Etwas, das so groß ist wie die Liebe (XII): Die Berufung zur Ehe

Gott segnet das Familienleben und möchte daran teilhaben. Ein Spaziergang durch eines der Bücher des Alten Testaments, dem Buch Tobit, kann uns helfen, das neu zu entdecken.

Opus Dei - Etwas, das so groß ist wie die Liebe (XII): Die Berufung zur Ehe

Als der hl. Josefmaria vor fast schon einem Jahrhundert begann, von der Berufung zur Ehe zu sprechen, stiftete die Verbindung dieser beiden Begriffe Verwirrung oder sorgte sogar für Gelächter, als spräche er von einem Vogel ohne Flügel oder von einem viereckigen Rad. „Du wunderst dich, wenn ich dir sage, dass du ‚Berufung zur Ehe‘ hast? - Du hast sie, jawohl, Berufung“.[1] In der Mentalität damals und manchmal auch heute bedeutet „Berufung haben“, das normale Leben zu verlassen, um Gott und der Kirche zu dienen. Das normale Leben, das für die meisten Menschen darin besteht, eine Familie zu haben, Kinder, ein Zuhause, arbeiten, Einkäufe machen, Rechnungen begleichen, Waschmaschinen füllen, Unvorhergesehenes managen, lachen, mit Geschwistern streiten, Nachmittage in der Ambulanz verbringen, Reste im Kühlschrank…

Diese ganze endlose Menge von unterschiedlichen und unvorhersehbaren Dingen – wie das Leben selbst – gehört nicht nur zu diesem „viereckigen Rad“, sondern findet in ihm seine beste Verwirklichung. Die „Berufung zur Ehe“[2] geht eben gerade von der Überzeugung aus, dass Gott die Normalität des Familienlebens segnet und daran teilhaben möchte. „Aber du bist heilig, du thronst über dem Lobpreis Israels“, sagt der Psalm, den Jesus am Kreuz anstimmt (Ps 22,4). Der heilige Gott möchte mitten im ganz normalen Leben der Familien wohnen. Unser Leben soll durch die Liebe zum Lobpreis Gottes werden, zu einem Himmel, wenn auch mit allen „Fabrikationsfehlern“ dieses provisorische Zuhause, das das Leben ist. Deshalb: „Lass keinen Tag vorübergehn, ohne sein Geheimnis zu durchdringen, sei es groß oder klein. Entdecke wach das Leben, Tag für Tag. Für jeden Krumen trocken Brot, das Gott dir gibt, gib du ihm das schönste Leuchten deiner Seele“[3].

Hab eine gute Reise!

Der junge Mann lachte damals, als er von Berufung zur Ehe sprechen hörte, aber er wurde doch nachdenklich. Die Provokation war außerdem noch von einem Rat begleitet: „Empfiehl dich dem heiligen Raphael, dass er dich wie einst Tobias keusch bis an das Ende des Weges führe“[4]. Der hl. Josefmaria spielte so auf den einzigen biblischen Bericht an, der von diesem Erzengel spricht, den er besonders verehrte, so sehr, dass er ihm schon in den frühesten Jahren sein Apostolat mit den jungen Leuten anvertraute[5]. „Das Buch Tobit ist begeisternd“[6], sagte er einmal. Auch wenn der ganze Bericht des Buches von einer Reise handelt, so erlaubt er uns doch, das Leben von zwei Familien kennenzulernen und das Entstehen einer dritten Familie mitzuerleben. Sogar die Reise selbst ist von dieser familiären Atmosphäre geprägt, und zwar wegen einer Kleinigkeit, die den Künstlern durch die Jahrhunderte hindurch nicht verborgen geblieben ist. Dieses Buch ist auch das einzige der Heiligen Schrift, in dem ein Haushund vorkommt. Er begleitet Tobias und den Erzengel Rafael auf ihrem ganzen Weg (vgl. Tob 6,1; 11,4).

Als sich Tobias verabschiedet, segnet ihn sein Vater mit den Worten: „Gott, der im Himmel wohnt, wird euch auf eurer Reise behüten; sein Engel möge euch begleiten“ (Tob 5,17). Der hl. Josefmaria paraphrasierte sie, wenn er den Reisesegen erteilte, folgendermaßen: „Der Herr sei auf deinem Weg, und sein Engel möge dich begleiten“[7]. Eine Reise, eine echte Reise, die entscheidendste, ist der Weg des Lebens, den jene zurücklegen, die sich in der Ehe einander schenken und so einem Wunsch Gottes entsprechen, der auf den Ursprung der Welt zurückgeht[8]. Wie wichtig ist es also, junge Menschen „die Schönheit der Berufung, eine christliche Familie zu bilden“[9] entdecken zu lassen, immer wieder neu; denn es ist der Ruf zur Heiligkeit, nicht zweiter, sondern erster Klasse.

Wenn das Leben wirklich beginnt

Die persönliche Berufung weckt in uns eine einfache, aber folgenreiche Erkenntnis: die Überzeugung, dass der Sinn, die Wahrheit unseres Lebens nicht darin besteht, dass wir für uns, für unsere Dinge leben, sondern für die anderen. Man entdeckt, dass man im eigenen Leben viel Liebe empfangen hat und nun selbst dazu berufen ist, Liebe zu schenken. Nur so kann man sich selbst wirklich finden. Liebe schenken, nicht bloß in freien Momenten, um das eigene Gewissen zu beruhigen, sondern die Liebe wird zu unserem Lebensprojekt und zum Schwerpunkt aller anderen Projekte (die in seinem Umkreis bleiben).

Vor und während seiner Ehe mit Sara bekommt der junge Tobias mehrere Ratschläge in dieser Richtung: Es ist ein Appell an das Gute in ihm. Sein Vater Tobit, der ihn auf Reisen schickt, damit er Geld abholt für seine Zukunft (vgl. Tob 4,2), legt Wert darauf, ihm als erstes und wichtigstes Erbe zu hinterlassen, was er in seinem Leben am meisten geliebt hat: „Lass deine Mutter nicht im Stich, sondern halte sie in Ehren, solange sie lebt. Tu, was sie erfeut, mach ihr keinen Kummer (…). Mein Sohn, hüte dich vor jeder Art von Unzucht (…)! Hast du viel, so gib reichlich von dem, was du besitzt; hast du wenig, dann zögere nicht, auch mit dem Wenigen Gutes zu tun (…). Preise Gott, den Herrn, zu jeder Zeit. Bitte ihn, dass dein Weg geradeaus führt und dass alles, was du tust und planst, ein gutes Ende nimmt“ (Tob 4, 3-19). Wochen später tritt Tobias als Bräutigam den Rückweg zu seinen Eltern an. Seine Schwiegermutter Edna verabschiedet sich so von ihm: „Vor dem Herrn vertraue ich dir meine Tochter an. Mach ihr keinen Kummer! Geh in Frieden, mein Sohn. Jetzt bin ich deine Mutter und Sara ist deine Frau“ (Tob 10,13).

„Betrübe ihr Herz nicht (…). Mach ihr niemals Kummer“. Gott ruft die Eheleute, einander zu schützen, sich umeinander zu kümmern, sich zu verausgaben. Darin liegt das Geheimnis ihrer Verwirklichung, die eben deshalb nicht bloß Selbstverwirklichung sein kann. Leben bedeutet im Tiefsten: Leben schenken. So lebte Jesus: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10). Und so lebten auch Maria und Josef, mit einer einfachen, sehr zärtlichen und feinen Liebe, die einzigartig auf Erden war. Sie sorgten füreinander und vor allem für das Wort, das Fleisch geworden war. Gott möchte, dass auch wir, seine Jünger, auf diese Weise leben, damit wir da, wo wir sind, seine Freude ausstrahlen, seine Lebensfreude. Das ist der Kern der christlichen Sendung.

„Unsere Städte“ – so Papst Franziskus –„sind jedoch aus Mangel an Liebe, aus Mangel an Lächeln zu Wüsten geworden. Es gibt viele Vergnügungen, viele Dinge, die die Zeit vertreiben, die Spaß machen sollen, aber die Liebe fehlt. Das Lächeln einer Familie ist in der Lage, dieses Vordringen der Wüste in unseren Städten zu besiegen. Und das ist der Sieg der Liebe der Familie. Keine wirtschaftlichen und politischen Maßnahmen können diesen Beitrag der Familien ersetzen. Das Projekt von Babel baut Wolkenkratzer ohne Leben. Der Geist Gottes dagegen macht die Wüste zum Garten“[10].

Leben heißt Leben schenken. Diese Entdeckung, die schon in der Jugend gemacht werden kann, die aber manchmal erst sehr spät aufleuchtet, kennzeichnet den Schritt von der Kindheit zur menschlichen Reife. Fast könnte man sagen, dass man erst in dem Moment wirklich Person wird; erst dann beginnt das Leben im eigentlichen Sinn. Denn „Leben heißt, mehr wollen, immer mehr, nicht aus Hunger oder Lust, sondern aus Begeisterung. Die Begeisterung ist Zeichen des Lebens; Lieben, das ist leben. So sehr lieben, dass man sich für das Geliebte hingibt. Fähig sein, sich selbst zu vergessen, das ist leben. Wer nur an sich denkt, ist niemand, ist leer. Wer nicht fähig ist, die Lust zu sterben zu spüren, ist schon tot. Nur wer sie fühlen kann, wer sich selbst vergessen, sich verschenken kann, wer liebt – mit einem Wort -, der lebt. Und dann braucht er nur noch loszugehen“[11].

Die Bedeutung eines Ja

In diesem Licht erscheint die Berufung zur Ehe als etwas ganz anderes als „ein Drang zur eigenen Befriedigung oder ein bloßes Mittel zur egoistischen Ergänzung des eigenen Ich“[12]. Die Persönlichkeit entfaltet sich nur dann wirklich, wenn sie fähig ist, sich einem anderen zu schenken. Das Eheleben ist natürlich eine Quelle vieler Freuden und Befriedigungen, aber jeder weiß auch, wie leicht es ist, den weniger schönen Seiten der Liebe zu entfliehen. Wie leicht ist es, das trockene Brot liegen zu lassen.

Ein Kontrast mag hilfreich sein, um darüber nachzudenken. Da ist einerseits die Perfektion der Hochzeitsfeier, die bis zum Letzten vorbereitet ist, um diesem einzigartigen Event im Leben seine ganze Festlichkeit zu verleihen und vielleicht auch, um das soziale Prestige der Familie hervorzuheben. Im Gegensatz dazu stehen Gewöhnung und Freudlosigkeit, die sich im Laufe der Monate oder Jahre einschleichen können angesichts der Unvollkommenheit des familiären Lebens, wenn Schwierigkeiten auftauchen, wenn man die Fehler des anderen entdeckt und beide Partner unfähig scheinen, darüber zu sprechen, einander zuzuhören, Wunden zu heilen, Liebe zu schenken. Dann kann sich der Horizont der ehelichen Berufung verdunkeln, für den man sich berufen fühlte, sein Bestes zu geben… und Vater, Mutter, Mann und Frau aus Berufung zu sein. Was für ein trauriges Panorama bietet sich da: eine Familie, die Gott glücklich machen will, selbst inmitten von Schwierigkeiten, bleibt auf halbem Wege stehen, man „erträgt“ sich nur noch. Das Neue, das in der Welt aufblühen sollte durch die gegenseitige Liebe in diesem Zuhause…, das neue, wahre Leben scheint dann irgendwo anders zu sein. Und doch ist es da, ganz nahe, auch wenn es momentan nicht gut aussieht – das kommt vor -, es braucht nur ein wenig Liebe und Widmung.

Am Tag ihrer Hochzeit antworten Mann und Frau auf die Frage nach ihrer Liebe mit „Ja“. Aber die eigentliche, wahre Antwort geben sie durch ihr Leben. Dieses gegenseitige Ja muss Fleisch annehmen, muss langsam, auf kleiner Flamme, zu einem „für immer“ werden. „Man antwortet immer mit seinem ganzen Leben auf die wesentlichen Fragen, ganz gleich, was man sagt, mit welchen Worten oder Argumenten man sich ausdrückt. Letztendlich antwortet man auf alle Fragen nur mit den Tatsachen seines Lebens (…): Wer bist du?... Was wolltest du wirklich? (…) Im Grunde antwortet man mit seinem ganzen Leben“[13]. Dieses Ja des gesamten Lebens, das immer wieder neu erobert werden muss, gewinnt mehr und mehr an Tiefe und Echtheit. Es verwandelt die unvermeidbare anfängliche Naivität in eine große und reine Klarheit ohne Abstriche, in ein Ja zum anderen, das weiß und dennoch liebt.

Die Tiefe dieses Ja, unverzichtbar für die wahre Liebe, ist auch der Grund dafür, dass die Kirche entgegen dem Strom der Allgemeinheit auf ihrer Lehre über die Zeit vor der Ehe und die Offenheit der Eheleute für das Leben besteht. Auch wenn ihr diese Haltung die Kritik einbringt, veraltet und zu streng zu sein, besteht sie dennoch geduldig darauf, weil sie weiß, dass Gott sie beauftragt hat, die persönliche Liebe zu schützen, besonders an ihrem „Geburtsort“[14]. Die Kirche verteidigt damit nicht eine abstrakte Wahrheit, sondern sie schützt die konkrete Wahrheit des Lebens der Familien und die Beziehung zwischen Mann und Frau vor einer wahrhaft tödlichen Krankheit…, vor einem Gift, das sich zuerst subtil als romantischer Sieg darstellt, aber im Lauf der Jahre, wenn es von beiden Besitz ergriffen hat, zum unerträglichen Käfig wird: dem Egoismus.

Eine scheinbare Großherzigkeit und Lebensfreude liegt in dem Gedanken: „Ich will in meinem Körper mit dem, der ihn zusammen mit mir besitzen wird, das Höchstmaß an Genuss erreichen“. Hier zeigt sich eine Sicht des Lebens, bei der man wie ein Echo der Genesis hört: Die Jugend ist eine köstliche Frucht… Warum sollen wir sie nicht genießen? Warum sollte Gott mir diese Süße verbieten? (vgl. Gen 3,2.6) Junge Christen sind wie alle Menschen aus Fleisch und Blut und fühlen diese Anziehungskraft, aber sie spüren auch die Täuschung, die hier vorliegt, und wollen mehr in die Tiefe gehen. Sie bemühen sich, ihre Liebe rein zu bewahren oder die Unschuld wiederzugewinnen, die sie vielleicht verloren haben. Sie wollen lieben, ohne den anderen zu besitzen, lieben, ohne zu konsumieren. Auf die eine oder andere Weise fragen sie sich: „Mit wem werde ich diese Lebensfreude teilen können, die ich in mir spüre? Ist es wirklich dieser Mensch? Werden wir einander lieben oder nur begehren?“ Sie wissen, dass sie zusammen mit ihrem Körper auch ihr Herz hingeben, ihre Person und ihre Freiheit. Sie wissen auch, dass all das nur Raum finden kann in einem „Ja – für immer“. Jeder Mensch ist ein grenzenloses, bedingungsloses Ja wert, und wenn die Entscheidung dazu fehlt, sind sie weder bereit, sich zu schenken, noch das Geschenk des anderen anzunehmen; denn es hinterließe eine innere Leere, selbst wenn sich diese erst nach einiger Zeit einstellen würde.

In demselben Fundament wurzelt die Berufung zur Ehelosigkeit. Wer bewusst zölibatär lebt, liebt Gott auch mit seinem Leib, den er ihm Tag für Tag schenkt. So befruchten Ehe und Zölibat einander und brauchen sich gegenseitig; denn beide erwachsen aus der Dankbarkeit, die nur von Gott her zu verstehen ist, aus dem Bild Gottes, das er in uns hineingelegt hat. Um seinetwillen verstehen wir uns und die anderen als Geschenk und wissen, dass wir gerufen sind, unser Leben hinzugeben für die Eltern, die Kinder, die Großeltern und für alle.

Als Jesus seinen Jüngern diese tiefe Liebe offenbart, sind diese verwirrt, so sehr, dass er ihnen sagt: „Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist“ (Mt 19,11). Ob jung oder alt, erleben Christen manchmal Unverständnis in ihrer Umgebung. Aber viele andere bewundern sie, ohne so recht zu wissen, warum. Diese Bewunderung ist die Antwort auf die aufrichtige Liebe, mit der sie Zeugen der Freude und Freiheit der Kinder Gottes sind, nach denen sich das Herz jedes Menschen „mit unaussprechlichen Seufzern“ (Röm 8, 26) sehnt.

Das Herz will nicht leiden

Der Name Rafael bedeutet: „Gott heilt“ oder auch „Gott sorgt“. Die Anwesenheit des Erzengels in der Geschichte von Tobit, Anna, Tobias und Sara stellt deutlich eine Wirklichkeit in den Vordergrund, die normalerweise unbemerkt bleibt, nämlich die Tatsache, dass Gott die Familien schützt und dass es ihm am Herzen liegt, dass sie glücklich werden (vgl. Tob 12,11-15). Gott will uns nahe sein, selbst wenn wir es manchmal nicht zulassen, dass er uns nahekommt. In der Geschichte vom verlorenen Sohn, der „in ein fernes Land“ zog (Lk 15,13), erkennen wir nicht nur persönliche, sondern auch soziale und kulturelle Geschichten. In einer Welt, die sich von Gott entfernt und somit zu einer feindlichen Umgebung wird, in der viele Familien leiden und manchmal scheitern. Wie der Vater im Gleichnis wird Gott nicht müde zu warten, und er hilft uns immer, schwierige, manchmal tragische Situationen zu bewältigen. Er kommt jedem von uns entgegen, so viele Wunden wir auch haben mögen.

Das Buch Tobit zeigt, wie Gottes Nähe und Sorge um die Familien weder innere, noch äußere Schwierigkeiten ausschließt. Tobit zum Beispiel ist ein integrer, sogar heroischer Mann, und dennoch lässt Gott zu, dass er blind wird (vgl. Tob 2,10). Seine Frau muss deshalb für das Einkommen der Familie sorgen. Einmal bekommt sie zusätzlich zum Lohn einen jungen Ziegenbock geschenkt. Tobit, der vielleicht aufgrund seiner Behinderung etwas verbittert ist, meint, seine Frau habe das Tier gestohlen und löst, ohne es zu wollen, einen häuslichen Streit aus. Er berichtet uns selbst davon: „Ich glaubte ihr nicht und verlangte, dass sie es seinen Eigentümern zurückbrachte, und ich schämte mich ihretwegen. Doch sie antwortete: ‚Wo ist denn der Lohn für deine Barmherzigkeit und Gerechtigkeit? Jeder weiß, was sie dir eingebracht haben‘“ (Tob 2,14). Die Härte dieser Antwort macht ihn traurig, er beginnt zu weinen und bittet Gott, ihn zu sich zu nehmen (vgl. Tob 3,1-6).

Tobit bemüht sich, gut zu seiner Frau zu sein, schafft es aber nicht immer. Als Tobias schon die Rückreise angetreten hat, glücklich verheiratet und mit dem Geld im Sack, das sein Vater ihn beauftragt hatte zu holen, befürchtet sein Mutter Anna, die von Anfang an gegen diese Reise war, das Schlimmste: „Mein Sohn ist gestorben. Mein Sohn lebt nicht mehr (…). Weh mir! Mein Sohn, Licht meiner Augen! Warum habe ich dich gehen lassen?“ Tobit ist ebenfalls besorgt, versucht aber, sie zu beruhigen: „Sei ruhig, Frau, mach dir keine Sorgen! Es geht ihm gut. Sie sind sicher aufgehalten worden. Sein Begleiter ist vertrauenswürdig, er ist unser Verwandter. Beunruhige dich nicht, er wird bald hier sein“. Aber seine Versuche, sie zu beruhigen, waren erfolglos. „Schweig, du kannst mich nicht täuschen. Meinem Sohn ist etwas zugestoßen“, antwortet Anna. Dennoch erhofft sie insgeheim seine Rückkehr. „Jeden Tag lief sie hinaus auf den Weg, auf dem ihr Sohn fortgezogen war. Sie achtete auf niemanden. Nachts hörte sie nicht auf, um ihn zu klagen und zu weinen“ (vgl Tob 10,1-7).

Es ist bewegend zu sehen, dass die Probleme der Familien – selbst im Abstand Tausender von Jahren - im Grunde ähnlich geblieben sind: Verständnisschwierigkeiten, Mangel an Kommunikation, Angst um die Kinder… „Wer aber meint, all diese Schwierigkeiten seien schon das Ende von Liebe und Freude, hat eine ärmliche Vorstellung von der Ehe und der menschlichen Liebe“[15]. Die anfängliche Verliebtheit, diese Kraft, die für das Projekt, eine Familie zu gründen, begeistern kann – hält sozusagen fast alle Fehler des anderen im toten Winkel. Allerdings genügen bereits ein paar Wochen gemeinsamen Lebens, um zu merken, dass niemand schon am Hochzeitstag vollkommen ist. Daher ist der eheliche Weg ein gemeinsamer Weg der Bekehrung im Tandem. Mann und Frau geben einander täglich eine neue Chance, und so werden ihre Herzen immer schöner, auch wenn sie ihre Grenzen behalten, die sogar mit der Zeit deutlicher werden.

Ein altes Lied lautet: „Ein Herz, das nicht bereit ist zu leiden, muss auf die Liebe verzichten“[16]. „Wer liebt, ist immer verwundbar. Immer wenn wir etwas lieben, verletzt es unser Herz, das auch brechen kann. Wenn jemand sein Herz völlig unberührt halten will, darf er es niemandem schenken, nicht einmal einem Tier. Dann muss er es vorsichtig verpacken in Luxus und kleinen Launen, muss jede Bindung meiden, muss es bewahren in sicherer Truhe oder dem Sarg des Egoismus“[17]. Bestimmt geht es nicht vielen Paaren so wie Tobias und Sara, die in ihrer Hochzeitsnacht einer Lebensgefahr durch einen Dämon ausgesetzt sind (vgl. Tob 6,14-15; 7,11). Aber der Dämon des Egoismus, dieser tödlichen Krankheit, bedroht die Familie ständig mit der Versuchung, „kleinere, unbedeutende Klippen“ in „Berge zu verwandeln“[18].

Wie wichtig ist es daher, dass beide offen miteinander reden, auch wenn es manchmal hart ist; denn nur so kann vermieden werden, dass sich jeder hinter einer Mauer verschließt. Die Gefühle, die zur Liebe gehören, müssen immer wieder neu entfacht werden. Der hl. Josefmaria sagt: „Streiten, wenn es nicht allzu oft vorkommt, ist auch Ausdruck der Liebe und beinahe notwendig“[19]. Wasser muss fließen. Wenn es sich staut, kann es faulen. Wie wichtig ist es auch deshalb, dass „sich die Eltern Zeit nehmen, um mit ihren Kindern zusammen zu sein und mit ihnen zu sprechen (…), sie verstehen zu wollen, das Stück Wahrheit – oder die ganze Wahrheit – anzuerkennen, das in ihrem Aufbegehren enthalten ist“[20]. Reden also und zusammen leben: der Mann mit der Frau, die Eltern mit den Kindern.

Und vor allem mit Gott sprechen, damit er uns Licht schenkt: „Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade“ (Ps 119,105). Der biblische Text berichtet uns zwar nichts über die Streitigkeiten von Tobias und Sara, aber wir können uns vorstellen, dass sie sie ebenfalls hatten wie Tobit und Anna und wie alle Familien. Aber wir stellen sie uns auch sehr vereint vor bis zum Ende ihres Lebens, weil wir ihre Ehe in Einheit mit Gott entstehen und wachsen sehen. „Sei gepriesen, Gott unserer Väter, und gepriesen sei dein Name in alle Ewigkeit – beten sie in ihrer Hochzeitsnacht. Hab Erbarmen mit uns, lass uns gemeinsam ein hohes Alter erreichen“ (Tob 8,7).

***

Der hl. Johannes Paul II., „der Familienpapst“[21], verglich einmal die eheliche Liebe im Hohenlied mit der Liebe von Tobias und Sara. Die Liebenden des Hohenliedes, sagte er, „erklären einander ihre Liebe mit leidenschaftlichen Worten. Die Brautleute des Buches Tobit bitten Gott, dass sie der Liebe entsprechen können“[22]. Ich möchte euch fragen: Welches der beiden Paare verwirklicht die Liebe besser? Die Antwort ist einfach: Beide. Wenn zwei Herzen sich begegnen, ist ihre Liebe jung und frisch wie die der Brautleute im Hohenlied. Und diese Liebe wird immer wieder jung, wenn im Laufe des Lebens beide ihrem Ruf, der Liebe zu antworten, neu entsprechen. Ja, dann ist diese Liebe stark wie der Tod[23].

Carlos Ayxelà


[1] Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 27.

[2] Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 30, vgl. Nr. 22-30, d.h. die Homilie: „Die Ehe, eine christliche Berufung“.

[3] Juan Ramón Jimenez, Eternidades, Madrid, 1918, p. 126 (eigene dt. Übersetzung).

[4] Weg, Nr. 27, vgl. auch Nr. 360.

[5] vgl. hl. Josefmaria, Private Notizen, Nr. 1697 (10.10.1932), in: A. Vásquez de Prada, Der Gründer des Opus Dei, Bd. 1, Köln

[6] Hl. Josefmaria, Notizen einer Betrachtung, 12.10.1947, in: Als er unterwegs mit uns redete, S. 36 (AGP, Bibliothek, P18).

[7] vgl. a.a.O. „Es ist die Formel, die ich, eingeleitet von einer Anrufung der allerseligsten Jungfrau, als Reisesegen verwende: Beate Maria intercedente, bene ambules: et Dominus sit in itinere tuo, et Angelus eius comitetur tecum (Mögest du auf die Fürsprache der hl. Maria eine gute Reise haben. Der Herr sei auf deinem Weg, und sein Engel möge dich begleiten!)“.

[8] Der hl. Johannes Paul II. nannte daher die Ehe ein „erstrangiges Sakrament“ (vgl. Audienz 20.101982 und 23.05.1984).

[9] F. Ocáriz, Hirtenbrief 14.02.2017.

[10] Franziskus, Audienz 02.09.2015.

[11] J. Maragall, „Elogio del vivir“ en Vida escrita, Madrid, Aguliar, 1959, p. 105.

[12] Christus begegnen, Nr. 43.

[13] S. Marai, El ultimo encuentro, Salamanca, Barcelona, 2007, p. 107.

[14] F. Ocáriz, Hirtenbrief 14.02.2017.

[15] Christus begegnen, Nr. 24.

[16] „A los arboles altos“ (Geteilte Herzen), Volkslied, auf das der hl. Josefmaria anspielt in: Der Weg, Nr. 145.

[17] C.S. Lewis, Was man Liebe nennt, 7. A. 1987.

[18] Christus begegnen, Nr. 18.

[19] a.a.O., Nr. 26.

[20] a.a.O., Nr. 27.

[21] Franziskus, Homilie zur Heiligsprechung, 27.04.2014.

[22] Hl. Johannes Paul II., Audienz, 27.06.1984.

[23] vgl. a.a.O. und Hld. 8,6.