Betrachtungstext: 5. Woche im Jahreskreis – Freitag

Wir können Menschen zu Jesus bringen – Gott handelt auf verschiedene Weisen – Die Zeiten von Gottes Wirken sind nicht immer unsere Zeiten

JESUS predigte oft zu großen Menschenmengen, wie ein Sämann, der den Samen großzügig ausstreut. Zugleich begegnet er den Menschen immer wieder ganz persönlich, wie ein Arzt, der sich Zeit nimmt: Er hört zu, schaut hin, berührt, heilt. Die Evangelien zeigen beide Seiten seines Wirkens. Besonders eindrücklich sind jene Szenen, in denen Menschen Jesus nicht aus eigener Kraft erreichen, sondern von anderen zu ihm gebracht werden. So etwa der Taubstumme, der seine Not kaum ausdrücken konnte. Es waren wohl Angehörige oder Freunde, die ihn brachten und Jesus baten, ihm die Hände aufzulegen (vgl. Mk 7,32).

Die Szene veranschaulicht, was christliches Apostolat im Kern bedeutet. Auch wir sind gerufen, andere zu Christus zu führen, damit auch sie seine heilende Nähe erfahren. Vielen Menschen fehlt heute nicht der Wunsch nach Gott, sondern der Zugang. Sie tragen eine stille Sehnsucht in sich, wissen aber nicht, wo sie beginnen sollen. Papst Franziskus weist darauf hin, dass viele Gott „insgeheim suchen, bewegt von der Sehnsucht nach seinem Angesicht“1.

Der Evangelist verwendet zwei schlichte Verben, die diese Aufgabe umreißen: die Menschen zu Jesus bringen und ihn um ihre Heilung bitten. Das Bitten scheint leicht – schwieriger ist das Bringen. Der heilige Josefmaria macht deutlich, dass dies nicht durch Druck geschehen kann, durch einen „physischen Stoß, sondern durch ein glaubwürdiges Zeugnis: durch Licht, Lehre, Gebet, Opferbereitschaft, menschliche Nähe und eine stille, gelassene Freude, die aus der Gotteskindschaft erwächst.2


DIE BEGLEITER des Taubstummen bitten Jesus voller Vertrauen, dem Kranken die Hände aufzulegen. Doch der Herr handelt anders, als sie es vielleicht erwarten. Er nahm den Kranken beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel; danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu ihm: Effata!, das heißt: Öffne dich! (Mk 7,33-34). Ähnlich verfährt er bei anderen Heilungen. Manchmal wirkt er augenblicklich, manchmal schrittweise, manchmal aus der Ferne, manchmal durch berührende Gesten.

Ein einziges Wort Jesu würde genügen, jede Krankheit zu heilen – das bekennen wir täglich in der Liturgie. Doch das Evangelium zeigt: Gott folgt keinem festen Protokoll. Das erfahren wir in unserem eigenen Leben. Er handelt nicht immer schnell, nicht immer direkt, nicht immer so, wie wir es erwarten. Oft führt er über Wege, die Geduld verlangen, über Etappen, die uns unnötig erscheinen. In einer Welt, die an Effizienz und sofortige Lösungen gewöhnt ist, fällt uns dieses göttliche Tempo schwer.

In einer seiner Meditationen erinnert Papst Franziskus daran, dass der Herr auf unterschiedliche Weise wirkt: „Der Herr ist seinem Volk nah, sehr nahe. Er sagt das selbst: Welches Volk auf Erden hat einen Gott, der ihm so nahe ist, wie ihr? (...) Das Leben ist ein Weg, den er gemeinsam mit uns gehen wollte. Aber wenn der Herr kommt“, so fährt der Papst in einer seiner Tagesmeditationen fort, „dann tut er das nicht immer auf dieselbe Art. (...) Einmal macht er es auf diese, ein andermal auf jene Weise, aber er tut es immer. (...) Der Herr nimmt sich Zeit, (...) hat aber auch viel Geduld. (...) Wenn wir uns in Schwierigkeiten befinden, würden wir gerne vom Kreuz heruntersteigen. Und das ist genau der Moment: Die Nacht ist dann am dunkelsten, wenn die Morgenröte unmittelbar bevorsteht.“3


AM ENDE seines irdischen Weges sagt Jesus zu seinen Aposteln, dass sie gut daran getan haben, ihn Meister zu nennen (vgl. Joh 13,13). Zugleich hat er sich als Arzt (Mt 9,12) und als Sämann (Mt 13,37) bezeichnet. Diese Bilder helfen, sein Handeln zu verstehen – auch in unserem eigenen Leben –, vor allem wenn sein Zeitverständnis nicht mit dem unseren übereinstimmt. Ein Lehrer formt nicht in einem Augenblick. Ein Arzt überstürzt nichts und heilt nicht immer sofort: Es sind oft mehrere Schritte notwendig. Ein Sämann wartet und tut geduldig seine Arbeit, bis der Same aufgeht, wächst und Frucht bringt.

Der heilige Paulus bringt diese Geduld auf den Punkt, wenn er schreibt:: Meine Kinder, für die ich von Neuem Geburtswehen erleide, bis Christus in euch Gestalt annimmt (Gal 4,19). Genau darauf zielt Gottes Wirken hin: Christus in uns zu heranzubilden. Der heilige Josefmaria spricht deshalb vom Wunsch, „uns als Miterlöser Christi zu betrachten und mit ihm alle Menschen zu retten, da wir ja ipse Christus sind und sein wollen, Christus selbst, der sich zum Lösegeld für alle hingegeben hat (vgl. 1 Tim 2,6).4 

In diesem geduldigen Warten ist Maria unsere größte Hilfe. Sie wusste, was es heißt, Zeit zu lassen: neun Monate des Wartens, bis Christus in ihr Gestalt annahm, dreißig Jahre, bis sein öffentliches Wirken begann, und drei Tage, bis er verherrlicht wurde. Ihre Haltung lehrt uns, dass wir Gottes Wegen vertrauen dürfen – und dass es sich lohnt, das zu tun.


1 Franziskus, Evangelii gaudium, Nr. 14.

2 Vgl. hl. Josefmaria, Brief 9, 24.10.1942.

3 Franziskus, Tagesmeditation, 28.6.2013.

4 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 121.