AUS SEINER innigen Verbundenheit mit dem Vater und seiner persönlichen Liebe zu jedem einzelnen Menschen erhebt Jesus Christus beim Letzten Abendmahl sein Gebet für die Einheit seiner Jünger aller Zeiten:Ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins sind, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir(Joh 17,22). Dieses inständige Gebet des Herrn steht am Ursprung jedes christlichen Verlangens nach Einheit. Es lädt uns ein, für alle Christen und mit allen Christen zu beten. Deshalb kommt dem Gebet auf dem Weg zur Einheit höchste Bedeutung zu: Es ist zweifellos das Herz der gesamten ökumenischen Bewegung.
Der Ökumenismus – so betonte der heilige Josefmaria – verlangt vor allem den „den Wunsch, das Herz weit zu machen, es allen Menschen mit dem Erlöserverlangen Christi zu öffnen, der alle sucht und alle aufnimmt, weil Er alle zuerst geliebt hat“1. Es ist die überströmende Liebe, die nach der Einheit verlangt, eine Liebe, die keine Barrieren errichtet und nicht bei einem vermeintlichen „Genug“ stehen bleibt. Der heilige Johannes Chrysostomus beschreibt dieses innere Geschehen, wenn er sagt, dass wir Christen „fühlen, dass das Herz weit wird“2. In derselben Linie erklärt der heilige Johannes Paul II., dass der Weg zur Bekehrung der Herzen im Rhythmus der Liebe voranschreitet – einer Liebe, „die sich Gott und zugleich den Brüdern zuwendet: allen Brüdern, auch jenen, die sich nicht in voller Gemeinschaft mit uns befinden.“3 Aus dieser Liebe entsteht die Sehnsucht nach Einheit auch dort, wo ihre Notwendigkeit lange ignoriert wurde.
Der Papst aus Polen fährt fort: Gelingt es Christen, sich trotz ihrer Spaltungen im gemeinsamen Gebet immer stärker um Christus zu sammeln, „wird ihr Bewusstsein dafür wachsen, dass das, was sie trennt, im Vergleich zu dem, was sie verbindet, gering ist“. Mehr noch: „Wenn sie sich immer öfter und eifriger vor Christus im Gebet begegnen, werden sie Mut schöpfen können, um der ganzen schmerzlichen menschlichen Realität der Spaltungen entgegentreten zu können.“4 Wie um möglicher Skepsis zuvorzukommen, unterstreicht Benedikt XVI., dass dieses gemeinsame Gebet „kein voluntaristischer oder rein soziologischer Akt ist, sondern Ausdruck des Glaubens, der alle Jünger Christi verbindet“5.
AM GRAB des heiligen Paulus erinnerte Papst Franziskus daran, dass eine echte Suche nach Einheit voraussetzt, sich in aufrichtigem Gebet der Barmherzigkeit des Vaters anzuvertrauen. In Demut bitten wir Gott um Vergebung für die Spaltungen, die eine offene Wunde am Leib Christi darstellen. Diese Bitte richtet sich zugleich an die getrennten Brüder – für jedes Verhalten von Katholiken in Vergangenheit und Gegenwart, das dem Evangelium widersprochen hat. Ebenso wird das Leid eingeschlossen, das Katholiken durch andere Christen erfahren haben. „Wir können Geschehenes nicht auslöschen“, so der Papst, „aber wir wollen nicht zulassen, dass die Last vergangener Schuld weiter unsere Beziehungen vergiftet.“6
Das Zweite Vatikanische Konzil erinnert nüchtern daran, dass Spaltungen unter den Christen „oft nicht ohne Schuld der Menschen auf beiden Seiten entstanden sind“. Zugleich betont es, dass den Menschen, die jetzt in solchen Gemeinschaften geboren sind und in ihnen den Glauben an Christus erlangen, die Schuld der Trennung nicht zur Last gelegt werden darf – die katholische Kirche betrachtet sie „als Brüder, in Verehrung und Liebe“7. Damit wird deutlich: Die Bekehrung der Herzen – die gegenseitige Vergebung und Annahme – ist entscheidend für jeden ökumenischen Fortschritt. Erst mit einem erneuerten Herzen und einem von Vorurteilen und Missverständnissen befreiten Gedächtnis lernen wir, die Vergangenheit mit dem reinen Blick Christi zu sehen.
Ein eindrückliches Beispiel dafür ist das Leben des heiligen Paulus. Seine Bekehrung war, wie Benedikt XVI. erläuterte, „nicht ein Übergang von der Unsittlichkeit zur Sittlichkeit – er war von hoher Moral –, von einem verfehlten Glauben zu einem richtigen Glauben – sein Glaube war wahr, wenn auch unvollkommen –, sondern er war von der Liebe Christi ergriffen worden: Es war der Verzicht auf die eigene Vollkommenheit, die Demut dessen, der sich vorbehaltlos in den Dienst Christi für die Brüder stellt. Und nur in diesem Selbstverzicht, in dieser Gleichförmigkeit mit Christus können auch wir untereinander vereint sein, können wir ‚eins‘ werden in Christus.“8 Das Bemühen und das Gebet um die Einheit beschränken sich dabei nicht auf jene, die in Spaltung leben. Im Gegenteil. Auch in unserem persönlichen Dialog mit Gott darf diese Sorge nie ausgeklammert werden. Gestützt auf die Gemeinschaft der Heiligen bitten Christen weltweit mit einer Stimme: „Lass uns alle eins sein.“
GEBET UND persönliche Bekehrung sind somit die grundlegenden Wege zur Einheit. Man könnte sogar sagen: Die tiefste Form des Ökumenismus besteht darin, konsequent aus dem Evangelium zu leben und so Christus sichtbar werden zu lassen, in dem wir uns vereinigen wollen. Zugleich braucht es ein aufrichtiges Interesse am Dialog mit den getrennten Brüdern. Für diesen Dialog formulierte das Zweite Vatikanische Konzil ein zentrales Prinzip: „Die Wahrheit erhebt nicht anders Anspruch als kraft der Wahrheit selbst, die sanft und zugleich stark den Geist durchdringt.“9 Ein authentischer ökumenischer Dialog gründet in der Liebe zur Wahrheit und vermeidet reduktionistische, synkretistische Lösungen und vorschnelle Kompromisse.10 Aus eigener Erfahrung bestätigt Benedikt XVI., „dass der aufrichtige und brüderliche Dialog Vertrauen erzeugt, Ängste und Vorurteile beseitigt, Schwierigkeiten überwindet und Offenheit schafft für eine friedliche und konstruktive Gegenüberstellung“11.
Ergänzt wird dieser Weg durch die konkrete Zusammenarbeit. Dabei werden die Wege ökumenischer Kooperation – insbesondere im gemeinsamen Zeugnis für das Evangelium in der Gesellschaft – immer vielfältiger. Der heilige Josefmaria sah es mit Freude, dass „sich nicht wenige unserer getrennten Brüder, unter ihnen auch Geistliche und sogar Bischöfe verschiedener Konfessionen, vom Geist des Opus Dei angezogen fühlen und in unseren apostolischen Unternehmungen mitarbeiten“. Gerade weil der Geist des Opus Dei besonders die Eigeninitiative im Apostolat und in der Arbeit fördert, so sagte er, „finden unsere getrennten Brüder seit Jahren einen guten Teil jener theologischen Voraussetzungen praktisch gelebt vor, auf die sie und wir Katholiken berechtigte ökumenische Hoffnungen setzen.“12
Im Vertrauen auf die Kraft des Gebets der ganzen Kirche wenden wir uns schließlich an Maria. Ihre Offenheit für den Heiligen Geist ist ein leuchtendes Vorbild für eine wahrhaft ökumenische Haltung.
1 Hl. Josefmaria, Loyal zur Kirche, Nr. 11.
2 Hl. Johannes Chrysostomus, Homilien über den 2. Korintherbrief, 13,1-2.
3 Hl. Johannes Paul II., Enz. Ut unum sint, Nr. 21.
4 Ebd., Nr. 22.
5 Benedikt XVI., Audienz, 23.1.2008.
6 Franziskus, Homilie, 25.1.2016.
7 II. Vat. Konzil, Dekr. Unitatis redintegratio, Nr. 3.
8 Benedikt XVI., Homilie, 25.1.2009.
9 II. Vat. Konzil, Erkl. Dignitatis humanae, Nr. 1.
10 Vgl. hl. Johannes Paul II., Enz. Ut unum sint, Nr. 36-38.
11 Benedikt XVI., Ansprache, 26.1.2006.
12 Hl. Josefmaria, Gespräche, Nr. 22.
