und Bleibendes erreichen zu können. Nicht auf sich und die irdischen Güter, sondern auf Gott und die himmlischen Güter zu setzen ist eine Kunst, die lange und beständig eingeübt werden muss, damit mehr und mehr Gott in unserem Leben hervortritt, während wir zurücktreten.
Eine Einladung Gottes zur Nachfolge (vgl. Mt 16,24) mit allen Konsequenzen geht ans Eingemachte und ist kein Zuckerlecken. Der sogenannte „alte Mensch“ (vgl. Röm 6) geht dieser Einladung am liebsten aus dem Wege. Der alte Mensch möchte nicht „sterben“, sondern in seinen egoistischen Gewohnheiten weiterleben. Er sträubt sich gegen die vermeintlichen Verluste, die eine ernsthafte Annahme der Einladung Jesu, wie er sie gegenüber dem jungen Mann ausgesprochen hatte (Wenn du willst, dass dein Leben zur Vollendung kommt, dann geh los, verkauf deinen Besitz und gib den Erlös den Bedürftigen, Mt 19,21), zur Folge hätte.
Damals ging „der reiche Jüngling“ traurig weg. Diese Traurigkeit, die aus einer Verlustangst erwächst, steht der christlichen Traurigkeit, die die eigene Liebesschwäche beklagt, diametral entgegen. Diese gute Traurigkeit sehnt sich nach der Vereinigung mit Gott und sieht die persönlichen Unzulänglichkeiten mit der Schärfe der klaren Erkenntnis, die der Seele schmerzt, sie aber zugleich näher zu Gott führt durch die Bereitschaft, noch mehr zu lieben wie bisher.
Reflektion in den Schriften eines frühchristlichen Bischofs
Darüber wollen wir jetzt nachdenken, indem wir die Erfahrungen und Überlegungen von zwei namhaften Christen aufgreifen und die wir in ihren Schriften bezeugt finden. Fangen wir mit dem 5. Jahrhundert nach Christus an. Im Stundenbuch der 1. Fastenwoche in den ungeraden Jahren lesen wir am Mittwoch als zweite Lesung Aus dem Buch über die geistliche Vollkommenheit von Diadochos von Photike (+ vor 486), der als Bischof in Nordgriechenland wirkte, wahrscheinlich Mönch war und die Irrlehre des Monophysiten bekämpfte. Dieser schrieb:
„Ich kenne einen Menschen, der immer traurig war, weil er Gott nicht so liebte, wie er es gerne wollte. Aber er liebte Gott so, dass seine Seele dauernd ein heftiges Verlangen hatte, Gott möge in ihm geehrt werden, er selbst aber ein Nichts sein. Wer so ist, erkennt nicht, wer er ist, auch wenn er gelobt wird: in seinem großen und demütigen Verlangen denkt er nicht über seinen eigenen Wert nach. Er will nur Gott dienen, wie es das Gesetz den Priestern vorschreibt. In seinem Eifer, Gott zu lieben, vergisst er seinen eigenen Wert. Durch den Geist der Demut ist ihm in einer tiefen Liebe zu Gott jedes Rühmen über seinen eigenen Wert so fremd, dass er sich jederzeit für einen unnützen Knecht hält. Vor demütigem Verlangen ist ihm sein eigener Wert fremd geworden. So müssen auch wir tun: alle Ehre und allen Ruhm fliehen wegen der erhabenen Schätze der Liebe zu dem Gott, der uns wahrhaft liebt.“
Selbstvergessenheit im Buch Der Weg
Ein Nichts sein wollen, die eigene Person als nichtig ansehen und den eigenen Wert „übersehen“, ist zunächst eine schockierende Auffassung vom Leben und für viele Menschen und selbst Christen unverständlich und anstoßerregend. Dazu möchte ich nun eine persönliche Erfahrung anbringen, die diese Anstößigkeit gerade beim zeitgenössischen Christen verdeutlicht. Im Jahre 1992 wurden ein paar Aphorismen des seit 2002 heiliggesprochenen Gründers des Opus Dei, Josefmaria Escrivá, anlässlich seiner Seligsprechung am 17.5.1992 bei einer Gesprächsrunde in der Hochschulgemeinde einer großen Universitätsstadt sehr kritisch hervorgehoben. Ich war anwesend. Meiner Erinnerung nach waren es besonders zwei herausgehobene (und leider auch von der Gesamtschrift Der Weg isolierte) Gedanken des heiligen Priesters, die bei dem Hochschulpfarrer und anderen Anstoß erregten. Im Zusammenhang mit der Tugend der Demut schrieb Josefmaria Escrivá:
„Vergiss nicht, was du bist ..., ein Kehrichteimer. – Wenn dich der göttliche Gärtner nimmt und schrubbt und reinigt und mit herrlichen Blumen füllt ..., dann dürfen dich weder der Duft noch die Farbe, die deine Hässlichkeit schön machen, zum Stolz verleiten. Demütige dich: weißt du nicht, dass du ein Eimer für Abfälle bist?“ (Der Weg, Nr. 592).
Zugegeben ist der Gedanke starker Tobak aus einer aragonischen Feder, der wenig diplomatisch-sachlich und mit der Leidenschaft eines Spaniers verfasst wurde. Damals – wie wohl auch heute und immer – ist das Gesagte vordergründig schwer vereinbar mit der tröstlich-beruhigenden Konstante der Gotteskindschaft, die uns Menschen versichert, dass Gott uns bedingungslos liebt. Dieser Ansicht war allerdings auch der hl. Josefmaria, wenn er festhielt:
„Man muss sich klar machen, dass Gott dauernd bei uns ist. – Wir leben, als ob der Herr fern wäre, dort, wo die Sterne leuchten, und wir bedenken nicht, dass Er auch immer an unserer Seite ist. Er ist da wie ein liebender Vater. Jeden einzelnen von uns liebt Er mehr, als alle Mütter der Welt ihre Kinder lieben können. Er ist da, helfend, leitend, segnend ... und verzeihend“ (Der Weg, Nr. 267).
Gott ist immer mit seiner unendlichen Liebe bei uns. Er liebt uns mit unserer unverlierbaren Würde als seine Kinder. Aber es wäre naiv, diesen Kindern nicht zuzutrauen, sich „ungezogen“ zu verhalten und die gegen die eigene Würde und die der Nächsten zu verstoßen. Escrivá verkannte die hohe Würde jedes Menschen nicht, wenn er dennoch auf seine gleichzeitige Erbärmlichkeit hinwies, die oft dem Hochmut erwächst und ihre Wurzel in der Ursünde bzw. Erbsünde hat. Mit Blick auf den Stolz, Gegenpart der Demut, fügt Escrivá ein sehr krasses, aber zutiefst realistisches Bild von der menschlichen Conditio an, wenn er meinte:
„Stolz? – Weshalb? ... Binnen kurzem – Jahre, Tage? – wirst du ein Haufen stinkendes Aas sein: Würmer, übelriechende Flüssigkeiten, schmutzige Lumpen des Leichentuches ..., und niemand auf der Erde wird sich an dich erinnern“ (Der Weg, Nr. 601).
Realistische Sicht auf den Menschen
Der Mensch kann tief fallen, wenn er sich überhebt. Diese Tatsache bzw. Möglichkeit zu verkennen wäre schon der erste tragische Schritt. Diejenigen, die sich damals echauffierten, fehlte diese realistische Sicht auf den Menschen, wie es uns Genesis 3 und danach die ganze Bibel vor Augen führt. Ein betender und sich bereitwillig erforschender Mensch dürfte von dieser geistigen Blindheit eigentlich nicht befallen sein, die es aber offenbar gibt und der Heiligung bedarf.
Diadochus und Josefmaria Escrivá führen uns auf dem Boden der christlichen Theologie und der daraus erwachsenen Anthropologie ungeschminkt, aber hoffnungsvoll vor Augen: Erst wenn der Mensch bereit ist, den alten Menschen in sich unverblümt zu sehen und ihn aufzugeben, kann er von Grund auf durch Gottes Liebe erneuert werden. Erst wenn er sich als schwachen und sündigen Menschen wahrnimmt im heilsamen Kontrast mit Gottes Größe kann der Mensch über sich hinaus zur Heiligkeit Gottes hinaufwachsen.
Wunderbar hat der griechische Mönch und Bischof Diadochus diese frohmachende Perspektive am Schluss seiner Betrachtung, die das Brevier aufgenommen hat, zum Ausdruck gebracht:
„Wer so eingestellt ist, steht noch im Leben, und steht doch nicht mehr darin; er lebt noch in seinem Leib, ist aber durch die Liebe mit seiner Seele immer unterwegs zu Gott; sein Herz ist fortan heftig vom Feuer der Liebe durchglüht; wie eine Fackel der Sehnsucht drängt er hin zu Gott …“