JESUS SPRICHT so, dass man ihn versteht. Er nutzt Bilder, die aus dem Alltag seiner Zuhörer stammen. Als er fragt: Zündet man etwa eine Lampe an und stellt sie unter den Scheffel oder unter das Bett? Stellt man sie nicht auf den Leuchter? (Mk 4,21), sehen die Menschen vor sich, wovon er redet: ein Gefäß, das jeder kennt, weil man damit Getreide abmisst; und eine Lampe, wie sie abends auf dem Leuchter in den Häusern brennt, so dass sie den ganzen Raum erhellt. Kurz: Jesus nimmt Handfestes, um geistliche Horizonte zu öffnen.
Denn seine Frage zielt nicht auf Haushaltstechnik, sondern auf das Herz: Wenn Licht dazu da ist, zu leuchten – warum sollte man es verstecken? Hier liegt die Pointe, dies ist die Botschaft. Wer an Christus glaubt, hat das Licht empfangen, das in die Welt gekommen ist, um die Finsternis zu vertreiben: das Böse, die Angst, letztlich sogar den Tod. Dieses Licht ist Geschenk – und zugleich Auftrag. Licht wird nicht gehortet, es wird weitergegeben. Der heilige Josefmaria beschreibt Christen daher als „Träger der einzigen Flamme, die die Wege der Menschen auf Erden zu erhellen vermag“1. Es ist uns anvertraut, dafür zu sorgen, dass Menschen nicht im Dunkeln stehen bleiben, sondern Wege finden, die ins ewige Leben führen.2 Papst Franziskus brachte es auf den Punkt: „Ein Jünger und eine christliche Gemeinschaft sind Licht in der Welt, wenn sie andere zu Gott führen und jedem helfen, seine Güte und Barmherzigkeit zu erfahren. Der Jünger Jesu ist Licht, wenn er seinen Glauben außerhalb begrenzter Räume zu leben weiß, (...). Licht machen! Aber es ist nicht mein Licht, es ist das Licht Jesu: Wir sind Werkzeuge, damit das Licht Jesu alle Menschen erreiche.“3
UND WIE lässt sich diese Aufforderung des Evangeliums, das Licht des Herrn weiterzugeben, konkret leben? Die Versuchung liegt nahe, gleich an außergewöhnliche Formen der Verkündigung zu denken: an Predigt, Mission, große Initiativen. Der heilige Josefmaria setzte einen anderen Akzent und erinnerte daran, dass für die meisten Christen der entscheidende Ort des Apostolats nicht abseits des Alltags liegt, sondern mitten darin: in Familie, Nachbarschaft, Beruf.
Er formuliert es eindringlich: „Du und ich – wir sind Christen, aber gleichzeitig und untrennbar damit verbunden auch Staatsbürger und arbeitende Menschen mit konkreten Pflichten. Wenn wir uns wirklich heiligen wollen, müssen wir diese Pflichten vorbildlich erfüllen. (…) Die berufliche Arbeit – egal, um welche es sich handelt – wird zu einer Leuchte, die euren Kollegen und Freunden Licht spendet. Deshalb sage ich oft zu denen, die sich dem Opus Dei anschließen – und das gilt auch für euch alle, die ihr dies jetzt lest: Was nützt es mir zu hören, dass jemand ein guter Christ ist, aber ein schlechter Schuster? Bemüht er sich nicht um Fachkenntnis und Sorgfalt in seinem Beruf, wird er diesen Beruf weder heiligen noch Gott als Gabe darbringen können. Und genau diese Heiligung der alltäglichen Arbeit ist für uns, die wir mitten in der Welt entschlossen den Umgang mit Gott suchen, die Achse echter Spiritualität.“4
Ein Vergleich der heiligen Mutter Teresa von Kalkutta nimmt uns dabei die Angst, „nicht zu genügen“. Sie spricht von Drähten in einem Gerät: große und kleine, neue und abgenutzte. Erst wenn Strom durch alle Teile fließt, gibt es Licht. „Diese Drähte sind du und ich. Gott ist der Strom.“5 Entscheidend ist, dass wir den Strom durch uns durchfließen lassen, uns von Gott gebrauchen lassen. Das Bild trifft, weil es den Kern freilegt: Nicht Vollkommenheit macht uns zu „Leuchtern“, sondern Durchlässigkeit.
JESUS kehrt den Gedanken anschließend um: Es gibt nichts Verborgenes, das nicht bekannt werden soll, und nichts Geheimes, das nicht an den Tag kommen soll (Mk 4,22). Das klingt zunächst endzeitlich, berührt aber auch unseren Alltag. Wer als Christ in lebendiger Beziehung zu Gott steht, wird oft ganz natürlich dazu bewegt, von dieser Begegnung zu sprechen – nicht als Selbstdarstellung, sondern als Zeugnis. Manchmal geschieht das beinahe mühelos, wenn jemand nach dem Grund einer Hoffnung fragt. Manchmal kostet es Überwindung, Schüchternheit oder falsche Rücksichtnahme abzustreifen.
Der heilige Paul VI. redet uns ins Gewissen: „Die respektvolle Verkündigung der Botschaft Christi und seines Reiches ist nicht nur ein Recht des Glaubensboten – sie ist mehr: Sie ist eine Pflicht. Und die Menschenbrüder dieses Glaubensboten haben ein Recht darauf, von ihm die Verkündigung der Frohbotschaft und des Heils zu empfangen. Dieses Heil kann Gott, bei wem er will, auf außerordentlichen Wegen wirken, die nur er allein kennt. Und doch ist sein Sohn gerade dazu gekommen, um uns durch sein Wort und sein Leben die ordentlichen Heilswege zu offenbaren. Uns hat er aufgetragen, diese Offenbarung mit seiner Autorität an die anderen weiterzugeben. Es wäre daher sinnvoll, wenn jeder Christ und jeder Verkündiger folgenden Gedankengang im Gebet vertiefte: Die Menschen können durch die Barmherzigkeit Gottes auf anderen Wegen gerettet werden, auch wenn wir ihnen das Evangelium nicht verkünden; wie aber können wir uns retten, wenn wir aus Nachlässigkeit, Angst, Scham – was der heilige Paulus ,sich des Evangeliums schämen‘ nennt – oder infolge falscher Ideen es unterlassen, dieses zu verkünden?“6
Am Ende steht eine Bitte: Dass das Licht, das Christus in uns entzündet, nicht unter den Scheffel gerät – sondern im Alltag sichtbar wird, damit andere den Weg finden. Darum ist es folgerichtig, Maria um Demut zu bitten: um ein Herz, das sich mit schlichter Einfachheit öffnet.
1 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 1.
2 Vgl. ebd.
3 Franziskus, Angelus-Gebet, 9.2.2020.
4 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 61.
5 Hl. Teresa von Kalkutta, Die größte Liebe.
6 Hl. Paul VI., Evangelii nuntiandi, Nr. 80.
