DIE BIOGRAFIEN großer Persönlichkeiten sind oft von außergewöhnlichen Taten oder bedeutenden Reden geprägt. Meist stehen sie im Kontext politischer oder sozialer Umbrüche, die ihren herausragenden Beitrag hervorheben. Umso bemerkenswerter ist die stille Gestalt des heiligen Josef, der über die Jahrhunderte hinweg große Verehrung erfahren hat. Die Evangelien überliefern nicht ein einziges Wort von ihm, und seinem Handeln haftet nichts Außergewöhnliches an. Unseren Augen erscheint er geradezu unauffällig. Papst Franziskus erklärt: „Der heilige Josef erinnert uns daran, dass all jene, die scheinbar im Verborgenen oder in der ,zweiten Reihe‘ stehen, in der Heilsgeschichte eine unvergleichlich wichtige Rolle spielen.“1
Der heilige Johannes Paul II. gibt einen wichtigen Hinweis: „Die Evangelien sprechen ausschließlich von dem, was Josef ,tat‘; übereinstimmend decken sie in seinen bisweilen von Schweigen umhüllten ,Handlungen‘ aber auch eine Atmosphäre tiefer Beschaulichkeit auf.“2 Josef lebte aus dem Gebet. Er hörte aufmerksam auf Gottes Stimme, die sich in Ereignissen und Menschen offenbart – so sehr, dass er sie sogar im Traum vernahm. Die Schrift berichtet, dass er im Schlaf jene Berufung erkannte, die er kraftvoll und entschlossen umsetzen würde: für Jesus und Maria zu sorgen.
Zwischen Josefs innerem Leben und seinen äußeren Handlungen gibt es keine Fissur. Nur eine zutiefst beschauliche Seele kann die Beschlüsse Gottes so sehr zu ihren eigenen machen. Der heilige Josefmaria empfahl daher gerne, einen innigen Umgang mit der „Dreifaltigkeit auf Erden“ zu suchen, mit Jesus, Maria und Josef, „denn dann werdet ihr haben, was wir nach dem Willen Gottes haben sollen: ein beschauliches Leben. Wir werden uns zugleich auf der Erde und im Himmel befinden und mit den menschlichen Dingen auf göttliche Weise umgehen.“3
JOSEF WURDE nie müde, das Antlitz des menschgewordenen Gottes zu betrachten. Man kann sich vorstellen, mit welcher Liebe er das Kind in jener ersten Nacht umfing, die Jesus auf Erden verbrachte. Die Ruhe in Bethlehem währte jedoch nicht lange – ein erneuter Traum rief Josef dazu auf, mit seiner Familie nach Ägypten zu fliehen. Und weil ihn sein Gebet wie Feuer entflammte, kannte er kein Zögern. Vom heiligen Josef lernen wir, dass jede wahre Erneuerung, jeder neue Impuls, aus der Betrachtung Jesu entspringt – einer Schau, die zum Dialog mit Gott führt. „Für den heiligen Josef war das Leben Jesu die ständige Entdeckung seiner eigenen Berufung“4, schreibt der heilige Josefmaria.
Benedikt XVI. beschreibt das Leben der Heiligen Familie nach ihrer Rückkehr nach Nazaret wie folgt: „Der Sohn Gottes ist den Menschen verborgen, nur Maria und Josef hüten sein Geheimnis und leben es tagtäglich. Das fleischgewordene Wort wächst als Mensch im Schatten seiner Eltern heran, und zugleich bleiben diese in Christus, in seinem Geheimnis, verborgen und leben ihre Berufung.“5 In den Augen der Dorfbewohner geschah nichts Außergewöhnliches in diesem einfachen Haus – für uns hingegen ist es ein Lehrstuhl des Gebetes. Auch wir können in diesem verborgenen Leben Christi leben – wie der heilige Paulus sagte: Euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott (Kol 3,3). In bescheidenen Verhältnissen sorgten Maria und Josef für Jesus, während Gottes treue Liebe sie beschützte.
Josef konnte die Demütigung der Krippe, die Härte des Exils und die scheinbare Monotonie des Alltags ertragen, weil sein Herz fest auf Jesus ausgerichtet war. Er verstand seine Berufung daher auch nicht als eine Reihe von Aufträgen, sondern als das unverdiente Geschenk, jederzeit mit dem Sohn Gottes leben zu dürfen.
DAS SCHWEIGEN des heiligen Josef zu den Eingebungen Gottes offenbart die Freiheit, mit der er sich innerhalb der Pläne Gottes bewegte. Auf den ersten Blick könnte man meinen, seine Anpassungsfähigkeit entspringe einem Leben ohne eigene Ideale oder einem rein mechanischen Reagieren. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass sein Leben ganz von der Freiheit der Liebe durchdrungen war. Echtes Beten gibt uns die Möglichkeit, die Welt aus Gottes Perspektive zu betrachten. Das Leben erhält dann, so sagte der heilige Josefmaria, „eine neue, ungeahnte Dimension“ wie das des heiligen Josef, der „glaubt und liebt in der Hoffnung auf das große Werk, das Gott in der Welt beginnt und in das er auch ihn, den Zimmermann aus Galiläa, mit hineinnimmt: das Werk der Erlösung.“6
„Die Logik der Liebe ist immer eine Logik der Freiheit“, schreibt Papst Franziskus, „und Josef war in der Lage, in außerordentlicher Freiheit zu lieben. Er hat sich nie selbst in den Mittelpunkt gestellt. Er verstand es, zur Seite zu treten und Maria und Jesus zur Mitte seines Lebens zu machen.“7 Beten erlaubt uns, in die Logik der Selbsthingabe einzutreten, eine Logik, die uns erleichtert und uns zugleich erlaubt, jeder Sache ihre wahre Bedeutung zu geben. Wer im ständigen Dialog mit Gott steht, kann nicht von Launen oder Müdigkeit beherrscht werden. Selbst unsere eigene Armseligkeit steht uns nicht mehr im Weg, weil wir wissen, dass Gott uns hilft, uns heilt und unsere Schwäche in eine Quelle des Lebens verwandelt – wie die durchbohrten Hände und die geöffnete Seite Christi.
Dieses Vertrauen trug Josef durch alle Schwierigkeiten. Als der zwölfjährige Jesus in Jerusalem zurück blieb (vgl. Lk 2,45), suchte ihn Josef voller Angst. Innige Erinnerungen werden ihm durch den Kopf gegangen sein, und manches Ereignis wird er umgedeutet haben. Vielleicht vergoss er sogar Tränen. Doch während der drei Tage der Ungewissheit hielt er seinen Blick fest auf Jesus gerichtet (vgl. Hebr 12,2). Seine äußere Suche spiegelte seine stete innere Suche wider. Und als er Jesus schließlich im Tempel fand und dessen Antwort nicht verstand, vertraute er dennoch weiter. Sein Leben lag längst ganz in Gottes Hand. Darin liegt die Größe Josefs und das, worum wir ihn an seinem Festtag bitten: auf Gott zu vertrauen. Und Gott enttäuscht nicht – seine Pläne übersteigen oft unser Verstehen, doch sie sind stets gut.
1 Franziskus, Apostolisches Schreiben Patris corde, Einleitung.
2 Hl. Johannes Paul II., Redemptoris custos, Nr. 25.
3 Hl. Josefmaria, Notizen aus der mündlichen Predigt, 26.5.1974.
4 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 54.
5 Benedikt XVI., Ansprache in den Vatikanischen Gärten, 5.7.2010.
6 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 42.
7 Franziskus, Apostolisches Schreiben Patris corde, Nr. 7.
