VIELE Gestalten in der Heiligen Schrift erinnern eindringlich daran, dass der Glaube sich im Umgang mit den Schwächsten bewähren muss. Der Prophet Jesaja fasst es in konkrete Bilder: dem Hungrigen das Brot brechen, Obdachlose ins Haus aufnehmen, Nackte bekleiden (vgl. Jes 58,7). Drei Gesten, die die elementaren Bedürfnisse des Menschen ansprechen: Nahrung, Geborgenheit und Würde. Wer sie stillt, hilft nicht nur zu überleben, sondern anerkennt den anderen als geliebtes Kind Gottes.
Die Heilige Schrift macht zugleich deutlich, dass Gott dabei auf die Kreativität des Menschen setzt. Als Jesus Christus einer hungrigen Menschenmenge gegenübersteht, übergibt er seinen Jüngern keinen Plan, keine Organisation, keine Strategie. Er sagt nur: Gebt ihr ihnen zu essen! (Lk 9,13). Mehr nicht. Die Jünger sollen selbst überlegen und ihre Fähigkeiten einbringen. Ihre Ressourcen erscheinen lächerlich gering – fünf Brote und zwei Fische (Lk 9,13) –, und doch werden am Ende alle satt.
Auch heute wirkt Christus auf ähnliche Weise, wenn wir jemandem in Not Hilfe anbieten. Er vermehrt vielleicht nicht immer Brot und Fisch, vollbringt aber ein anderes, größeres Wunder: Er erhellt das Leben der Menschen. Wo jemand durch uns Hilfe erfährt, wird nicht nur ein materieller Mangel gelindert, sondern auch ein geistiger Hunger gestillt – die Sehnsucht nach Liebe, nach Nähe, nach Gehör. Jesaja erklärt: Wenn du den Hungrigen stärkst und den Gebeugten satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf und deine Finsternis wird hell wie der Mittag (Jes 58,10). Durch konkrete Hilfe wird Gottes Nähe erfahrbar. Der andere spürt: Ich bin nicht vergessen. Jesaja verheißt: Dann rufst du, der Herr wird dir Antwort geben, und wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: Hier bin ich (Jes 58,9).
DER PSALMIST beschreibt den Menschen, der aufmerksam für die Bedürfnisse seiner Mitmenschen lebt, als innerlich gefestigt und auf den Herrn vertrauend: Sein Herz ist getrost, er fürchtet sich nicht, er wird herabschauen auf seine Bedränger. Reichlich gibt er den Armen, seine Gerechtigkeit hat Bestand für immer, seine Macht steht hoch in Ehren (Ps 112,8-9). Eine solche Haltung wird von der Überzeugung genährt, dass Gott derjenige ist, der handelt. Wer sich von ihm getragen weiß, kann sein Leben verschenken.
Diese Haltung schließt die Erfahrung der eigenen Schwäche nicht aus – im Gegenteil. Der Apostel Paulus berichtet offen, dass er sich bei seiner Ankunft in Korinth in Schwäche und in Furcht, zitternd und bebend zeigte. Er macht deutlich: Seine Verkündigung lebt nicht von rhetorischer Brillanz, sondern vom Erweis von Geist und Kraft (vgl. 1 Kor 2,1-4). Gerade diese Verletzlichkeit muss den Korinthern geholfen haben zu verstehen, dass das, was sie hörten, nicht von Paulus kam, sondern von Gott.
Jesus kommt in der Bergpredigt auf diesen Zusammenhang zu sprechen: Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben, und man zündet auch nicht eine Leuchte an und stellt sie unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter; dann leuchtet sie allen im Haus (Mt 5,14-15). Gott erhellt unser Leben – sogar unsere Schatten –, damit sein Licht alle erreicht. Wenn uns diese Aufgabe aber – wie den heiligen Paulus – überfordert, werden uns ein paar Worte des heiligen Josefmaria trösten: dass nämlich schon „ein kleiner Lichtpunkt ausreicht, um einer großen Menschenmenge zu leuchten“1.
DER GRÜNDER des Opus Dei erinnerte immer wieder daran, dass Christen mitten in der Welt kontemplativ leben sollen: „Durch das Gebet, durch die Abtötung, durch unsere Glaubensbildung, durch die berufliche Kompetenz sollen wir Licht, Salz und Sauerteig in der Gesellschaft sein. So erfüllt sich unsere Berufung: Je mehr wir in das Gewühl der Welt eindringen, desto tiefer müssen wir in Gott verankert sein.“2 Die Welt ist kein Hindernis für die Begegnung mit Gott, sondern der Ort, an dem die Christen durch ihre Gegenwart und ihre Werke dazu beitragen, ihn allen Menschen bekannt zu machen. Wie das Salz geben sie den irdischen Realitäten einen neuen Geschmack. Benedikt XVI. sprach davon, dass die Christen vereint mit Gott „mitten in der Finsternis der Gleichgültigkeit und des Egoismus das Licht der Liebe Gottes verbreiten können, die wahre Weisheit, die dem Dasein und Handeln der Menschen Sinn verleiht“3.
Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben (Mt 5,13-14). Es ist für Jünger unmöglich, untätig zu bleiben, sie können sich nicht ins Private zurückziehen. Papst Franziskus erinnert daran: „Wir haben also eine Aufgabe und tragen Verantwortung für das empfangene Geschenk: Das Licht des Glaubens, das durch Christus und das Wirken des Heiligen Geistes in uns ist, dürfen wir nicht zurückhalten, als sei es unser Eigentum.“4 Es ist ein Geschenk, das weitergegeben werden will, so wie jeder Mensch es braucht.
Auf diesem Weg bleibt Maria für uns Vorbild und Begleiterin. Während des öffentlichen Wirkens Jesu tritt sie kaum in Erscheinung, doch sie ist da: aufmerksam, gegenwärtig, hilfreich. Bitten wir sie, uns zu lehren, so zu leben wie sie, um für unsere Mitmenschen jederzeit Licht und Salz zu sein.
1 Hl. Josefmaria, Crecer para adentro, S. 261.
2 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 740.
3 Benedikt XVI., Angelus-Gebet, 6.2.2011.
4 Franziskus, Angelus-Gebet, 5.2.2017.

