Betrachtungstext: 15. Woche im Jahreskreis – Samstag

Sanftmütig im Alltag – Gott erfreuen – „Fürchte dich nicht“

SCHON zu Beginn seines öffentlichen Lebens preist Jesus die Sanftmütigen selig (vgl. Mt 5,5). Später sagt er von sich selbst: Lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig (Mt 11,29). Jesu Sanftmut zeigt sich nicht nur in Worten, sondern vor allem im Handeln. Denen, die ihn ablehnen oder gegen ihn intrigieren, begegnet er nicht mit Macht. Unverständnis, Beleidigungen und schließlich das Leiden am Kreuz trägt er geduldig. Papst Franziskus erklärt: „Sanftmut zeigt sich in Konfliktsituationen. Man erkennt sie daran, wie man auf eine feindselige Situation reagiert. Ein jeder kann sanftmütig erscheinen, wenn alles friedlich ist. Wie aber reagiert er unter Druck, wenn er angegriffen, beleidigt, angefeindet wird?“1 Der heilige Petrus fasst das Leben Jesu in wenigen Worten zusammen: Als er geschmäht wurde, schmähte er nicht; als er litt, drohte er nicht, sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter (1 Petr 2,23).

Auch wenn wir selten einer solchen Feindseligkeit begegnen, erleben wir im Alltag viele kleine Bewährungsproben – in der Familie, am Arbeitsplatz oder im Umgang mit anderen. Dort zeigt sich, ob wir der ersten Regung von Ärger oder Empörung widerstehen und mit Ruhe und Geduld antworten können, so wie der Herr es tun würde. Sanftmut ist keine Schwäche, sondern die Kraft, die Achtung vor dem anderen höher zu stellen als die eigene Verletzung. Wer sanftmütig ist, will nicht den Streit, sondern den Menschen gewinnen. Darum vermeidet er es, den Schaden zu vergrößern, und antwortet mit einer Liebe, die stärker ist als der eigene Ärger. Der heilige Josefmaria nannte dafür einige ganz konkrete Übungen: das freundliche Lächeln für jemanden, der uns Mühe macht; das Schweigen gegenüber ungerechten Vorwürfen; ein wohlwollender Umgang mit Menschen, die uns ungelegen kommen; oder auch Geduld mit den kleinen Eigenheiten derer, mit denen wir Tag für Tag zusammenleben.2


JESAJA hat die sanftmütige und demütige Art des Messias bereits vorausgesagt, und Matthäus greift die Prophezeiung auf: Er wird nicht streiten und nicht schreien und man wird seine Stimme nicht auf den Straßen hören. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen, bis er dem Recht zum Sieg verholfen hat (Mt 12,19-20). In Jesus erfüllt sich das Bild des leidenden Gottesknechtes. Er sucht dabei weder den Beifall noch die Anerkennung der Menschen, sondern lebt ganz in der Beziehung zum Vater. Dieser wiederum sagt voller Liebe über ihn: Siehe, mein Knecht, den ich erwählt habe, mein Geliebter, an dem ich Gefallen gefunden habe (Mt 12,18). 

Alles, was Jesus tut, geschieht, um den Vater zu erfreuen. In unserem Alltag haben auch wir die Gelegenheit, unserem himmlischen Vater Freude zu bereiten, denn, wie der heilige Josefmaria sagte, „sind wir von der Gewissheit erfüllt, dass er uns anschaut“. Er sieht jede kleine Überwindung und jedes Opfer, zu dem er uns einlädt, ob es nun darum geht, eine unangenehme, aber dringende Aufgabe anzupacken, Ordnung zu halten, beharrlich eine kleine Pflicht zu erfüllen, die leicht vernachlässigt werden könnte, oder eine Arbeit nicht auf morgen zu verschieben. Alles, „um Gott, unseren Vater, zu erfreuen!“3

So wird das christliche Leben zum Leben eines Liebenden. Wer liebt, handelt nicht aus Pflicht, sondern um den anderen zu erfreuen. Genauso gründet unser Handeln vor den Augen Gottes nicht in der Angst vor Strafe oder in der Hoffnung auf Belohnung, sondern im Wunsch eines Kindes, seinem Vater zu gefallen. Umgekehrt wünscht er sich, dass wir seine ständige Fürsorge für uns entdecken. Ja, das ist sogar das Erste, was er erhofft: dass wir uns von ihm beschenken lassen.


DER WUNSCH, Gott zu gefallen, kann mit der Furcht einhergehen, ihn zu kränken. Das ist etwas Gutes, denn nur wer liebt, möchte den Geliebten nicht verletzen. Doch darf die Furcht unser Leben nicht bestimmen. Papst Franziskus erinnert daran, dass die Heilige Schrift uns 365-mal – in immer neuen Formulierungen – zuruft: „Fürchte dich nicht“, als wollte Gott uns an jedem Tag des Jahres von unseren Ängsten befreien.4 Zu dieser frohen Gelassenheit gelangen wir, wenn wir das christliche Leben nicht mit Perfektionismus verwechseln. Vielmehr sollen wir lernen, so Prälat Fernando Ocáriz, „mit der eigenen Schwäche wie auch mit der der anderen zu leben“5 und uns vertrauensvoll auf unsere Gotteskindschaft zu stützen. Der Unterschied ist entscheidend: Der Liebende fürchtet, Gottes Liebe nicht zu erwidern; der Perfektionist fürchtet vor allem, den eigenen Ansprüchen nicht zu genügen. 

Gerade nach einem Versagen kann sich dieser Unterschied zeigen. Es kann uns schmerzen, wenn wir wieder einer Leidenschaft nachgegeben, gesündigt oder einen einfachen Vorsatz nicht umgesetzt haben. Doch eine solche Traurigkeit kommt nicht von Gott. Sie spielt vielmehr dem Feind in die Hände, denn sie bringt uns dem Herrn nicht näher, sondern entfernt uns von ihm. Oft entspringt sie einem verletzten Stolz, der die eigene Schwäche nur schwer akzeptieren kann. Gottes Blick ist ein anderer: Er lädt uns ein, demütig aufzustehen und neu zu beginnen.

Darum lohnt es sich, in solchen Momenten zu fragen: Führt mich meine Sorge näher zu Gott oder kreise ich nur um mich selbst: um meine Erwartungen, meinen Kampf, meine Leistungen? Führt sie mich dazu, Gott in der Beichte um Vergebung zu bitten, oder lässt sie mich mutlos werden? Wenden wir uns an Maria. Sie wird uns helfen, nach jedem Sturz voller Hoffnung neu anzufangen – im Vertrauen darauf, dass Gott sich jedes Mal freut, wenn wir wieder zu ihm zurückkehren.


1 Franziskus, Audienz, 19.2.2020.

2 Vgl. hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 173.

3 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 67.

4 Vgl. Franziskus, Botschaft, 25.3.2018.

5 Msgr. Fernando Ocáriz, Hirtenbrief, 14.2.2017, Nr. 8.