EIN VOLK, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht (Jes 9,1). Mit diesem Bild beschreibt der Prophet Jesaja eine Erfahrung, die weit über seine Zeit hinausreicht. Wo Menschen sich an den Schatten gewöhnt haben, bricht plötzlich Hoffnung auf. Die Dunkelheit verliert ihre Macht. Für Christen ist klar, wovon hier die Rede ist: von der Ankunft Jesu Christi. Er ist das Licht, das dem Leben Orientierung gibt und aus der Verlorenheit herausführt.
Darum ist christliche Freude keine oberflächliche Stimmung. Sie gründet in einer Gewissheit: Gott ist Mensch geworden, hat die Sünde überwunden und bleibt an unserer Seite. Der Herr ist mein Licht und mein Heil, bekennt der Psalmist, vor wem sollte ich mich fürchten? (Ps 27,1). Der Christ fürchtet nichts, denn er weiß, dass Jesus ihn immer begleitet: Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? (Röm 8,31).
Zugleich bleibt niemand von Schwierigkeiten verschont. Kleine Enttäuschungen gehören dazu ebenso wie große Einschnitte – Krankheit, berufliche Brüche oder familiäre Krisen. Wer behauptet, all das berühre ihn nicht, täuscht sich. Denn gerade in solchen Momenten kann sich der Blick neu auf Christus richten. Johannes Paul II. brachte es auf den Punkt, als er Jugendlichen zurief: „Der Mensch ist für die Glückseligkeit geschaffen. Euer Durst nach Freude, nach Glück ist also berechtigt. Christus hat die Antwort auf eure Erwartungen. Aber er bittet euch, ihm zu vertrauen.“1
DER HEILIGE Paulus hatte von den Spaltungen in der christlichen Gemeinde von Korinth gehört. Anscheinend hatten sich verschiedene Gruppen um wichtige Persönlichkeiten gebildet; das führte dazu, dass sie sagten: „Ich halte zu Paulus“, „Ich zu Apollos“, „Ich zu Kephas“. Der Apostel beendet seine Aufzählung mit einer Aussage, die ironisch klingen könnte: Ich zu Christus (1 Kor 1,12). Es ist, als ob er sagte: Ihr gehört zu all denen, aber ich gehöre zu Jesus – um so deutlich zu machen: Gruppenbildungen sind absurd, denn das Einzige, was zählt, ist, zum Herrn zu gehören.
Unterschiede zwischen Menschen bleiben real: im Temperament, in Ansichten, in Lebenswegen – und manchmal erscheinen sie unüberwindbar. Doch für Paulus wiegt schwerer, was verbindet.Wer sich als Bruder oder Schwester in Christus versteht, relativiert Trennendes und sucht geduldig nach Verständigung. So können wir mit dem Apostel sagen: Obwohl wir unterschiedlich sind oder denken, gehören wir zu Jesus.Oft genügt ein Perspektivwechsel. Der heilige Josefmaria sprach davon, Menschen mit einem wohlwollenden Blick zu sehen – so wie Gott sie sieht –, und warnte davor, vorschnell über andere ein Urteil zu sprechen, selbst wenn es Gründe dafür zu geben scheint.2
ALS JESUS erfuhr, dass Johannes in den Kerker geworfen worden war, zog er nach Galiläa. Damit erfüllte sich wahrhaft die Prophezeiung Jesajas über das Volk, das im Dunkel lebt, aber ein helles Licht sah (Jes 9,1), wie der Evangelist anmerkt. Und Christus begann zu predigen und seine ersten Jünger zu berufen: Er sah zwei Brüder, Simon, genannt Petrus, und seinen Bruder Andreas; sie warfen gerade ihr Netz in den See, denn sie waren Fischer. Da sagte er zu ihnen: Folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. (Mt 4,18-19)
Jesus ruft die Bewohner Galiläas insbesondere zur Bekehrung auf, denn sie haben ein Licht empfangen: Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe (Mt 4,17). Manchmal scheint es unmöglich, den Weg der Sünde zu verlassen, wie Papst Franziskus erklärte, „weil das Engagement für die Umkehr nur auf einen selbst und auf die eigene Kraft ausgerichtet ist und nicht auf Christus und dessen Geist“3. Den Ruf anzunehmen bedeutet vor allem, auf Gottes Wort zu vertrauen, uns von ihm heilen zu lassen und uns für seine Begleitung zu öffnen. Auf diese Weise wird er unsere guten Wünsche stärken und unsere Bemühung, ihm nachzufolgen, unterstützen.
Die ersten Jünger haben das verstanden. Als Jesus sie am See von Galiläa ruft, lassen sie ihre Netze zurück. Ihr bisheriger Alltag wird nicht verworfen, sondern in einen größeren Horizont gestellt. Berufung bedeutet nicht Flucht aus der Welt, sondern neue Tiefe im Leben. Oder, wie der heilige Josefmaria sagte:„Jede Berufung ist ein Phänomen, das der Arbeit einen missionarischen Sinn gibt, unser Leben veredelt und ihm Wert verleiht. Jesus dringt in deine und in meine Seele ein: das ist der Ruf.“4 Am Ende bleibt eine Bitte: dass wir das Licht Christi nicht nur annehmen, sondern weitertragen – in unserem Umfeld, im Alltag, in den Begegnungen. Maria, die Mutter der Christen, kann uns dabei helfen.
1 Johannes Paul II. , Ansprache 25.7.2002.
2 Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 442.
3 Franziskus, Angelus-Gebet, 26.1.2020.
4 Hl. Josefmaria, Brief Nr. 3, Nr. 9.
