JESU Liebe kennt keine Grenzen. Er will uns dort haben, wo er selbst ist, er will uns auf sein Niveau bringen und alles mit uns teilen, was er hat, was er empfangen hat: seine Herrlichkeit, seine innige Vertrautheit mit Gott Vater. Ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast (Joh 17,22), hören wir ihn heute gegen Ende des hohepriesterlichen Gebets zu seinem Vater sagen. Um dahin zu kommen, ist es „wichtig zu verstehen“, lehrte Papst Franziskus, „dass Gott ganz Gabe ist, dass er nicht nimmt, sondern gibt. Warum ist das wichtig? Weil von unserer Gottesvorstellung abhängt, wie wir unseren Glauben leben. (...) Wenn wir Gott als Gabe in unseren Herzen spüren, ändert sich alles. Wenn uns bewusst wird, dass das, was wir sind, sein Geschenk ist, seine freie und unverdiente Gabe, werden auch wir unser Leben zu einer Gabe und einem Geschenk machen wollen.“1
Mit dem Heiligen Geist schenkt uns Jesus den Geber aller Gaben, die Liebe zwischen Gott Vater und ihm selbst. Und mit ihm seine Früchte, wovon eine die Hochherzigkeit ist, die hohe Ziele verfolgt, ohne sich abbringen zu lassen. „Davon, dass du und ich so handeln, wie Gott will, hängen viele große Dinge ab. Vergiss das nicht“2, schrieb der heilige Josefmaria. Er hatte einmal ein Schlachtfeld gesehen, „wenige Stunden nach dem Kampf: Am Boden verstreut lagen Wolldecken, Feldflaschen, Tornister mit Familienandenken, mit Briefen und Fotos von geliebten Menschen …“ Doch das Interessante sei gewesen, „dass nicht die Besiegten all das weggeworfen hatten, sondern die Sieger; sie hatten sich all ihres Gepäcks entledigt, um so leichter die feindliche Stellung einnehmen zu können.“ Und er folgerte daraus: „Sei dir bewusst, dass, um zu Christus zu gelangen, Opfer nötig ist; es ist nötig, alles wegzuwerfen, was stört: Decke, Tornister, Feldflasche. Handle auch du so in deinem Kampf zur Ehre Gottes, in diesem Ringen um Liebe und Frieden, durch das wir das Reich Christi ausbreiten wollen.“3 Die Gabe der Hochherzigkeit hilft uns dabei.
„WENN DAS LEBEN unserer Gemeinschaften Zeiten der ,Mattheit‘ durchläuft, in denen die häusliche Idylle der Neuheit Gottes vorgezogen wird, ist das ein schlechtes Zeichen”, bringt Papst Franziskus eine Sorge zur Sprache. „Es bedeutet nämlich, dass man Schutz sucht vor dem Wind des Geistes. Wenn man für die Selbsterhaltung lebt und nicht darüber hinauskommt, ist das kein gutes Zeichen. Der Geist weht – wir aber holen die Segel ein. Und doch haben wir viele Male gesehen“, fährt der Papst ermutigend fort, „wie der Geist Wunderbares bewirkt. Er hat oft, gerade in den dunkelsten Zeiten, die strahlendste Heiligkeit hervorgebracht! Denn er ist die Seele der Kirche, er beseelt sie immer neu mit Hoffnung, erfüllt sie mit Freude, befruchtet sie mit Neuem, schenkt ihr Knospen neuen Lebens. Es ist, wie wenn in einer Familie ein Kind geboren wird: Es bringt zwar den Zeitplan durcheinander und lässt einen nicht schlafen, schenkt dafür aber eine Freude, die das Leben erneuert, die ihm Antrieb verleiht und es in Liebe weitet. Ja, (...) der Geist erinnert die Kirche daran, dass sie trotz ihrer jahrhundertealten Geschichte immer eine Zwanzigjährige ist – die junge Braut, in die der Herr hoffnungslos verliebt ist. So lasst uns nicht müde werden, den Geist in unser Leben einzuladen und ihn vor jeder Tätigkeit anzurufen: ,Komm, Heiliger Geist!‘“4
Die Kirche bewegt sich auf Pfingsten zu, in der Hoffnung, Gaben zu erlangen. Sie will mit Hochherzigkeit erfüllt werden: „Schau nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche und schenke ihr nach deinem Willen ...“5, beten wir in der Heiligen Messe. Wir wollen uns nicht von kleinmütigem Denken vereinnahmen lassen. Wir wollen unseren Blick auf das richten, was endgültig ist, was nicht vergeht: auf die Liebe Gottes zu jedem von uns. Der heilige Josefmaria hat uns immer ermutigt, den weiten Horizont zu sehen: „Betrachtet nichts nur mit irdischen Augen, meine Töchter und Söhne. Schaut nicht mit der Nase an der Wand, denn dann würdet ihr nur ein Stückchen Wand, etwas Boden und die Spitzen eurer Schuhe sehen, die nicht einmal sauber sind, weil sie durch den Straßenstaub verschmutzt wurden. Hebt den Kopf, und ihr seht den Himmel, blau oder bewölkt, der auf euren Höhenflug wartet. Die Hindernisse der Sinnlichkeit, des Stolzes, der Eitelkeit – kurz gesagt, der menschlichen Beschränktheit – sind nicht so groß, dass sie uns gegen unseren Willen die Sicht komplett verstellen können.“6
ICH HABE ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und ich in ihnen bin (Joh 17,26), setzt Jesus sein Gebet fort. Es mag uns manchmal wundern, dass die Apostel, die Christus von Ewigkeit her auserwählt hatte, nicht immer mitbekamen, was um sie herum geschah. In Wirklichkeit lassen aber auch wir uns oft durch das Unmittelbare gefangen nehmen. Papst Benedikt lehrte: „Oftmals ist unser Leben an der Logik des Habens, des Besitzens und nicht der Selbsthingabe ausgerichtet. Viele Menschen glauben an Gott und bewundern die Gestalt Jesu Christi, wenn man aber von ihnen fordert, etwas von sich selbst zu verlieren, so ziehen sie sich zurück und haben Angst vor den Anforderungen des Glaubens. Es besteht die Furcht, auf etwas Schönes verzichten zu müssen, an dem wir hängen; die Furcht, dass uns die Nachfolge Christi der Freiheit, gewisser Erfahrungen, eines Teils unserer selbst beraube. (...) Wir müssen es verstehen anzuerkennen, dass der Verlust von etwas, mehr noch: dass der Verlust seiner selbst für den wahren Gott, den Gott der Liebe und des Lebens, in Wirklichkeit ein Gewinn ist, ein volleres Finden seiner selbst. Wer sich Jesus anvertraut, erfährt bereits in diesem Leben den Frieden und die Freude des Herzens, welche die Welt nicht geben und nicht einmal nehmen kann, da es Gott ist, der sie uns geschenkt hat.“7
Das Gegenteil der Hochherzigkeit ist Ängstlichkeit, Furcht, der Wunsch, sich abzusichern, nichts zu riskieren. Der Geist befreit die Herzen, er verwandelt unser Leben – auf seine Weise. Papst Franziskus erklärt: „Er revolutioniert nicht das Leben um uns herum, sondern verändert unser Herz; er befreit uns nicht mit einem Schlag von unseren Problemen, sondern er macht uns im Innern frei, damit wir sie in Angriff nehmen; er gibt uns nicht alles auf einmal, aber er lässt uns zuversichtlich weitergehen. (...) Wie macht er das? Indem er das Herz erneuert und dem sündigen Herzen Vergebung zuteilwerden lässt. Das ist die große Veränderung: Uns Schuldige macht er zu Gerechten, und so ändert sich alles, denn aus Sklaven der Sünde werden wir zu freien Menschen, aus Knechten zu Söhnen, aus Verworfenen zu geschätzten Freunden, aus Enttäuschten zu Hoffenden. Auf diese Weise lässt der Heilige Geist die Freude neu erstehen und im Herzen den Frieden erblühen.“8 Meine Seele preist die Größe des Herrn (Lk 1,46). Wir bitten unsere Mutter, dass wir uns vom Feuer des Geistes entzünden und verwandeln lassen.
1 Franziskus, Predigt, 31.5.2020.
2 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 755.
3 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 196.
4 Franziskus, Predigt, 20.5.2018.
5 Ordinarium der Messe.
6 Hl. Josefmaria, Notizen von einem Familientreffen, 25.6.1972.
7 Benedikt XVI., Predigt, 23.5.2010.
8 Franziskus, Predigt, 20.5.2018.
