KINDER aufwachsen zu sehen, ist etwas vom Freudigsten im Leben. Josef erlebte dieses Glück, als er Jesus heranwachsen sah: Er nahm zu an Weisheit und an Größe und an Gunst bei Gott und den Menschen (Lk 2,52). Die Aufgabe eines Vaters besteht darin, sein Kind darauf vorzubereiten, seine eigene Berufung zu entdecken und zu erfüllen. Und so war es: Josef begleitete Jesus liebevoll bei seinen ersten Schritten – im Alltag von Nazaret, im Schweigen der Werkstatt, in den Rhythmen eines einfachen Lebens. Der heilige Josefmaria zog daraus einen bemerkenswerten Schluss: Jesus müsse in seiner Arbeitsweise, in seinem Charakter und sogar in seiner Redeweise Josef ähnlich gewesen sein. Wer später „seinen Wirklichkeitssinn, seine Art, sich zu Tisch zu setzen und das Brot zu brechen, seine Vorliebe für die konkrete Darstellung der Lehre anhand alltäglicher Beispiele“1 beobachte, erkenne darin Spuren jener Jahre unter dem Dach des Zimmermanns.
Papst Franziskus hebt hervor, dass Josef in der Synagoge immer wieder vom barmherzigen Gott Israels gehört haben muss.2 Dieser Glaube prägte sein Handeln. Er war wohl nicht mehr am Leben, als Jesu öffentliches Wirken begann – seine Rolle war es aber, im Verborgenen tätig zu sein, in jener unscheinbaren, aber fruchtbaren Sphäre des Familienlebens, in der Erziehung und Liebe einander durchdringen.
Die Prägung dieser Jahre wurde bald sichtbar. Jesus sprach mit dem Akzent seiner Heimat, hatte eine Hand für die Leute, leistete gute Handwerksarbeit – und war doch Gottes Sohn. Es ist staunenswert: Gott wollte Mensch sein und lernte menschliches Leben von Menschen. Die Zärtlichkeit und Weisheit Josefs spiegeln sich im Sohn wider, der unter seinem Dach aufgewachsen war.3
IM JUDENTUM war es Aufgabe des Vaters, dem Kind seinen Namen zu geben und im Gesetz des Mose zu unterweisen. Josef gab seinem Sohn den Namen – wie es ihm der Engel befohlen hatte – und führte ihn in die Geschichte Israels und in den Glauben des Bundes ein. Dass er, um das Gesetz zu erfüllen, das Kind auch zur Beschneidung führen musste, schmerzte ihn. Der Prophet Hosea vergleicht Gottes Sorge um sein Volk mit zärtlicher Elternliebe: Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb, ich rief meinen Sohn aus Ägypten. (...) Ich war da für sie wie die, die den Säugling an ihre Wangen heben. Ich neigte mich ihm zu und gab ihm zu essen (Hos 11,1-4). Es ist Gott, der sich um seinen Sohn kümmerte, doch er bewirkt es durch das heilige Paar: In ihm nimmt Gottes Fürsorge konkrete Gestalt an. Es ist auch Gott, der ihn lehrt, doch er tut es durch diese Menschen.
Das Leben in Nazaret – und noch mehr das der Kinder – spielte sich weitgehend im Freien ab: Die Plätze der Stadt werden voller Knaben und Mädchen sein, die auf ihren Plätzen spielen (Sach 8,5), sagt der Prophet; Jesus selbst wird von Kindern sprechen, die auf den Plätzen sitzen (vgl. Mt 11,16). Kinder lernten im Spiel unter freiem Himmel, im Austausch mit Gleichaltrigen – und im Hören auf Vater und Mutter. Die Weisheitsbücher mahnen: Höre, mein Sohn, auf die Mahnung des Vaters, und die Unterweisung deiner Mutter verwirf nicht! Sie sind ein schöner Kranz auf deinem Haupt und eine Kette für deinen Hals (Spr 1,8-9). Die Familie war der erste Ort der Einführung in Glauben und Leben.
Papst Franziskus betonte, dass das Zuhause weiterhin der Ort sein muss, „wo gelehrt wird, die Gründe und die Schönheit des Glaubens zu erkennen, zu beten und dem Nächsten zu dienen“4. In der familiären Atmosphäre tritt Gott unmerklich in das Leben der Kinder ein; die ersten Gebete und Äußerungen der Frömmigkeit, die wir erlernt haben, bleiben für immer in der Tiefe unserer Seele verankert.
MARIA UND JOSEF unterwiesen Jesus in den Traditionen Israels – und lernten selbst von ihm: Sie entdeckten durch ihn das Geheimnis Gottes. Der Evangelist Lukas berichtet zweimal, dass Maria alles in ihrem Herzen bewahrte und darüber nachdachte. Auch Josef hat sicherlich mehr als einmal staunend erfahren, wie gut, geduldig und zärtlich Gott ist.
Geduld und Verständnis sind grundlegende Tugenden eines Vaters und eines jeden Erziehers, vor allem im Umgang mit Schwächen, den eigenen und denen der anderen. Papst Franziskus erinnert daran, dass wir unsere eigene Schwachheit mit Erbarmen annehmen sollen: „Der Böse lässt uns verächtlich auf unsere Schwachheit blicken ...“5, nicht aber Gott. Er sieht das Gute in uns und kommt uns mit Liebe entgegen. Und der Papst fährt fort: „Die Wahrheit, die von Gott kommt, verurteilt uns nicht, sondern nimmt uns auf und umarmt, unterstützt und vergibt uns. Die Wahrheit zeigt sich uns immer wie der barmherzige Vater im Gleichnis (vgl. Lk 15,11-32): Sie kommt uns entgegen, sie gibt uns unsere Würde zurück, sie richtet uns wieder auf.“6 So handelt auch ein guter Vater. Er weiß: Ermutigung, freundliche Worte und eine verständnisvolle Begleitung bewirken zumeist mehr als eine strenge Zurechtweisung.
Der heilige Josefmaria wies darauf hin, dass Jesus seinen Vater Josef zweifellos innig liebte, und schloss daraus: „Wir werden also eine große Verehrung für den heiligen Josef hegen – eine zarte, feine, liebevolle Verehrung. Wir nennen ihn unseren Vater und Herrn: Lasst uns also wie Kinder zu ihm gehen, in einem fort!“7 In Darstellungen der Heiligen Familie steht das Kind in der Mitte, Maria zur Rechten, Josef zur Linken. Sie sind sicher jederzeit bereit, auch uns in ihre Mitte zu nehmen.
1 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 55.
2 Vgl. Franziskus, Apostolisches Schreiben Patris corde, Nr. 2.
3 Vgl. hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 55.
4 Franziskus, Apostolisches Schreiben Amoris laetitia, Nr. 287.
5 Franziskus, Apostolisches Schreiben Patris corde, Nr. 2.
6 Ebd.
7 Hl. Josefmaria, Notizen eines Familientreffens, 27.9.1973.
