DER HEILIGE JOSEFMARIA pflegte das Glaubensbekenntnis mit besonderer innerer Sammlung zu sprechen. Vor allem die Worte über die Kirche – „die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“ – verstand er als persönliches Bekenntnis.1 Am fünften Tag der Gebetswoche für die Einheit der Christen richtet sich der Blick auf diesen Aspekt des Credos: den katholischen, das heißt universalen Charakter der Kirche.
Am Ende seines irdischen Wegs, vor seiner Himmelfahrt, sendet der auferstandene Jesus die Elf in alle Welt aus: Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes; und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt (Mt 28,16-20). Die universale Sendung wird wenige Tage später, zu Pfingsten, sichtbar, als Menschen aus allen Nationen die Apostel in ihrer eigenen Sprachen predigen hören (vgl. Apg 2,5). Von Anfang an ist die Kirche auf alle Menschen hin geöffnet.
Die Kirche ist katholisch, weil sie von unserem Herrn zu allen gesandt worden ist. Benedikt XVI. hielt fest: „Das letzte Ziel der von Jesus Gesandten ist universal.“2 Und das Zweite Vatikanische Konzil bekräftigt: „Zum neuen Gottesvolk werden alle Menschen gerufen. Darum muss dieses Volk eines und ein einziges bleiben und sich über die ganze Welt und durch alle Zeiten hin ausbreiten.“3
Wie der heilige Josefmaria betonte, ist diese Katholizität der Kirche nicht erst das Ergebnis ihrer geografischen Ausbreitung. Schon zu Pfingsten war die Kirche katholisch – hervorgegangen aus der geöffneten Seite Christi und entzündet durch den Heiligen Geist.4 Diese Weite prägt auch das Glaubensleben: im Gebet für die Christen auf allen Kontinenten, in der Solidarität mit der Kirche in fernen Ländern und im Wunsch, dass der Name Jesu überall bekannt und geliebt wird. Katholisch zu sein heißt, keine inneren Grenzen zu ziehen. 5
IN DEN ERSTEN Jahrzehnten nach Pfingsten gelangte die Botschaft Jesu Christi zunehmend über Judäa und Galiläa hinaus. Als erstmals Menschen aus der heidnischen Welt zur Kirche kamen, entschieden die Apostel beim Apostelkonzil in Jerusalem, den nichtjüdischen Konvertiten keine weiteren Lasten aufzuerlegen als die notwendigen Dinge (Apg 15,28). Einheit sollte nicht durch Uniformität entstehen, sondern durch den Blick auf das Wesentliche: die persönliche Begegnung mit Christus.
Gerade aus dieser Katholizität heraus fördert die Kirche die legitime Vielfalt in allem, was der freien Meinung überlassen ist. Der heilige Josefmaria sah in echter Freiheit und Pluralismus keine Bedrohung, sondern einen Reichtum. Pluralismus, so seine Überzeugung, soll nicht nur geduldet, sondern bewusst gewollt werden.6Der Prälat des Opus Dei erläutert den Gedanken: „Wer die Freiheit liebt, dem gelingt es, das Positive und Liebenswerte im Denken anderer zu entdecken.“7 Und er betont: „Denjenigen wertzuschätzen, der anders ist oder anders denkt, ist eine Haltung, die innere Freiheit und einen offenen Blick erkennen lässt“8. Wer die Freiheit liebt, ist außerdem fähig, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen – und die eigene Meinung zu korrigieren, wenn die Wahrheit es verlangt.9
DIE SENDUNG, die gute Botschaft Christi überall zu verbreiten, ist kein theoretisches Ideal, sondern ein konkreter Auftrag Christi – im Bewusstsein, dass alle Anstrengungen durch die Freude belohnt werden, den anderen das Glück gebracht zu haben. Die Kirche will alle erreichen – nicht nur einige und nicht nur jene, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Apostolischer Eifer kennt keine exklusiven Kreise. Der heilige Josefmaria bat dafür inständig um den Heiligen Geist: „Hilf mir, ein neues Pfingsten zu erflehen, das die Erde von neuem entzündet.“10
Der heilige Paulus wurde deshalb zum „Völkerapostel“, weil er den Glauben Menschen mit ganz verschiedenen Voraussetzungen verkündete, ohne irgendjemanden auszuschließen. So fasst er seine Erfahrung zusammen: Obwohl ich von niemandem abhängig bin, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele zu gewinnen. (…) Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, um die Schwachen zu gewinnen. Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten (1 Kor 9,19-23). AuchWiderstand und Verfolgung konnten diese Dynamik nicht aufhalten. Wie Papst Franziskus feststellt, „trugen die Jünger dank des Windes der Verfolgung den Samen des Wortes weiter hinaus und säten das Wort Gottes“11.
Diese Offenheit bleibt Maßstab bis heute. Christsein bedeutet nicht Abgrenzung, sondern Nähe. Katholizität bedeutet, den Kontakt zu suchen, die Sprache seines Umfelds zu sprechen und Menschen dort zu begegnen, wo sie stehen. Der heilige Josefmaria notierte: „Wenn ein Christ begreift, was katholisch sein heißt, und es in seinem Leben zu verwirklichen sucht, wenn er die Dringlichkeit erkennt, die Frohe Botschaft des Heils allen Menschen zu verkünden – dann weiß er wie Paulus: Er muss allen alles werden, um alle zu retten.“12 Zugleich verlangt diese Weite eine solide Glaubensbasis, um den Glauben in seiner Ganzheit weiterzugeben – angepasst an Kultur, Lebenslage und persönliche Geschichte des Gegenübers.
Wir beenden unser Gebet, indem wir uns an Maria wenden, die alle Menschen als ihre Kinder betrachtet: Sie möge uns helfen, Christus in allen Bereichen unseres Lebens bekannt zu machen und die Gelegenheiten des Alltags zu nutzen, um die Freude Gottes in vielen Herzen zu hinterlassen.
1 Vgl. hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 517.
2 Benedikt XVI., Jesus von Nazareth, II, S. 323.
3 II. Vat. Konzil, Dogm. Konst. Lumen Gentium, Nr. 13.
4 Vgl. hl. Josefmaria, Loyal zur Kirche, 9.
5 Ebd., 10.
6 Vgl. hl. Josefmaria, Gespräche, Nr. 67.
7 Fernando Ocáriz, Hirtenbrief, 9.1.2018, Nr. 13.
8 Ebd.
9 Vgl. hl. Josefmaria, Brief 18, Nr. 23-25.
10 Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, Nr. 213.
11 Franziskus, Homilie, 19.4.2018.
12 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 953.

