MEHRFACH berichten die Evangelien, dass sich Jesus mit seinen Aposteln an einen abgelegenen Ort zurückzieht, um auszuruhen. Die Verkündigung des Reiches Gottes ist kräftezehrend, der Andrang groß, oft bleibt nicht einmal Zeit zum Essen. Doch der Rückzug gelingt nicht immer. Wie der Evangelist Markus schildert, folgen ihm die Menschen scharenweise – nicht nur aus Galiläa, sondern auch aus Judäa und Jerusalem, aus Idumäa, aus dem Gebiet jenseits des Jordan und sogar aus den phönizischen Küstenstädten Tyrus und Sidon (Mk 3,7–8). Die Begeisterung ist so groß, dass Jesus Vorsorge trifft: Die Jünger sollen ein Boot für ihn bereithalten, damit er von der Menge nicht erdrückt werde (Mk 3,9).
Die Aufzählung der verschiedenen Regionen ist mehr als ein beiläufiges Detail. Sie zeigt, dass der Ruf Jesu schon sehr früh Grenzen überschreitet. Nicht nur seine Landsleute hören ihm zu; auch Menschen aus fernen Gegenden machen sich auf den Weg. Schon hier wird sichtbar, was später zum Kennzeichen des Christentums wird: Das Evangelium ist weder an eine bestimmte Kultur noch an eine soziale Schicht oder eine gebildete Elite gebunden. Es richtet sich an alle. Die Universalität gehört von Anfang an zur Sendung Jesu.
Der weite Blick hat Christen aller Zeiten gekennzeichnet. Der heilige Josefmaria Escrivá sprach von der Evangelisierung als einem „Meer ohne Ufer“. Nicht zufällig hatte er es gerne, wenn Wände mit einer Weltkarte geschmückt waren: Sie erinnerte ihn daran, für die Ausbreitung des Glaubens zu beten, – und an die Verantwortung, den Glauben überall lebendig zu bezeugen. Benedikt XVI. hat diese Dynamik präzisiert: Die universale Sendung der Kirche, so erklärte er, bestehe nicht in einem allmählichen Wachstum von unten, sondern komme „von oben herab“, vom Heiligen Geist. Vom ersten Augenblick an sei die Kirche darauf ausgerichtet, sich in jeder Kultur auszudrücken und so das eine Volk Gottes zu bilden. Sie „ist nicht eine örtliche Gemeinschaft, die sich langsam vergrößert und ausbreitet, sondern gleichsam ein Sauerteig, der auf das Umfassende, auf das Ganze hin ausgerichtet ist und die Universalität selber in sich trägt.“
IN DEN ersten Monaten an der Seite Jesu können die Apostel die Früchte ihrer Arbeit beinahe mit Händen greifen. Sie erleben Heilungen, sehen Umkehr, spüren die Begeisterung der Menschen. Doch Jesus bereitet sie zugleich auf eine andere Realität vor. Der Weg der Verkündigung wird nicht immer von Zustimmung begleitet sein, es wird auch Anfechtungen geben: Man wird Hand an euch legen und euch verfolgen, sagt er. Man wird euch den Synagogen und den Gefängnissen ausliefern (…). Dann werdet ihr Zeugnis ablegen können (…). Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden (Lk 21,12-17). Mit der Zeit erfüllen sich diese Worte: Jünger wenden sich ab, Verrat wird begangen, scheinbares Scheitern wird zur bitteren Erfahrung. Die Apostel lernen, im Kreuz einen unverzichtbaren Begleiter der Verkündigung zu sehen.
Entscheidend bleibt die Gemeinschaft mit Christus. Johannes Paul II. sprach von einer „Hingabe voll Freude“, die auch durch Schwierigkeiten hindurch trägt. Freude und Leid, Zustimmung und Widerstand gehören zusammen. Wer Christus nachfolgt, weiß, dass selbst Enttäuschungen nicht das letzte Wort haben. Denn keine menschliche Beziehung, so tief sie auch sein mag, kann letztlich das geben, was Gott selbst schenkt: Sinn, Hoffnung und bleibende Liebe. „Es ist Jesus, den ihr sucht, wenn ihr vom Glück träumt“, rief Johannes Paul II. jungen Menschen zu, die aus allen Teilen der Welt nach Rom gekommen waren. „Er ist es, der auf euch wartet, …; Er ist die Schönheit, die euch so anzieht (…) Jesus ist es, der in euch etwas entfacht: die Sehnsucht, aus eurem Leben etwas Großes zu machen; den Willen, einem Ideal zu folgen; die Ablehnung, euch von der Mittelmäßigkeit verschlingen zu lassen; den Mut, euch in Demut und Treue darum zu mühen, euch selbst und die Gesellschaft besser zu machen, damit sie menschlicher und geschwisterlicher werde.“
DER EVANGELIST MARKUS fasst diese Dynamik in einem eindrucksvollen Bild zusammen: Er heilte viele, sodass alle, die ein Leiden hatten, sich an ihn herandrängten, um ihn zu berühren (Mk 3,10).Die Nähe zu Christus wird zur Quelle des Lebens. Dieses Drängen ist bis heute aktuell. Christen suchen die Berührung mit dem Herrn in den Sakramenten, im stillen Gebet, in der Anbetung –ebenso wie im Dienst am Nächsten. Wer Kranke pflegt, Alte besucht oder Bedürftigen beisteht, sucht oft genau diese Nähe. Wie Papst Franziskus betont, begegnen wir dem lebendigen Gott, wenn wir die Wunden der Leidenden berühren und ihnen mit Liebe beistehen.
Jesu Menschlichkeit zieht an, weil er nie müde wird und niemals enttäuscht. Aus dieser Begegnung erwächst apostolische Fruchtbarkeit – wenn auch oft anders, als wir es uns vorgestellt haben. Das Zweite Vatikanische Konzil bringt es nüchtern auf den Punkt: „Da Christus, vom Vater gesandt, Quell und Ursprung des gesamten Apostolates der Kirche ist, kann es nicht anders sein, als dass die Fruchtbarkeit des Apostolates der Laien von ihrer lebendigen Vereinigung mit Christus abhängt.“ Wer immer sich von ihm berühren lässt, findet Kraft und Trost – und wird selbst zum Zeugen für andere. So setzt sich fort, was am See von Galiläa begann: Menschen aus allen Richtungen machen sich auf den Weg, weil sie spüren, dass von Jesus Heil und Hoffnung ausgehen. Maria, die Königen der Apostel, ist glückliche Zeugin dieser Bewegung – und ermutigt auch heute dazu, Christus zu begegnen und seine Freundschaft mit anderen zu teilen.
