WIR FEIERN heute das Fest der Apostel Simon Kananäus und Judas Thaddäus. In den Apostellisten werden sie stets gemeinsam genannt, weshalb die Kirche auch ihr Fest gemeinsam begeht. Nach alter Überlieferung verkündeten sie das Evangelium in Mesopotamien und erlitten dort das Martyrium.
Im Lukasevangelium wird Simon als „Zelot“ bezeichnet (Lk 6,15), bei Matthäus und Markus als „Kananäus“. Beide Beinamen bedeuten „Eiferer“. Die Zeloten waren eine Bewegung, die sich gegen die römische Herrschaft auflehnte. Ob Simon ihr angehörte, wissen wir nicht. Sein Beiname lässt jedoch auf einen besonderen Eifer für Gott und das jüdische Gesetz schließen. Papst Benedikt XVI. wies darauf hin, wie unterschiedlich Simon und der Zöllner Matthäus gewesen sein müssen. Daraus zog er den Schluss: „Das zeigt, dass Jesus seine Jünger und Mitarbeiter aus den unterschiedlichsten sozialen und religiösen Schichten beruft, ohne jemanden von vornherein auszuschließen. Ihn interessieren die Menschen, nicht die gesellschaftlichen Kategorien oder Etiketten!“1
Trotz ihrer Verschiedenheit bildeten die Apostel eine Gemeinschaft, deren Mitte Jesus war. Papst Benedikt erinnerte daran, „dass uns in Jesus Christus die Kraft gegeben ist, unsere Konflikte zu überwinden.“2 Auch der Prälat des Opus Dei ermutigt dazu, Unterschiede nicht als Hindernis zu betrachten, sondern als Bereicherung: „Diese Verschiedenheit ist immer wieder ein Reichtum an Charakteren, Empfindungsvermögen, Interessen usw.“3 Simon und Matthäus zeigen uns, dass christliche Brüderlichkeit über persönliche Sympathien und unterschiedliche Auffassungen hinausgeht. In Christus können Menschen zusammenfinden, die sonst vielleicht wenig miteinander gemeinsam hätten.
JUDAS Thaddäus, dessen Beiname „der Großmütige“ bedeutet, stellte Jesus beim Letzten Abendmahl eine bemerkenswerte Frage: Herr, wie kommt es, dass du dich nur uns offenbaren willst und nicht der Welt? (Joh 14,22). Auch wir könnten fragen: Warum hat sich Jesus nach seiner Auferstehung nicht der ganzen Welt als Sieger gezeigt? Warum erwählte er nur eine kleine Gruppe von Jüngern zu Zeugen seiner Auferstehung?
Die Antwort Jesu führt uns zum Wesen seiner Beziehung zu den Menschen: Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen (Joh 14,23). Jesus will nicht bloß gesehen, sondern geliebt werden. Der heilige Josefmaria erläuterte: „Das heißt, der Auferstandene muss auch mit dem Herzen gesehen und erkannt werden, damit Gott in uns Wohnung nehmen kann. Der Herr möchte nicht einfach ein Gegenstand sein, den man betrachtet, sondern er will in unser Leben eintreten. Daher erfordert seine Offenbarung ein offenes Herz. Nur so können wir den auferstandenen Herrn wirklich erkennen.“4
Auch wir wünschen uns manchmal, dass Gott sichtbarer in unser Leben oder in das Weltgeschehen eingreift. Doch Christus drängt sich nicht auf. Er begegnet uns oft unauffällig: in den Ereignissen des Alltags, in der Freude ebenso wie im Leid, in den Menschen, die unseren Weg kreuzen. Er lädt uns ein, seine Gegenwart zu entdecken und an seinem Reich der Liebe mitzuwirken. Denn Christus will, wie der heilige Josefmaria sagte, „in den Herzen der Kinder Gottes herrschen“. Seine Herrschaft ist keine Machtausübung: „Christus unterjocht nicht und will sich nicht durchsetzen, denn Er ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen (Mt 20,28). Seine Herrschaft ist Friede, Freude, Gerechtigkeit.“5
DER HEILIGE Judas Thaddäus gilt traditionell als Verfasser eines der sogenannten katholischen Briefe des Neuen Testaments, die sich nicht an eine bestimmte Gemeinde, sondern an einen größeren Kreis von Christen richten. Er wendet sich an die Berufenen, die in Gott, dem Vater, geliebt und für Jesus Christus bewahrt sind (Jud 1,1). Anschließend warnt er vor Irrlehren und Verhaltensweisen, die zu Spaltungen führen. Dazu gehört ein falsches Verständnis der christlichen Freiheit, das dazu verleitet, unseres Gottes Gnade mit einem zügellosen Leben zu verwechseln (vgl. Jud 1,4).
Freiheit verstehen wir oft als Möglichkeit, zu tun und zu lassen, was wir wollen. Doch Papst Franziskus erinnerte daran, dass „die egoistische Freiheit, zu tun, was ich will, keine wahre Freiheit ist, weil sie nur auf sich selbst zurückfällt und unfruchtbar bleibt. Die Liebe Christi hat uns befreit, und sie befreit uns auch von der schlimmsten Knechtschaft – der Knechtschaft des eigenen Ichs. Wahre Freiheit wächst durch die Liebe.“6 Wirklich frei werden wir also nicht dadurch, dass wir nur unsere eigenen Wünsche erfüllen, sondern indem wir lernen, wie Christus zu lieben.
Deshalb ermutigt Judas Thaddäus die Christen am Ende seines Briefes, in der Liebe Gottes zu bleiben (vgl. Jud 1,21). Das bedeutet, nach dem Vorbild Jesu zu leben, anderen zu dienen und sich selbst großzügig zu verschenken. Diese Liebe kann so weit gehen, dass wir sogar den Tod „in der vollkommenen Freiheit der Liebe“7 annehmen, wie der heilige Josefmaria sagte. Bitten wir Maria, die Königin der Apostel, uns zu helfen, Christus mit dem Eifer und der Großherzigkeit der beiden Apostel Simon und Judas zu lieben.
1 Benedikt XVI., Katechese, 11.10.2006.
2 Ebd.
3 Msgr. Fernando Ocáriz, Hirtenbrief, 16.2.2023, Nr. 6.
4 Hl. Josefmaria, Brief 30, Nr. 28.
5 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 93.
6 Franziskus, Audienz, 20.10.2021.
7 Hl. Josefmaria, Kreuzweg, 10. Station.

