DEN JÜNGERN fällt es nach wie vor schwer, Jesus wirklich zu verstehen – vor allem, wenn er von seinem bevorstehenden Leiden und Sterben spricht. Ihre Erwartungen bleiben menschlich: Sie lieben Christus, aber noch nicht bedingungslos, und projizieren ihre irdischen Hoffnungen auf ihn. Dennoch sind sie stets aufrichtig und lernwillig. In aller Einfachheit und Klarheit teilen sie mit dem Herrn ihre Gedanken und alles, was sie bewegt; sie erzählen ihm, was sie unter sich besprechen und berichten ihm von ihren apostolischen Reisen. Johannes schildert einmal ein besonderes Erlebnis: Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dämonen austrieb; und wir versuchten, ihn daran zu hindern, weil er uns nicht nachfolgt. Jesus erwiderte: Hindert ihn nicht! Keiner, der in meinem Namen eine Machttat vollbringt, kann so leicht schlecht von mir reden (Mk 9,38-39).
Man kann sich gut vorstellen, mit welcher Geduld der Herr ihre Reaktion zurechtrückt – vielleicht war er sogar ein wenig amüsiert über die ersten Schritte seiner Auserwählten. Die Jünger hatten das Beste im Sinn, es fehlte ihnen jedoch noch das tiefere Verständnis der Dinge aus Gottes Perspektive. Sie sahen die Wirklichkeit immer noch in einfachen beinahe Schwarz-Weiß-Kategorien. Jesus hingegen machte ihnen klar, dass die Realität weitaus vielfältiger ist und dass derjenige, der in seinem Namen Gutes tut, ihm nicht fremd sein kann.
„Wie großartig ist es, eine Seele zu verstehen“1, rief die heilige Teresia von Jesus aus. Jeder, der Gutes tun will, verdient unseren Respekt, unser Interesse, unser Mitgefühl und unsere Zuneigung. „Da wir als Ebenbilder Gottes geschaffen sind, der Gemeinschaft und Selbstmitteilung ist, tragen immer die Sehnsucht in uns, in Gemeinschaft zu leben und einer Gemeinschaft anzugehören. Wie der heilige Basilius sagte: ,Nichts ist unserer Natur so eigen wie dieses, dass wir gesellig miteinander leben und einander bedürfen.‘“2
DER HEILIGE Augustinus bemerkte, dass man „in der katholischen Kirche solches finden kann, das nicht katholisch ist, und es auch außerhalb von ihr Katholisches geben kann“3. Jede Manifestation des Guten in der Welt ist für alle, die die Quelle alles Guten lieben, ein Anlass zur Freude. Papst Franziskus liefert uns einen Schlüssel zum Verständnis der Apostel: „Die Haltung der Jünger Jesu ist zutiefst menschlich und weit verbreitet – sie zeigt sich in den christlichen Gemeinschaften aller Zeiten, wahrscheinlich auch in uns selbst. Im guten Glauben, ja sogar voller Eifer möchte man die Authentizität einer bestimmten Erfahrung bewahren, jedoch gelingt es einem oft nicht, das Gute zu würdigen, das andere vollbringen.“4
Der heilige Josefmaria zeigt immer eine große Offenheit. So sagte er einmal in einem Gespräch mit jemandem, der aus einer Gegend kam, in der die Katholiken eine Minderheit waren: „In deinem Land gibt es viele, die zwar keine Christen sind, durch ihre Rechtschaffenheit und Güte aber in gewisser Weise zur Kirche gehören. Ich bin überzeugt, dass sie – wenn sie wüssten, worin der katholische Glaube besteht – gerne katholisch werden würden. Wir gehören zum Leib der Kirche, sind also Teil dieses großartigen Ganzen – und wer das Naturgesetz erfüllt, empfängt gleichsam die Begierdetaufe.“5
Der Gemeinschaftssinn führt uns dazu, uns auf das zu besinnen, was uns verbindet, statt auf das, was uns trennt. Jesus lädt seine Jünger ein – wie Papst Franziskus betont –, nicht in Kategorien wie Freund und Feind, wir und sie, drinnen und draußen zu denken, sondern das Herz weit zu öffnen, um Gottes Gegenwart und Wirken auch in unerwarteten Bereichen und bei Menschen zu erkennen, die nicht zu unserem vertrauten Kreis gehören. „Es geht darum, dem tatsächlich erreichten Guten, Schönen und Wahren mehr Beachtung zu schenken als dem Namen und der Herkunft jener, die es vollbringen.“6
IN DER NATÜRLICHEN Ordnung hat Gott eine unermessliche Vielzahl von Engeln, zahllose Galaxien und Planeten, Arten von Tieren, Pflanzen und Mineralien geschaffen. Es ist somit nicht verwunderlich, dass der Heilige Geist in der übernatürlichen Ordnung im Laufe der Jahrhunderte zahllose Charismen erweckt hat, die seine Kirche auf wunderbare Weise bereichern. Offensichtlich liebt Gott die Pluralität, wohl weil sie seine unendliche Vollkommenheit wie in einer Vielzahl von Lichtspiegelungen wiedergibt.
Als Ebenbild Gottes sollte auch jeder Christ den Pluralismus und die Vielfalt begeistert lieben. Wie in einer großen Familie freuen wir uns und sind stolz auf die Früchte der Heiligkeit so vieler und so unterschiedlicher Institutionen, die eine breite und tiefe Furche in der Geschichte der Kirche hinterlassen und auch die Gesellschaft, in der wir leben, in vielerlei Hinsicht geprägt haben. All die Arbeit, die diese kirchlichen Realitäten geleistet haben und weiterhin leisten, wie auch die Arbeit anderer, ist zweifellos ein Geschenk Gottes an die Welt. Deshalb riet der heilige Josefmaria: „Freue dich zu sehen, dass andere in guten apostolischen Werken arbeiten. Bitte für sie um Gottes reiche Gnade und darum, dass sie dieser Gnade entsprechen.“7
Wir können Maria bitten, uns zu helfen, immer offen zu sein für den weiten Horizont des Wirkens des Heiligen Geistes und so fähig zu werden, wie Papst Benedikt sagte, „uns gegenseitig wertzuschätzen und zu achten und dabei den Herrn für die unendliche ,Phantasie‘ zu preisen, mit der er in der Kirche und in der Welt wirkt“8.
1 Hl. Teresa von Jesus, Buch des Lebens, 23, 17.
2 Franziskus, Botschaft zum Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel, 24.1.2019.
3 Hl. Augustinus, Über die Taufe gegen die Donatisten, PL 43, VII, 39, 77.
4 Franziskus, Angelus-Gebet, 30.9.2018.
5 Hl. Josefmaria, Notizen von einem Familientreffen, 22.2.1970.
6 Franziskus, Angelus-Gebet, 30.9.2018.
7 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 965.
8 Benedikt XVI., Angelus, 30.9.2012.