JESUS steht inmitten einer großen Menschenmenge. Sein öffentliches Wirken hat eben erst begonnen, doch es polarisiert von Anfang an. Viele hören ihm aufmerksam zu, berührt von seinen Worten und den Heilungen, die er wirkt. Andere reagieren empört und sind entschlossen, ihn zum Schweigen zu bringen – denn er hat sich als Sohn Gottes zu erkennen gegeben und erklärt, dass der Mensch wichtiger ist als der Sabbat.
Die Menge ist so dicht, dass seine Mutter und seine Jünger nicht zu ihm vordringen können. Als man Jesus ausrichten lässt, dass seine Familie auf ihn wartet, stellt er eine überraschende Frage: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?Dann weist er auf die Umstehenden und erklärt: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter (Mk 3,33-35).
Was zunächst wie eine ungebührliche Distanz erscheint, erweist sich als grundlegende Weichenstellung. Jesus löst Zugehörigkeit aus rein biologischen oder sozialen Kategorien und verankert sie tiefer: in der Bereitschaft, den Willen Gottes zu tun. Zur Familie Jesu gehört jeder, der sein Leben an Gott ausrichtet. Jüngerschaft bedeutet, die eigenen Erwartungen und Hoffnungen auf Christus zu setzen – und schrittweise zu lernen, auch Denken und Handeln nach ihm auszurichten. Dieses gemeinsame Unterwegssein wird zum Maßstab des Lebens. Darin liegt, so macht Jesus deutlich, der Schlüssel zur Heiligkeit: nach Gottes Willen zu leben.1 Denselben Gedanken bringt er an anderer Stelle so zum Ausdruck: Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut (Mt 7,21).
IMMER WIEDER betont Jesus, dass sein Leben vom Willen des Vaters getragen ist. Schon als Zwölfjähriger antwortet er Maria und Josef im Tempel: Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? (Lk 2,49). Später wird er sagen, seine Nahrung bestehe darin, den Willen dessen zu tun, der ihn gesandt hat (vgl. Joh 4,34). Diese Haltung prägt sein ganzes Dasein.
Wer Christus nachfolgen will, wird dennoch erfahren, dass nicht immer klar ist, was Gott konkret erwartet – und wenn er es ahnt, kann er einen inneren Widerstand verspüren. Tröstlich ist deshalb der Blick nach Gethsemani. Jesus selbst erlebt dort die Spannung zwischen menschlicher Angst und göttlichem Auftrag: Wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst (Mt 26,39). Er weiß um die Schwere dessen, wozu er in die Welt gekommen ist. Doch die Liebe zum Willen seines Vaters ist stärker als die Angst vor der Last.
Diese innere Ausrichtung verleiht Jesus einen klaren Maßstab im Umgang mit der Welt: Mein Gericht ist gerecht, weil ich nicht meinen Willen suche, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat (Joh 5,30). Darin liegt ein entscheidender Schlüssel zu einem glücklichen und fruchtbaren Leben. Jeder Christ darf aus der Überzeugung leben: Gott ist der Erste, der unser Glück will – auf Erden und in der Vollendung bei ihm. Niemand kennt den Menschen besser als sein Schöpfer; niemand weiß genauer, wie ein Glück entsteht, das auch durch Opfer und Schmerz hindurch Bestand hat. Den Willen Gottes zu lieben, bedeutet daher nicht, sich fremden Bedingungen zu unterwerfen, um eines Tages belohnt zu werden. Es heißt vielmehr, auf die Güte seiner Pläne zu vertrauen – auch dann, wenn sie unseren unmittelbaren Erwartungen widersprechen. Gott möchte sein eigenes Glück mit uns teilen, schon jetzt und endgültig über diese Welt hinaus. Darauf weist der Apostel Johannes hin, wenn er schreibt: Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen. Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm(1 Joh 4,16).
DER HEILIGE Josefmaria sprach in diesem Zusammenhang häufig vom „intelligenten Gehorsam“. Gott, so betonte er, verlange keinen blinden Vollzug. Gehorsam bedeutet nicht, den eigenen Verstand auszuschalten, sondern die eigenen Fähigkeiten bewusst in den Dienst eines Vorhabens zu stellen, das Gott gefällt. Auch Jesus ringt im Ölgarten um das rechte Handeln. Indem er seinen menschlichen Willen auf das Ja zum Vater ausrichtet, zeigt er, so sagteBenedikt XVI., „dass der Mensch nur in der Angleichung des eigenen Willens an den göttlichen Willen zu seiner wahren Größe gelangt, ,göttlich‘ wird.“2
Im Alltag bleibt dennoch oft Unsicherheit. Darum ist die geistliche Begleitung so wichtig: der Rat eines Menschen, der uns hilft, zu unterscheiden, was Gottes Wille ist. Zugleich ist kein Ratgeber unfehlbar – und auch wir selbst können uns täuschen. Gott rechnet jedoch mit unserer inneren Bereitschaft, aus Liebe gefügig zu sein, selbst wenn es uns nicht unbedingt gefällt oder durchsichtig ist. An diese Werteordnung erinnerte der Prophet Samuel den König Saul: Hat der Herr an Brandopfern und Schlachtopfern das gleiche Gefallen wie am Gehorsam gegenüber der Stimme des Herrn? Wahrhaftig, Gehorsam ist besser als Opfer (1 Sam 15,22). Oder, wie Papst Franziskus es formuliert: „Es ist wichtiger, ein fügsames Herz zu haben und zu gehorchen, als Opfer darzubringen oder Fasten und Buße zu leisten.“3
Schauen wir auf Maria. Sie bäumte sich nicht auf, auch wenn sie nicht immer alles sofort verstand – und bewahrte es in ihrem Herzen (vgl. Lk 2,51). Das heißt, sie dachte nach, ließ reifen, vertraute. So zeigt sie, dass Gehorsam kein blindes Hinnehmen ist, sondern ein geduldiges Hören auf Gott, im Bewusstsein, dass sich der Sinn einer Sache oft erst mit der Zeit erschließt.
1 Vgl. Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 754.
2 Benedikt XVI., Audienz, 1.2.2012.
3 Franziskus, Morgenmesse, 20.1.2020.
