JESUS HAT einen Gelähmten geheilt – doch die Gesetzeslehrer verhaken sich in der Sabbatfrage, statt sich der freien Offenbarung Gottes zu öffnen. Gestützt auf eine strikte Auslegung der Heiligen Schrift sind sie nicht bereit, jemandem auch nur die kleinste Handlung am Sabbat zuzugestehen – selbst dann nicht, wenn es sich um ein Wunder, um eine Heilung handelt. Daran halten sie unbeirrbar fest, hierin sehen sie ihre Bedeutung. Zugleich aber versäumen sie es, sich vom Licht des Heiligen Geistes erleuchten zu lassen – um das auch wir bitten – und sich von der Wirklichkeit, die sich vor ihren Augen ereignete, innerlich berühren zu lassen.
Jesus antwortet mit einem lapidaren, doch gewichtigen Satz: Mein Vater wirkt bis jetzt, und auch ich wirke (Joh 5,17). Diese Worte enthalten eine tiefe theologische Wahrheit, die Licht wirft auf unsere geschöpfliche Lage. Zwar versichert die Bibel, dass Gott am siebten Tag ruhte – um anzudeuten, dass er keine neuen Geschöpfe mehr schuf –, doch, so lehrt der heilige Thomas von Aquin: „Er wirkt immer und beständig, um die Schöpfung im Sein zu erhalten. (...) Gott ist die Ursache aller Dinge auch in dem Sinne, dass er sie bestehen lässt; denn würde seine Macht zu einem gegebenen Moment unterbrochen werden, hörte alles, was die Natur enthält, augenblicklich auf zu existieren.“1 Unser Dasein hängt also in jedem Augenblick ganz von Gott ab. Jede Sekunde unseres Lebens ist eine Gunst, die uns der Herr vertrauensvoll gewährt. Der Schöpfer hat sich nicht von seinem Werk zurückgezogen, sondern „arbeitet weiter, in und an der Geschichte der Menschen“2.
Der Gott unseres Glaubens ist „kein fernes Wesen, das gleichgültig auf das Los der Menschen blickt“, betonte der heilige Josefmaria. „Er ist ein Vater, der seine Kinder innig liebt, ein Schöpfergott, der überfließt vor Zuneigung zu seinen Geschöpfen. Und er gewährt dem Menschen das große Privileg, lieben und damit das Vergängliche und Vorübergehende überschreiten zu können.“3
MIT SEINER ANTWORT an jene, die ihm vorwarfen, am Ruhetag zu heilen, gibt Jesus sich als Herr über den Sabbat (Lk 6,5) zu erkennen und offenbart seine göttliche Natur – ein Skandal für seine Gegner. Darum suchten die Juden noch mehr, ihn zu töten, sagt uns die Heilige Schrift, weil er nicht nur den Sabbat brach, sondern auch Gott seinen Vater nannte und sich damit Gott gleichmachte (Joh 5,18). Jesus versucht gar nicht, sie von diesem Gedanken abzubringen, denn er ist wahrhaftig der Sohn. Seine Sohnschaft steht im Zentrum seines Wesens und seiner Sendung, sie ist der Kern seines Geheimnisses. Und tatsächlich: Bis zu diesem Moment hatte sich noch niemand in der Heilsgeschichte an Gott gewandt und ihn mit „mein Vater“ angesprochen, wie Jesus dies stets tat; und noch weniger mit dem vertrauensvollen Wort, das die hebräischen Kinder benutzten, um ihren Vater zu rufen: abba, Papa.
Amen, amen, ich sage euch, wendet sich der Herr erneut eindringlich an seine Zuhörer: Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, wenn er den Vater etwas tun sieht.Was nämlich der Vater tut, das tut in gleicher Weise der Sohn (Joh 5,19-20). Jesus Christus ist auf einzigartige Weise mit dem Vater vereint, für uns das vollkommenste Vorbild dieser Einheit, und dennoch zutiefst frei. Der heilige Papst Johannes Paul II. empfiehlt: „Indem wir uns auf dieses Vorbild beziehen und es in unserem Bewusstsein und in unserem Verhalten widerspiegeln, können wir in uns eine ,christusähnliche‘ Lebensweise und -ausrichtung entwickeln, in der die wahre Freiheit der Kinder Gottes (vgl. Röm 8,21) zum Ausdruck kommt und verwirklicht wird.“4
Was uns als freie Menschen handeln lässt, ist „zu wissen, dass wir aus Gott stammen“, so schrieb der heilige Josefmaria, „dass wir von der Allerheiligsten Dreifaltigkeit geliebt werden, dass wir Kinder des erhabensten Vaters sind“. Wer sich hingegen nicht als Kind Gottes weiß, „kennt nicht die innerste Wahrheit seines Seins, und es fehlen ihm in seinem Handeln die Würde und die Souveränität derer, die den Herrn über alles lieben.“5
AUCH RICHTET der Vater niemanden, sondern er hat das Gericht ganz dem Sohn übertragen, damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, fährt Jesus fort, ehrt auch den Vater nicht, der ihn gesandt hat. Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat das ewige Leben; er kommt nicht ins Gericht, sondern ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen (Joh 5,22-24). Wenn von der Endzeit, dem besonderen Gericht und dem Endgericht die Rede ist, kann uns eine gewisse Furcht überkommen. Wir dürfen diese Furcht jedoch in Hoffnung verwandeln, denn wir wissen, dass unser Richter Jesus sein wird, der, vom Vater gesandt, gekommen ist, um uns zu retten. Wenn wir unseren Blick auf ihn richten, der ans Kreuz genagelt wurde und von den Toten auferstanden ist, begreifen wir, dass seine Gerechtigkeit immer mit dem Geheimnis der Gnade und seiner Liebe zu uns einhergeht.
Sicherlich „löscht die Gnade die Gerechtigkeit nicht aus“, schreibt Benedikt XVI. in Spe salvi. „Sie macht das Unrecht nicht zu Recht. Sie ist nicht ein Schwamm, der alles wegwischt, so dass am Ende dann eben doch alles gleich gültig wird, was einer auf Erden getan hat (...). Unser Leben ist nicht gleichgültig, aber unser Schmutz befleckt uns nicht auf ewig, wenn wir wenigstens auf Christus, auf die Wahrheit und auf die Liebe hin ausgestreckt geblieben sind. Er ist im Leiden Christi letztlich schon verbrannt. Im Augenblick des Gerichts erfahren und empfangen wir dieses Übergewicht seiner Liebe über alles Böse in der Welt und in uns. Der Schmerz der Liebe wird unsere Rettung und unsere Freude.“6
„Hab keine Angst vor dem Tod. – Nimm ihn schon jetzt großmütig an ..., wann Gott will ..., wie Gott will ..., wo Gott will. – Sei ganz sicher: Er kommt zu einer Zeit, an einem Ort und in einer Weise, wie es für dich am besten ist ..., gesandt von deinem Vater Gott. – Willkommen sei unser Bruder Tod!“7 So schrieb der Gründer des Opus Dei, den es selbst auch tröstete zu wissen, dass derjenige, der uns erwartet, „kein Richter im strengen Sinne des Wortes sein wird, sondern einfach Jesus“8. Und auch unsere himmlische Mutter wird da sein und für uns Fürsprache einlegen, sie, die Zuflucht der Sünder und unsere Hoffnung.
1 Hl. Thomas von Aquin, Kommentar zum Evangelium des Johannes, 5,16.
2 Benedikt XVI., Ansprache, 12.9.2008.
3 Hl. Josefmaria, Discursos sobre la Universidad, Nr. 8.
4 Hl. Johannes Paul II., Generalaudienz, 24.8.1988.
5 Hl. Josemaría, Freunde Gottes, Nr. 26.
6 Benedikt XVI., Spe Salvi, Nr. 44.47.
7 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 739.
8 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 168.