ALS JESUS im Zuge seines öffentlichen Wirkens in sein Heimatdorf Nazaret zurückkehrt und in der Synagoge lehrt, schlägt ihm zunächst Staunen entgegen (vgl. Mt 13,54). Die Menschen, die ihn seit seiner Kindheit kennen, sind irritiert. Woher hat er diese Weisheit und die Machttaten?, fragen sie. Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? (ebd.). In der Luft liegt eine spürbare Spannung zwischen Vertrautheit und Geheimnis: Die Herkunft Jesu scheint bekannt – und entzieht sich doch jeder Erklärung.
Diese beinahe tastende, „heilige Neugier“, die nach dem familiären Umfeld Jesu fragt, hat in der kirchlichen Tradition einen eigenen Weg gefunden. Sie richtet den Blick auf den Mann, aus dessen Mund die Evangelisten nicht ein einziges Wort überliefern und der dennoch eine Schlüsselrolle im Heilsplan übernimmt: den heiligen Josef. Ausgehend von der Heiligen Schrift entstand die Andacht zu den sieben „Schmerzen und Freuden des heiligen Josef“ – eine geistliche Annäherung an wichtige Stationen seines Lebens, in denen Freude und Leid eng miteinander verwoben sind. Einer alten Tradition folgend werden diese Stationen an den sieben Sonntagen vor seinem Fest am 19. März betrachtet.
Die Verehrung des heiligen Josef zieht sich wie ein goldener Faden durch die Geschichte der Kirche – durch Kunst, Liturgie und geistliches Leben. Bereits 1621 wurde der 19. März als gebotener Feiertag eingeführt, 1870 erklärte man Josef zum Patron der ganzen Kirche. Papst Leo XIII. widmete ihm eine Enzyklika, Johannes Paul II. ein Apostolisches Schreiben, und Papst Franziskus knüpfte mit einem eigenen Schreiben und einem Jahr des heiligen Josef daran an. Diese wiederholte Aufmerksamkeit der Kirche für den heiligen Josef ist ein stiller Hinweis darauf, dass die Gestalt Josefs uns auch heute etwas zu sagen hat.
IM LEBEN JOSEFS gibt es einen Moment, der alles entscheidet. Er stellt fest, dass seine Braut ein Kind erwartet, das gewiss nicht von ihm ist, und steht vor einer existenziellen Frage: Was erwartet Gott nun von mir? Da spricht im Traum ein Engel zu ihm: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen (Mt 1,20). Mit diesen Worten weichen Zweifel und Angst. Wir kennen Josefs innere Gedanken nicht – doch eines ist klar: Er zweifelte nicht an der Unschuld Marias. Der Engel bestätigt vielmehr, was Josef offenbar schon geahnt hatte – dass Gott selbst hier am Werk ist. Man darf sich vorstellen, welche Erleichterung er verspürte und welcher Jubel seine Seele durchflutete.
Josef erkennt die Größe der Aufgabe, die ihm anvertraut wird: Vater Jesu zu sein und Ehemann Marias. Er nimmt diesen Auftrag ohne Aufhebens an – mit Demut, Verantwortung und Treue. Johannes XXIII. würdigte genau diese seine Haltung: Welche Größe, so betonte er, erlange die stille und verborgene Gestalt des heiligen Josef durch die Art, wie er die ihm von Gott anvertraute Sendung erfüllte. Wahre menschliche Würde, betonte der Papst, bemesse sich nicht am äußeren Glanz, sondern an der inneren Ordnung und am guten Willen.1 Josef wirkt an der Umsetzung der göttlichen Pläne mit, ohne selbst ins Rampenlicht zu treten.
Diese stille Vaterschaft endet nicht mit dem irdischen Leben Jesu. Die Kirche sieht im heiligen Josef bis heute ihren Schirmherrn.2 Der Gründer des Opus Dei fasste diese Erfahrung in eine persönliche Anrede: Josef sei „unser Vater und Herr“, der uns beschützt und begleitet – so wie er einst den heranwachsenden Jesus beschützt und begleitet hat.3 Auf diese väterliche Nähe Josefs haben Generationen von Christen vertraut.
IM OPUS DEI hat diese Beziehung eine konkrete Geschichte. Die Verehrung des Gründers des Opus Dei für den heiligen Josef wurde im Lauf der Jahre, wie er selbst sagte, immer inniger. Im fortgeschrittenen Alter bekannte er, er habe Josef stets geliebt und für einen außergewöhnlichen Mann gehalten – und ihn sich immer jung vorgestellt: jung, rein, kraftvoll. Keuschheit, so seine Überzeugung, sei keine Frage des Alters. Diese Sicht prägte auch eine Darstellung, die er für eine Kapelle in Auftrag gab: der heilige Josef nicht als Greis, sondern als Mann „voller Vitalität und Kraft“4.
Zugleich faszinierte ihn der Gedanke, dass Jesus, Maria und Josef als „Dreifaltigkeit der Erde“ eine Familie bilden, der wir als Christen angehören. Daher wandte er sich in Nöten spontan an Josef, das Haupt dieser Familie. So etwa in den frühen 1930er-Jahren, als in Spanien ein aggressiv antiklerikales Klima herrschte. „Wir brauchten den Herrn bei uns im Tabernakel“5, erinnerte er sich später. Im März 1935 wurde dies möglich. Seitdem tragen die Tabernakelschlüssel in den Zentren des Werkes eine Medaille mit der Inschrift Ite ad Ioseph – „Geht zu Josef“. Sie erinnert daran, dass Josef – wie sein Namensvetter im Alten Testament – uns auch heute mit Brot versorgt.
Der heilige Josefmaria förderte die Verehrung des heiligen Josef nicht zuletzt durch die Empfehlung der sieben Sonntage. Bezeichnend ist seine Antwort auf die Frage, wie man sich Jesus nähern könne: „Denke an diesen wunderbaren Menschen, den Gott dazu erwählte, sein Vater auf Erden zu werden; denke an seine Schmerzen und Freuden. Lebst du die sieben Sonntage? Wenn nicht, dann empfehle ich es dir.“6 So bleibt am Ende eine Bitte: Gemeinsam mit seiner heiligen Frau möge uns der heilige Josef zeigen, wie wir unsere jeweiligen Familien zu dem Glück führen können, das sie im gemeinsamen Leben gefunden haben.
1 Vgl. hl. Johannes XXIII., Radiobotschaft, 1.5.1960.
2 Vgl. hl. Johannes Paul II., Apostol. Schreiben Redemptoris custos, Nr. 28.
3 Vgl. hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 39.
4 Hl. Josefmaria, Im Zwiegespräch mit dem Herrn, Zur Familie Josefs gehörig, Nr. 72.
5 Ebd., Nr 73.
6 Hl. Josefmaria, Aufzeichnungen von einem Familientreffen, 15.9.1972.
