ALS JESUS sah, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen (Joh 13,1), wurde sein Herz von inniger Liebe zu den Seinen erfüllt – denn er liebte sie bis zur Vollendung (Ebd.). Und so hinterlässt er seinen Jüngern im Angesicht von Verrat und Leiden, nur wenige Stunden vor seiner Gefangennahme, ein Vermächtnis, das weit mehr ist als eine Unterweisung: das Zeichen der Fußwaschung, die Gabe der Eucharistie und die große Abschiedsrede. In dieser Rede, wie sie uns der Evangelist Johannes überliefert, richtet Jesus ein inständiges Gebet an den Vater – für die Einheit seiner Jünger aller Zeiten: Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir (Joh 17,11). In der Gebetswoche für die Einheit der Christen, die heute beginnt, lädt die Kirche dazu ein, sich diesem Gebet anzuschließen und die eigene Haltung immer tiefer mit den Gesinnungen und Sehnsüchten Christi zu verbinden.
Als Jesus diese Worte sprach, war die Zahl seiner Anhänger noch gering und das Evangelium nur in einem begrenzten Gebiet bekannt. Doch sein Herz und sein Blick reichten weiter und umfassten die Kirche aller Zeiten, mit ihren Hoffnungen, Spannungen und Verwundungen. Christus betet für die Einheit, weil er ihre Bedeutung für die Glaubwürdigkeit der Verkündigung kennt: Alle sollen eins sein …, damit die Welt glaubt (Joh 17,20-21).
Das Zweite Vatikanische Konzil erinnert daran, „dass dieses heilige Anliegen der Wiederversöhnung aller Christen in der Einheit der einen und einzigen Kirche Christi die menschlichen Kräfte und Fähigkeiten übersteigt“ und seine Hoffnung deshalb ganz auf das Gebet Christi für die Kirche setzt.1 Benedikt XVI. betonte ebenso: „Allein mit unseren eigenen Kräften können wir die Einheit nicht ‚machen‘. Wir können sie nur empfangen als Geschenk des Heiligen Geistes.“2 Gerade in dieser Gebetswoche soll deshalb das Gebet Jesu im Inneren der Kirche widerhallen. Wir können uns dazu beispielsweise des Gebetes bedienen, mit dem auf Wunsch des heiligen Josefmaria alle Gläubigen des Werkes täglich um die Einheit bitten: Ut omnes unum sint sicut tu Pater in me et ego in te!
DER URSPRUNG der Gebetswoche reicht ins Jahr 1908 zurück. Anlässlich ihres hundertjährigen Bestehens erinnerte Benedikt XVI. daran, dass ein amerikanischer Anglikaner – der später der Gemeinschaft der katholischen Kirche beitrat – die prophetische Idee einer eigenen Gebetswoche für die Einheit der Christen hatte,3 Benedikt XV. weitete diese Initiative wenige Jahre später auf die ganze katholische Kirche aus.4 Der Zeitraum vom 18. bis 25. Januar war bewusst gewählt als Verbindung zweier symbolträchtiger Feste: der Kathedra Petri, die Garant der Einheit des Gottesvolkes ist und damals noch am 18. Januar gefeiert wurde, sowie der Bekehrung des heiligen Paulus, die damals wie heute den Abschluss der Gebetswoche bildet.5 Dieses Fest unterstreicht, dass der Weg zur vollen Gemeinschaft in der Wahrheit und in der Liebe über die persönliche Begegnung mit Christus führt.
Johannes Paul II. hat immer wieder betont, dass der Ökumenismus keine optionale Aufgabe der Kirche ist, sondern „organisch zu ihrem Leben und Wirken“ gehört. Diese Bewegung für die Einheit der Christen solle „das Miteinander durchdringen“, so wünschte der Papst, „und so etwas wie die Frucht eines Baumes sein, der gesund und üppig heranwächst, bis er seine volle Entwicklung erreicht“6. Seit wir zurückdenken können, war die Einheit ein Herzensanliegen der Päpste. Mit seinem Motto „In illo uno unum“ – „In dem einen sind wir eins“ hat es sich zuletzt Papst Leo XIV. zum Programm gemacht. Daneben sind alle Gläubigen eingeladen, sich am ökumenischen Bemühen zu beteiligen, in erster Linie durch ein glaubwürdiges christliches Leben. Das Zweite Vatikanische Konzil formuliert es so: „Alle Christgläubigen sollen sich bewusst sein, dass sie die Einheit der Christen umso besser fördern, ja sogar einüben, je mehr sie nach einem reinen Leben gemäß dem Evangelium streben. Je inniger die Gemeinschaft ist, die sie mit dem Vater, dem Wort und dem Geist vereint, umso inniger und leichter werden sie imstande sein, die gegenseitige Brüderlichkeit zu vertiefen.“7
DIE ABSCHIEDSREDE beim Letzten Abendmahl ist nicht der erste und einzige Moment, in dem Jesus seine Jünger eindringlich zur Einheit aufruft. Immer wieder macht er ihnen bewusst, dass sie als Brüder miteinander leben sollen, denn nur einer ist euer Meister …, nur einer euer Vater …, nur einer euer Lehrer, Christus (Mt 23,8-10). Die Einheit gehört von Anfang an zum Kern seiner Botschaft. Papst Franziskus erinnert daran, dass die Liebe Gottes, die am Tag unserer Taufe in unsere Herzen ausgegossen wurde (vgl. Röm 5,5), „der tiefste Grund für die Einheit ist, die alle Christen verbindet und die viel größer ist als die im Laufe der Geschichte geschehenen Spaltungen.“8
Die Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit aller Jünger Christi wird gerade dadurch begünstigt, dass die getrennten Brüder Christus durch die Taufe eingegliedert blieben. Hinzu kommt, dass – wie das Zweite Vatikanische Konzil festhält – viele geistliche Güter auch außerhalb der sichtbaren Grenzen der katholischen Kirche wirksam sind: etwa „das geschriebene Wort Gottes, das Leben der Gnade, Glaube, Hoffnung und Liebe und andere innere Gaben des Heiligen Geistes und sichtbare Elemente“9 – man denke etwa an zahlreiche liturgische Handlungen. In all dem ist Christus selbst am Werk und führt die Gläubigen zur Einheit hin. Es ist ein Akt der Gerechtigkeit und der Liebe, diese Reichtümer Christi anzuerkennen, die in anderen christlichen Gemeinschaften und Personen gegenwärtig sind, die von ihm Zeugnis geben – nicht selten bis hin zum Martyrium.
Die Gebetswoche lädt uns ein, uns die Sehnsucht Jesu nach der Einheit der Kirche neu zu eigen zu machen. Einheit wächst dort, wo Christen sein Handeln nachahmen, wo sie bereit sind, Diener aller zu werden – Stichwort Fußwaschung –, wo sie in einen Dialog der Liebe mit den Brüdern eintreten. „Das Beispiel Jesu Christi führt uns zum Dialog”, so schrieb der heilige Josefmaria, „und lehrt uns, wie wir mit den Menschen sprechen sollen.“10 Dazu wollen wir in der Heiligen Messe – Stichwort Eucharistie – inständig um das Wirken des Heiligen Geistes bitten: Er „möge uns eins werden lassen“ (2. Hochgebet), damit wir „ein Leib und ein Geist werden in Christus“ (3. Hochgebet). Die geistlichen Früchte dieser Gebetswoche legen wir schließlich vertrauensvoll in die Hände Marias, der Mutter der Kirche, der Mutter aller Christen.
1 Vgl. II. Vat. Konzil, Dekr. Unitatis redintegratio, Nr. 24.
2 Benedikt XVI., Ansprache, 19.8.2005.
3 Benedikt XVI., Audienz, 23.1.2008.
4 Vgl. Benedikt XV., Breve Romanorum Pontificum, 25.2.1916.
5 Vgl. Benedikt XVI., Audienz, 23.1.2008.
6 Vgl. hl. Johannes Paul II., Enz. Ut unum sint, Nr. 20.
7 II. Vatikanisches Konzil, Dekr. Unitatis redintegratio, Nr. 7.
8 Franziskus, Homilie, 25.1.2015.
9 II. Vat. Konzil, Dekr. Unitatis redintegratio, Nr. 3.
10 Hl. Josefmaria, Brief 24.10.1965, Nr. 15.

