Ausgehend vom Evangelium und den Lehren des heiligen Josefmaria erläutert Prälat Fernando Ocáriz in seiner Predigt, wie auch unser Alltag mit seinen Erfolgen und Misserfolgen zum Ort der Begegnung mit Gott – und zum Ort des Zeugnisses wird. Wer als Kind Gottes lebt, ist berufen, in Familie, Beruf und Gesellschaft Frieden, Freude und Nächstenliebe auszusäen.
„Fahrt hinaus auf den See und werft eure Netze aus, um zu fischen“ (Lk 5,4). Wir haben diese Worte gehört, die der Herr an einige Fischer aus Galiläa richtete und die den Beginn ihres Lebens als Apostel markierten. Jesus berief sie bei ihrer Arbeit und er tat dies nicht an einem Tag, der wie jeder andere auch war. Es war das Ende eines Tages, der von Misserfolg geprägt war: Sie hatten die ganze Nacht gearbeitet, aber nichts gefangen.
Wir können uns vorstellen, wie sich diese Fischer gefühlt haben müssen. Und genau in diesem Moment forderte Jesus sie auf, hinaus aufs Meer zu rudern. Er wartete nicht, bis sie ausgeruht, selbstbewusst oder voller Begeisterung waren. Er stieg in ihr Boot, in ihre Müdigkeit und in ihre Arbeit hinein, und von dort aus rief er sie zu einem göttlichen Abenteuer auf.
Der heilige Josefmaria, dessen Fest wir heute feiern, lehrte uns, dass die mit der Arbeit einhergehende Müdigkeit und Erschöpfung auch ein Ort der Begegnung mit Gott sein können. Nicht, weil die Müdigkeit verschwindet, sondern weil wir die Gewissheit haben, dass der Herr auf uns blickt, uns begleitet und an unserer Seite ist. „Wenn irgendwann Unruhe, Beklemmung oder Unbehagen aufkommen“, so sagte er, „dann nähern wir uns dem Herrn und sagen ihm, dass wir uns in seine Hände begeben, wie ein kleines Kind in die Arme seines Vaters“ (Brief 2, Nr. 59). Das Bewusstsein der Gotteskindschaft prägte seine Beziehung zu Gott ganz stark.
„Alle, die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Kinder Gottes“ (Röm 8,14), haben wir in der zweiten Lesung gelesen. Die Gewissheit, dass wir einen Gott haben, der Vater ist, der für uns sorgt und uns stützt, erfüllt unsere täglichen Kämpfe mit Hoffnung. Auch dann, wenn wir merken, dass uns die Müdigkeit der Arbeit schwächt, so wie es den Aposteln erging.
Genau dort, mitten in der Welt, in den alltäglichen Aufgaben und Kämpfen, mit ihren Erfolgen und Misserfolgen, sind wir dazu berufen, die Botschaft Christi weiterzugeben. Indem wir unsere Arbeit gewissenhaft verrichten. Indem wir den Menschen in unserer Umgebung dienen. Indem wir uns um unsere Familie und diejenigen kümmern, die mit uns zusammenleben. In der Art und Weise, wie wir mit den alltäglichen Schwierigkeiten umgehen. Indem wir all dies mit der Liebe Gottes tun, säen wir die Frohe Botschaft des Evangeliums in allen Lebensbereichen aus. Wie wir in der ersten Lesung gehört haben, erfüllen wir den göttlichen Auftrag, die Erde zu bearbeiten und zu behüten (vgl. Gen 2,15).
Eine besonders einschneidende und für diejenigen, die sich als Kinder Gottes verstehen, sehr typische Art, zu dieser Verwandlung der Welt beizutragen, besteht darin, Säleute des Friedens und der Freude zu sein. Meinungs- und Empfindungsunterschiede können manchmal zu einer fast unüberwindbaren Barriere zwischen den Menschen werden. Der Papst lud uns bei seinem Besuch in der Kathedrale von Barcelona dazu ein, „Zeugen und Propheten der Einheit, der Gastfreundschaft, der Eintracht und des Friedens zu sein, auch wenn dies Opfer und Verzicht erfordert“. Wir sollten uns niemals als Feinde anderer betrachten. Wer sich als Kind Gottes versteht, kann andere nicht als Gegner betrachten, denn er sieht sie als Brüder und Schwestern und erkennt die Liebe, die der Herr für sie empfindet.
In der Enzyklika Magnifica humanitas erinnert Papst Leo XIV. an die Gestalt Nehemias und den Wiederaufbau Jerusalems. Die Stadt erwacht zu neuem Leben, „wenn jeder seinen Teil übernimmt und das ganze Volk erkennt, dass seine Kraft vom Herrn kommt“ (Nr. 8). Dieses Bild hilft uns auch heute. In einer oft zersplitterten Welt ist jeder Christ dazu aufgerufen, die Bindungen zu seinen Brüdern und Schwestern wiederherzustellen, angefangen bei denen, die ihm am nächsten stehen. Und das kann man tun, indem man zunächst einmal anerkennt, dass das, was uns verbindet, viel entscheidender ist als das, was uns trennen könnte.
Das Leben der ersten Christen, das dem heiligen Josefmaria so sehr am Herzen lag, kann uns als Vorbild dienen. Sie wurden misshandelt, verfolgt und man wollte sie töten. Dennoch gibt es unzählige Zeugnisse der Liebe – nicht nur untereinander, sondern auch gegenüber ihren Verfolgern. Und so trugen sie – durch Nächstenliebe, durch jene Liebe, die sogar den Feind zu erreichen vermag – dazu bei, die Strukturen der Gesellschaft zu verändern.
Bitten wir die Jungfrau Maria, dass sie uns hilft, Jesus in unser Boot einzulassen. Dass sie uns lehrt, mit dem Vertrauen der Kinder Gottes zu leben, auf das offene Meer hinauszurudern, wenn der Herr es von uns verlangt, und inmitten der Welt den Frieden, die Freude und die Nächstenliebe Jesu Christi zu säen.
