MEISTER, ich habe meinen Sohn zu dir gebracht. Er ist von einem stummen Geist besessen; (...) Ich habe schon deine Jünger gebeten, den Geist auszutreiben, aber sie hatten nicht die Kraft dazu (Mk 9,17-18). Die Jünger konnten das Kind nicht heilen – und so wirft sich der verzweifelte Vater nun Jesus zu Füßen. Er will nicht aufgeben, Jesus ist seine letzte Hoffnung. Der heilige Josefmaria bemerkt dazu: „Ganz offensichtlich möchte der Herr, dass wir viel bitten, denn das Evangelium führt uns zahlreiche Beispiele für Beharrlichkeit vor Augen – Menschen, die Gott durch ihr inständiges Gebet Wunder entreißen, manchmal, indem sie mit ihrem ganzen Elend vor ihn treten,“1 – gerade so wie dieser Vater, der seinen gequälten Sohn bei sich hat. „Das Gebet muss vor allem hartnäckig sein“, bekräftigt auch Papst Franziskus. „Wer mit Glauben und Beharrlichkeit an die Tür des göttlichen Herzens klopft, wird nicht enttäuscht.“2
Doch die Szene nimmt eine unerwartete Wendung. Die Menge erschrickt geradezu, als Jesus ausruft: O du ungläubige Generation! Wie lange muss ich noch bei euch sein? Wie lange muss ich euch noch ertragen? (Mk 9, 19). Jesu Klage gewährt einen erschütternden Einblick in sein tief menschliches Herz. Seine Enttäuschung über den schwachen Glaube und das Unverständnis der Menge sowie seiner Jünger ist groß. Doch sein Schmerz hält ihn nicht davon ab, sich dem Leid des Vaters zuzuwenden. Und so fordert er ihn auf, seinen Sohn zu bringen. Da fleht der Mann erneut: Wenn du kannst, hilf uns; hab Mitleid mit uns! (Mk 9,22). Darauf ruft Jesus aus: Wenn du kannst? Alles kann, wer glaubt (ebd.). Jesus möchte die Wunder vollbringen, nach denen die Menschen verlangen; mehr noch, er möchte ihre Erwartungen sogar noch übertreffen. Daher würden wir nur seine Großzügigkeit begrenzen – die immer größer ist, als wir uns vorstellen können –, wenn wir von Gott eine Bestätigung dafür verlangen wollten, dass unsere Wünsche oder Hoffnungen in Erfüllung gehen.
Doch Jesus fordert auch den Glauben der Menschen. Und nun spürt der Mann, dass sein Glaube klein ist, und fürchtet, dass sein mangelndes Vertrauen die Heilung seines Sohnes vereiteln könnte. Er weint. Der heilige Josefmaria ermutigt uns: „Schämen wir uns nicht solcher Tränen, denn sie kommen aus der Liebe zu Gott, aus dem reumütigen Gebet, aus der Demut.“3 Und so findet auch der Vater die rettenden Worte und ruft unter Tränen: Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben (Mk 9,24).
DURCH DAS GEBET erkennen wir, dass es in allem und jedem vor allem auf Gott ankommt – auf den allmächtigen und allwissenden Herrn. Doch nicht wenige Christen ziehen aus seiner Allwissenheit den falschen Schluss: Sie meinen, es sei nicht nötig, Gott ihre Bitten und Anliegen vorzutragen, da er ohnehin schon alles weiß. Der heilige Augustinus widerspricht dieser Sichtweise und betont die Bedeutung des Bittgebets, jedoch aus einem anderen Blickwinkel: „Die Frage, warum Gott es so will – er weiß, was not tut, bevor wir ihn darum bitten –, kann uns nur dann wundern, wenn wir glauben, es ginge unserem Herrn darum, von uns zu erfahren, was wir wollen. Doch das weiß er längst. Vielmehr will er im Gebet unsere Sehnsucht wecken, damit wir bereit werden, die Gaben zu empfangen, die er für uns bereithält. Sie sind sehr groß, doch wir sind oft zu klein und zu eng, um sie aufzunehmen4
Papst Franziskus bestätigt diese Sichtweise: „Unser Vater weiß genau, was wir brauchen; die Beharrlichkeit im Gebet dient nicht dazu, ihn zu informieren oder zu überzeugen, sondern vielmehr dazu, in uns die Sehnsucht und die Erwartung zu nähren.“ Und er fügt hinzu: „Man muss immer beten, auch wenn alles vergeblich erscheint, wenn Gott taub und stumm zu sein scheint und wir das Gefühl haben, unsere Zeit zu verschwenden. Auch wenn der Himmel sich verdunkelt, hört der Christ nicht auf zu beten. Sein Gebet geht mit dem Glauben einher. Und der Glaube kann an manchen Tagen wie eine Illusion erscheinen, wie eine mühevolle, fruchtlose Anstrengung. Es gibt dunkle Augenblicke im Leben, in denen der Glaube uns wie eine Täuschung vorkommt. Doch zu beten bedeutet auch, diese Mühe anzunehmen.“ 5
Der heilige Josefmaria ermutigte uns stets zur Beharrlichkeit im Gebet – so sehr, dass er empfahl, sogar den Schlaf in Gebet zu verwandeln: „Betet viel, betet den ganzen Tag und die ganze Nacht. Wenn du normalerweise durchschläfst, biete diesen Schlaf an; und solltest du zwischendurch aufwachen, erhebe dein Herz gleich zu Gott.“6 Oft wird der Schlaf aus der Perspektive des Gebets als „verlorene Zeit“ betrachtet. Doch wenn wir uns bewusst machen, dass Gott uns auch dann sieht und liebt, wenn wir schlafen, kann unser gesamtes Leben zu einer Opfergabe werden, die reiche Früchte trägt. Wie viel mehr wird er dann erst mit unseren Sehnsüchten tun, ihm zu dienen!
„HERR, du hast mich hierher gestellt, du hast mir diese Aufgabe anvertraut. Löse alles, was gelöst werden muss – denn es gehört dir, und ich allein habe nicht die Kraft dazu. Ich weiß, dass du mein Vater bist, und ich sehe, wie kleine Kinder sich ganz auf ihre Eltern verlassen: Sie machen sich keine Sorgen, sie wissen nicht einmal, dass sie Probleme haben, weil ihre Eltern alles für sie regeln. Meine Kinder, mit diesem tiefen Vertrauen müssen wir leben und beten – immer und beständig. Denn es ist die einzige Waffe, die wir haben, und der einzige Grund für unsere Hoffnung."7
Mit diesen und ähnlichen Worten wollte der heilige Josefmaria all jene lehren, die sich den Geist der Gotteskindschaft zu eigen machen wollten: Sie sollten beten lernen wie Kinder – mit einer tiefen, einfachen und vertrauensvollen Haltung. Wer weiß, dass er alles von Gott empfängt, betet anders: Er betet nicht, als fordere er ein Anrecht ein, das sich auf eigene Verdienste oder Gebete stützt, sondern mit einem dankbaren Herzen. Und Großzügigkeit kommt leichter auf, wenn man einem dankbaren Herzen gegenübersteht.
Maria, unsere Mutter, betet mit den Jüngern, die durch den Skandal des Kreuzes gegangen sind. Sie betet mit Petrus, der der Angst nachgegeben und aus Reue geweint hat. Maria ist da, mit den Jüngern, mitten unter den Männern und Frauen, die ihr Sohn berufen hat, seine Kirche zu bilden. Sie betet mit ihnen, und sie betet für sie.8 Unsere Mutter weiß um die Wirksamkeit des Gebets. Sie ist Meisterin des Gebets – des beharrlichen Gebets. Wir bewundern sie etwa in Kana: „Wie sie ohne Entmutigung beharrlich auf ihrer Bitte besteht. – Und welchen Erfolg sie hat.“9
1 Hl. Josefmaria, zitiert in Julián Herranz, En las afueras de Jericó, Rialp, Madrid 2007, S. 172.
2 Franziskus, Audienz, 11.111.2020.
3 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, 204.
4 Hl. Augustinus, Brief 130, Epistula ad Probam.
5 Franziskus, Audienz, 11.111.2020.
6 Hl. Josemaría, zitiert in: Javier Echevarría, Memoria del Beato Josemaría Escrivá, Rialp, Madrid 2000, S. 192.
7 Ebd., S. 199-200.
8 Vgl. Franziskus, Audienz, 18.11.2020.
9 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 502.