UM die Logik beschreiben, nach der sein Reich funktioniert, erzählt Jesus das Gleichnis vom Senfkorn: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte. Es ist das kleinste von allen Samenkörnern; sobald es aber hochgewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum, sodass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten (Mt 13,31-32). Das Samenkorn des schwarzen Senfs ist kaum größer als ein Stecknadelkopf, birgt aber eine erstaunliche Lebenskraft in sich: Aus ihm erwächst die größte Gartenpflanze der ganzen Gegend und bietet vielen Lebewesen Schutz.
Auch das Reich Gottes beginnt klein. Jesus setzte weder auf politische Macht noch auf großen Einfluss, sondern auf eine Handvoll einfacher Menschen: zwölf Fischer, einige Frauen und andere Jünger ohne besonderes Ansehen. Was sie auszeichnete, war nicht ihre Stellung, sondern ihre Begegnung mit ihm. Sie hatten seine Liebe erfahren und machten sie durch ihr Leben sichtbar.
So wächst das Reich Gottes bis heute. Seine Kraft entfaltet es nicht in äußeren Zeichen, sondern in der Gnade Gottes, die Herzen verwandelt. Der heilige Johannes Paul II. beschreibt dieses Reich als „Gnade, Liebe Gottes zur Welt, Quelle der Zuversicht und des Vertrauens für uns“1. Deshalb fordert Jesus uns auf: Sucht zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit (Mt 6,33). Jedes treue Ja zu Gott, jede verborgene Tat der Liebe ist wie ein Senfkorn. Unscheinbar für die Welt, trägt es doch eine Fruchtbarkeit in sich, die weit über das hinausgeht, was unser Augen erkennen können.
JESUS ERZÄHLTE noch ein weiteres Gleichnis über das Reich Gottes: Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Sea Mehl verbarg, bis das Ganze durchsäuert war (Mt 13,33). Wie im Gleichnis vom Senfkorn beginnt alles unscheinbar. Doch diesmal steht weniger das Wachstum als vielmehr die Verwandlung im Mittelpunkt: Ein wenig Sauerteig genügt, um aus einem Haufen Mehl einen köstlichen Teig herzustellen.
So wirkt auch die Gnade Gottes. Wer ihr Raum gibt, wird nach und nach verwandelt – und verändert seine Umgebung. Die ersten Christen entwarfen keine politischen oder gesellschaftlichen Programme. Dennoch erneuerten sie die Welt von innen her. Der heilige Josefmaria schreibt: „Sie waren von einem Geist durchdrungen, von einer Auffassung vom Leben und von der Welt, die in der Gesellschaft, in der sie sich bewegten, nicht ohne Folgen bleiben konnte.“2 Sie hörten nicht auf, gewöhnliche Bürger zu sein, als sie den Glauben annahmen. Dieser prägte jedoch ihr ganzes Dasein und gab ihrem Leben einen neuen Sinn.
Dass Jesus ausgerechnet das Bild einer Frau wählt, die Brot bäckt, ist vielsagend. Sie verrichtet eine ganz alltägliche Arbeit, und doch wird daraus Nahrung für viele. So verwandeln auch gewöhnliche Christen die Welt durch ihre tägliche Arbeit, wenn sie diese aus Liebe zu Gott und den Menschen tun. Der heilige Josefmaria schrieb: „Mögen unsere Herzen mit Freude erfüllt sein bei dem Gedanken, genau das zu sein: Hefe, die den Teig gären lässt.“3 Gerade indem wir oft unbemerkt wirken, kann Gott durch uns viele Herzen erreichen und Frieden und Freude wachsen lassen.
DIES ALLES sagte Jesus der Menschenmenge in Gleichnissen, so schreibt der heilige Matthäus, ohne Gleichnisse redete er nicht zu ihnen (Mt 13,34). Auch wir hören sie heute, damit sie Hoffnung in unseren Herzen wecken. Seit zweitausend Jahren wächst das kleine Senfkorn auf allen Kontinenten, und der Sauerteig des Evangeliums hat zahllose Menschen und Kulturen verwandelt. Das Reich Gottes hat sich nicht durch Macht oder Gewalt ausgebreitet, sondern von Herz zu Herz – durch Menschen, die Christus Raum gegeben haben.
Es ist immer noch viel zu tun und zu erneuern – zunächst in unserem eigenen Herzen. Es gibt zugleich Rückschläge in der apostolischen Sendung – das, was erreicht wurde, ist nicht immer von Dauer. Papst Franziskus schrieb in diesem Sinn: „Ebenso treten ständig neue Schwierigkeiten auf (...). Wir alle wissen aus Erfahrung, dass eine Aufgabe manchmal nicht die gewünschte Befriedigung bringt, die Ergebnisse gering ausfallen und die Veränderungen sich langsam einstellen; man ist versucht, überdrüssig zu werden.“4
Gerade dann laden uns die Gleichnisse Jesu ein, neu zu vertrauen. Das Senfkorn wächst weiter, auch wenn man es nicht sieht. Der Sauerteig wirkt, auch wenn er im Teig verschwindet. Darum dürfen wir gewiss sein – so Papst Franziskus –, dass Gott „auch inmitten scheinbarer Misserfolge handeln kann“, denn „wer sich Gott aus Liebe darbringt und sich ihm hingibt“, wird Frucht bringen, auch wenn diese oft verborgen bleibt.5 Keine Tat der Liebe geht verloren. Vielleicht werden wir ihre Wirkung nie mit eigenen Augen sehen, doch Gott lässt sie wachsen – in den Herzen anderer und in unserem eigenen. Bitten wir Maria, uns in der Geduld und im Vertrauen darauf zu stärken, dass Gottes verborgene Saat immer Frucht bringt.
1 Hl. Johannes Paul II., Audienz, 6.12.2000.
2 Hl. Josefmaria, Brief 29.
3 Hl. Josefmaria, Brief 1, Nr. 5c.
4 Franziskus, Evangelii Gaudium, Nr. 277.
5 Vgl. ebd., Nr. 279.

