JESUS predigte oft zu großen Menschenmengen – wie ein Sämann, der den Samen großzügig ausstreut. Zugleich begegnet er den Menschen immer wieder ganz persönlich – wie ein Arzt, der sich Zeit nimmt: Er hört zu, schaut hin, berührt, heilt. Die Evangelien zeigen beide Seiten seines Wirkens. Besonders bewegend sind jene Szenen, in denen Menschen Jesus nicht aus eigener Kraft erreichen, sondern von anderen zu ihm gebracht werden. So etwa der Taubstumme, der seine Not kaum ausdrücken kann. Es waren wohl Angehörige oder Freunde, die ihn brachten und Jesus baten, ihm die Hände aufzulegen (vgl. Mk 7,32).
Die Szene veranschaulicht, was christliches Apostolat im Kern bedeutet. Als Christen sind wir gerufen, andere zum Herrn zu führen, damit auch sie seine heilende Nähe erfahren. Vielen Menschen fehlt heute nicht der Wunsch nach Gott, sondern der Zugang. Sie tragen eine stille Sehnsucht in sich, wissen aber nicht, wie sie es beginnen sollen. Papst Franziskus weist darauf hin, dass viele Gott „insgeheim suchen, bewegt von der Sehnsucht nach seinem Angesicht“1.
Der Evangelist verwendet zwei schlichte Verben, die diese Aufgabe umreißen: die Menschen zu Jesus bringen und ihn um ihre Heilung bitten. Das Bitten scheint leicht – schwieriger ist das Bringen. Der heilige Josefmaria macht deutlich, dass dies nicht durch Druck geschehen kann, durch einen „physischen Stoß“, sondern durch ein glaubwürdiges Zeugnis: durch Licht, Lehre, Gebet, Opferbereitschaft, menschliche Nähe und eine stille, gelassene Freude, die aus der Gotteskindschaft erwächst.2
DIE BEGLEITER des Taubstummen bitten Jesus voll Vertrauen, dem Kranken die Hände aufzulegen. Doch der Herr handelt anders, als sie es vielleicht erwarten. Er nahm den Kranken beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel; danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu ihm: Effata!, das heißt: Öffne dich! (Mk 7,33-34). Ähnlich verfährt er bei anderen Heilungen. Manchmal wirkt er augenblicklich, manchmal schrittweise, manchmal aus der Ferne, manchmal durch einfache Gesten.
Ein einziges Wort Jesu würde genügen, jede Krankheit zu heilen – das bekennen wir täglich in der Liturgie: „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“ Doch das Evangelium zeigt: Gott folgt keinem festen Schema. Das erfahren wir in unserem eigenen Leben. Er handelt nicht immer schnell, nicht immer direkt, nicht immer so, wie wir es erwarten. Oft führt er uns über Wege, die Geduld verlangen, über Etappen, die uns unnötig erscheinen. In einer Welt, die an Effizienz und sofortige Lösungen gewöhnt ist, fällt uns dieses göttliche Tempo schwer.
In einer seiner Meditationen kam Papst Franziskus darauf zu sprechen, dass wir keineswegs die einzigen sind, die Geduld haben müssen: „Der Herr ist in unser Leben involviert, das ist gewiss, aber oft sehen wir ihn nicht. Und das verlangt uns Geduld ab. Aber der Herr, der mit uns geht, hat selbst auch sehr viel Geduld mit uns: Darin liegt das Mysterium der Geduld Gottes, der sich im Gehen unserem Schritttempo anpasst.“3 Als Beispiel nennt der Papst den guten Schächer, der Gott erst im letzten Augenblick erkannt hat, und die Jünger von Emmaus.
AM ENDE seines irdischen Weges sagt Jesus zu seinen Aposteln, dass sie ihn zu Recht Meister zu nennen (vgl. Joh 13,13). Er selbst hat sich aber auch mit dem Arzt (Mt 9,12) und dem Sämann (Mt 13,37) verglichen. Diese Bilder helfen uns, sein Handeln zu verstehen, vor allem wenn sein Zeitbegriff nicht mit dem unseren übereinstimmt. Ein Meister formt nicht in einem Augenblick. Ein Arzt heilt nicht immer sofort: Es sind oft mehrere Schritte notwendig. Ein Sämann tut geduldig seine Arbeit und wartet, bis der Same aufgeht, wächst und Frucht bringt.
Es handelt sich in allen drei Fällen um Prozesse, die uns viel zu lang und zu mühevoll erscheinen mögen, die aber unvermeidlich und schließlich von großer Hoffnung getragen sind. Davon spricht auch der heilige Paulus, wenn er schreibt: Meine Kinder, für die ich von Neuem Geburtswehen erleide, bis Christus in euch Gestalt annimmt (Gal 4,19). Genau darum geht es, genau darauf zielt Gottes Wirken hin: Christus in uns heranzubilden. Daher kann der heilige Josefmaria schließlich auch vom Wunsch sprechen, „uns als Miterlöser Christi zu betrachten und mit ihm alle Menschen zu retten, da wir ja ipse Christus sind und sein wollen, Christus selbst.“4
Beim geduldigen Warten ist Maria unsere größte Hilfe. Sie wusste, was es heißt, der Zeit Zeit zu lassen: neun Monate des Wartens, bis Christus in ihr Gestalt annahm, dreißig Jahre, bis sein öffentliches Wirken begann, drei Tage, bis er verherrlicht wurde. Ihre Haltung lehrt uns, dass wir Gottes Wegen vertrauen dürfen.
1 Franziskus, Evangelii gaudium, Nr. 14.
2 Vgl. hl. Josefmaria, Brief 9, 24.10.1942.
3 Franziskus, Tagesmeditation, 28.6.2013.
4 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 121.

