Betrachtungstext: 2. Februar – Darstellung des Herrn

Das Fest der Begegnung – Simeon, ein Mann voller Hoffnung – Durch den Heiligen Geist bewegt

VIERZIG TAGE nach der Geburt Jesu macht sich die Heilige Familie auf den Weg nach Jerusalem. Im Tempel wollen Maria und Josef zwei Vorschriften des mosaischen Gesetzes erfüllen: die Darbringung des Erstgeborenen und die Reinigung der Mutter. Was äußerlich wie eine schlichte religiöse Pflichterfüllung erscheint, berührt zugleich zwei zentrale Geheimnisse des christlichen Glaubens – und lässt sie doch bewusst im Hintergrund: die Gottessohnschaft Jesu und die Unbefleckte Empfängnis Marias.

Die Verpflichtung zur Darbringung der männlichen Erstgeburt geht auf den Auszug Israels aus Ägypten zurück. Damals bewahrte Gott die erstgeborenen Israeliten – im Unterschied zu den erstgeborenen Ägyptern – vor dem Tod und erklärte sie zu seinem Eigentum. Fortan sollte jeder Erstgeborene innerhalb einer bestimmten Frist im Tempel gleichsam „ausgelöst“ werden. Maria und Josef fügen sich diesem Gesetz. Ebenso unterwerfen sie sich dem Reinigungsritus der Mutter und bringen – wie Lukas ausdrücklich vermerkt – das Opfer der Armen dar. Der heilige Josefmaria lädt dazu ein, sich diesen Augenblick vorzustellen: „Und diesmal bist du es, mein Freund, der den Korb mit den Turteltauben trägt. Siehst du? Sie, die Unbefleckte, unterwirft sich dem Gesetz, als ob sie der Reinigung bedürfte.“1 

Das Geschehen war von den Propheten angekündigt. Maleachi hatte gesagt, dass der Herr zu seinem Tempel kommen werde (Ml 3,1-14). Der Psalmist hatte die Tore Jerusalems aufgerufen, sich zu heben für den König der Herrlichkeit! (Ps 23,7). Und doch vollzieht sich das Ereignis im Verborgenen. Kein Posaunenschall, kein Jubel. Der Sohn Gottes betritt seinen eigenen Tempel, getragen von Maria und Josef, nahezu unbemerkt im alltäglichen Kommen und Gehen von Priestern und gläubigen Juden. Nur zwei alte Menschen erkennen, vom Geist Gottes geführt, wer da erschienen ist: Simeon und Hanna.


PAPST FRANZISKUS nennt das Fest der Darstellung des Herrn treffend „das Fest der Begegnung“. Die Neuheit des Kindes trifft auf die Tradition des Tempels; die Verheißung auf ihre Erfüllung; und die Jugend von Maria und Josef begegnet dem hohen Alter von Simeon und Hanna. „Alles begegnet einander also, wenn Jesus kommt.2 

Simeon ist ein gerechter und frommer Mann, erfüllt von der Hoffnung auf den Trost Israels. Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Christus des Herrn gesehen habe (Lk 2,25-26). Trotz seines hohen Alters bewahrt Simeon sich eine innere Wachheit, eine geistliche Jugend, die aus der Hoffnung und aus der Nähe zu Gott lebt. Papst Franziskus beschreibt ihn als einen Menschen, den die Zeit nicht mürbe gemacht hat. „In seinem langen Leben war er gewiss manchmal verwundet und enttäuscht worden, und doch hat er die Hoffnung nicht verloren.“3 Seine Geduld sei wachsam geblieben und voll Vertrauen – bis zu jenem Augenblick, in dem seine Augen das Heil sahen (vgl. Lk 2,30). Vom Geist bewegt, war Simeon an jenem Tag wie so oft in den Tempel gegangen. Als er das Kind erblickt, erkennt er sofort: Hier erfüllt sich, worauf Israel sehnlich gewartet hatte. In seinen Armen hält er den Messias, den Erstgeborenen einer neuen Menschheit, das Heil der Welt. In seinen Lobgesang nimmt Simeon die ganze Welt mit hinein. Er verkündet, dass dieses Kind das Licht für alle Völker ist (vgl. Lk 2,29–35).

Diese Verheißung prägt die Liturgie dieses Festes bis heute. Nach altem Brauch beginnt sie mit der Kerzenweihe und einer Lichterprozession. Dabei wird gebetet, dass Christus, das wahre Licht, auch unsere Herzen erleuchte, damit alle, die ihm mit brennenden Kerzen entgegentreten, einst das ewige Licht seiner Herrlichkeit schauen dürfen.


NACH SIMEON tritt Hanna hinzu, eine greise Prophetin und ehrwürdige Witwe, die Tag für Tag in den Tempel ging und Gott diente Tag und Nacht mit Fasten und Beten (Lk 2,37). Als sie das Kind sieht, bricht sie in einen Lobpreis Gottes aus. Voll Freude spricht sie von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten (Lk 2,38). Auch sie erkennt in diesem Kind den Messias. Vielleicht ahnt auch sie bereits, was Simeon ausgesprochen hat: dass sich an diesem Kind die Geschicke der Menschheit entscheiden werden – und dass sein Weg durch Leid führen wird.

Die Gegenwart des Heiligen Geistes ist in dieser Szene sehr deutlich spürbar. Benedikt XVI. betonte, dass es der Geist ist, der die Schritte und Herzen derer lenkt, die ihn erwarten. Er ist es auch, der die prophetischen Worte von Simeon und Hanna anregt: „Worte des Segens, des Lobes Gottes, des Glaubens an seinen Gesalbten, des Dankes, weil unsere Augen endlich sein Heil sehen und in die Arme nehmen können (vgl. Lk 2,30).5 Simeon und Hanna sind Menschen, die den Eingebungen Gottes gehorsam folgen. Der Heilige Geist ist die treibende Kraft ihres Lebens: Er wohnt in ihnen, leitet sie und spricht in ihren Herzen. Ihr Dasein ist ganz auf das Hören und Weitergeben des göttlichen Wortes ausgerichtet.

Man kann sich vorstellen, mit welcher Ehrfurcht sie auf Maria geblickt haben müssen: auf jene junge Frau, die die Hoffnung Israels in ihren Armen trägt. Maria, die Mutter Jesu, bleibt auch für uns Wegweiserin. Sie tritt für uns ein, damit unser Leben offen bleibt für den Heiligen Geist – jene Kraft Gottes, die erneuert, verwandelt und alles neu macht.


1 Hl. Josefmaria, Der Rosenkranz, 4. freudenreiches Geheimnis: Die Darstellung im Tempel.

2 Franziskus, Predigt, 2.2.2019.

3 Franziskus, Predigt, 2.2.2021.

4 Hl. Josefmaria, Kreuzweg, 1. Station.

5 Benedikt XVI., Predigt, 2.2.2013.