DIE JÜDISCHEN Führer mischten sich im Tempel von Jerusalem unter die Zuhörer Jesu und lauerten darauf, dass er ein falsches Wort sagte. Da begann der Meister die Geschichte eines Mannes zu erzählen, der seinen Weinberg einigen Arbeitern zur Bewirtschaftung anvertraute. Als die Erntezeit kam, entsandte der Besitzer Knechte zu den Winzern, um seinen Anteil an den Früchten abzuholen. Doch die Winzer hatten kein Gewissen und misshandelten oder töteten sogar die Knechte, die der Herr gesandt hatte. Als der Besitzer erkannte, was im Gange war, beschloss er, seinen Sohn zu schicken, in der Hoffnung, dass sie ihn achteten. Die Winzer aber sagten zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn umbringen, dann gehört sein Erbe uns. Und sie packten ihn und brachten ihn um und warfen ihn aus dem Weinberg hinaus (Mk 12,7-8).
Die jüdischen Obrigkeiten verstanden genau: Jesus meinte mit dem Sohn des rechtmäßigen Besitzers sich selbst und mit den Winzern sie selbst. Doch das wollten sie nicht zugeben. Um den Schein zu wahren, ließen sie ihn stehen und gingen weg (v. 12). Aus der zeitlichen Distanz heraus können wir das prophetische Gleichnis gut verstehen. Wir sollten uns jedoch ebenfalls aufrichtig fragen: Welche Aufnahme findet Christus in meinem Leben? Ist er der Messias, der mich vor jeglichem Götzendienst bewahrt, oder verfolge ich, vielleicht unbewusst, andere Prioritäten, sodass er gelegentlich stört und ich ihn „aus dem Weinberg werfe“?
Papst Franziskus hilft uns, in die Tiefe zu gehen: „Wenn uns jemand fragt: ,Wer ist Jesus Christus?‘, werden wir sicherlich antworten, was wir im Religionsunterricht gelernt haben: dass er gekommen ist, um die Welt zu retten. Wir werden richtige Dinge über Jesus sagen: Dass er der Retter der Welt ist, der Sohn des Vaters, Gott, Mensch …, das, was wir im Glaubensbekenntnis sagen. (...) Etwas schwieriger wird es sein, auf die Frage zu antworten: ,Richtig, aber wer ist Jesus Christus für dich?‘“1
DAS VERBRECHEN der Winzer nahm seinen Anfang damit, dass sie sich aneigneten, was der Besitzer ihnen vertrauensvoll zur Bewirtschaftung überlassen hatte. Der Gedanke, für jemanden anderen zu arbeiten, passte nicht in ihr Konzept. In ihrer Gier zögerten sie nicht, jede Form von Gewalt anzuwenden, um ihren falschen Beschluss durchzusetzen.
Auch wenn ihre Strategie zunächst aufzugehen schien, lässt Jesus keinen Zweifel daran, dass ein hartes Ende auf sie wartete: Was wird nun der Besitzer des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Winzer vernichten und den Weinberg anderen geben (Mk 12,9). Die Winzer werden nicht nur den Weinberg verlieren, sondern auch noch etwas viel Wertvolleres: das, was sie eigentlich genießen wollten – ihr Leben. Ihr Schicksal verdeutlicht, wohin der vergiftete Wunsch führt, sich ein Glück außerhalb der Gemeinschaft mit Gott und mit den Menschen aufzubauen. Jesus hatte darauf hingewiesen: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und er verdorrt (Joh 15,5-6).
„Wenn wir Christus in unserer Seele herrschen lassen“, sagte der heilige Josefmaria, „werden wir uns nie als Herren aufspielen, sondern Diener aller Menschen sein. Dienen. Wie sehr gefällt mir dieses Wort! Meinem König dienen und seinetwegen allen, die durch sein Blut erlöst sind. Wüssten wir Christen doch zu dienen!“2 Dienen bedeutet nicht, unsere eigenen Interessen zu verleugnen. Wenn wir die wahre Macht des Dienens entdecken, werden wir erkennen, dass Gott in Wirklichkeit möchte, dass wir den Weinberg genießen.
JESUS erzählt, dass der Besitzer den Weinberg anderen übergibt (vgl. Mk 12,9), nachdem er die untreuen Winzer beseitigt hatte. Trotz der schlechten Erfahrung ist der Besitzer zuversichtlich geblieben, dass andere Menschen sich gut um seinen Weinberg kümmern können. Der Verrat, den er von diesen Winzern erlitten hat, hat ihn nicht misstrauisch werden lassen.
Aus den Worten Jesu dürfen wir ableiten, dass Gott uns gegenüber ähnlich handelt. Manchmal treffen wir zum Weinberg, den er uns übergeben hat, nicht die besten Entscheidungen; und dennoch erneuert er sein Vertrauen in uns. Auch wenn wir in unseren Wünschen und Handlungen vielleicht unbeständig sind, bleibt er treu. Seine Liebe schwindet nicht, komme, was wolle. Die Geschichte der Kirche ist voll von Heiligen, die am Anfang ihres Lebens in irgendeiner Hinsicht diesen Winzern ähnelten. Der heilige Paulus zum Beispiel war ein Verfolger der Christen und von seiner Sache überzeugt. Doch sobald er erkannte, dass Jesus der wahre Besitzer des Weinbergs war, wurde er zu seinem Apostel und verkündete sein Evangelium auf fruchtbare Weise: Er wählte für sich die Aufgabe, ein wahrer Arbeiter in Gottes Weinberg zu werden.
Das Wissen, dass Gott uns vertraut, verleiht unserer Hoffnung Kraft. Auch wenn wir merken, dass unser alter Mensch versucht, sich des Weinbergs zu bemächtigen, dürfen wir auf die Treue des Herrn bauen. Er hält sein Versprechen. Daher können wir mit Msgr. Javier Echevarría sagen: „Wir rechnen nicht nur mit unseren armen Kräften, sondern mit der Kraft und Macht des Herrn.“3 Maria wird uns helfen, unsere Anstrengungen auf das große Vorhaben zu richten, ihrem Sohn in dem Weinberg zu dienen, in den er uns gerufen hat.
1 Franziskus, Tagesmeditation, 25.10.2018.
2 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 182.
3 Msgr. Javier Echevarría, Hirtenbrief, 28.11.1995, Nr. 11.

