NACH DEN Seligpreisungen spricht Jesus in der Bergpredigt über das Gesetz. Er stellt sich dabei nicht als Gegner des Alten Bundes dar, sondern als dessen Vollender: Er ist nicht gekommen, um das Gesetz des Mose oder die Worte der Propheten aufzuheben, sondern um sie zur Fülle zu führen (vgl. Mt 5,17). Diese Fülle bedeutet eine neue Perspektive. Das Gesetz ist kein äußerer Zwang, der dem Menschen fremd bleibt, sondern auf das Herz hin geordnet. Dieses will es verwandeln und zum wahren Glück führen.
Schon der Psalmist preist jene selig, die den Herrn mit ganzem Herzen suchen (Ps 119,2). Und das Buch Jesus Sirach erinnert daran, dass Gott alles sieht und jede Tat des Menschen kennt (vgl. Sir 15,19). Genau hier setzt Jesus an. Er warnt vor einem bloßen Erfüllen aus Pflichtgefühl. Wer nur gehorcht, ohne den Sinn zu verstehen, ohne das Gute daran zu erkennen, das, was es für das eigene Leben an Positivem bedeutet, bleibt an der Oberfläche. Der Herr lädt zu einer Haltung ein, die von Liebe getragen ist – einer Liebe wie der seinen, die über jede äußere Vorschrift hinausreicht.
Benedikt XVI. formulierte es so: „Die Neuheit Jesu besteht im Wesentlichen in der Tatsache, dass er selbst die Gebote mit der Liebe Gottes erfüllt, mit der Kraft des Heiligen Geistes, der in ihm wohnt. Und wir können uns durch den Glauben an Christus dem Wirken des Heiligen Geistes öffnen, der uns dazu befähigt, die göttliche Liebe zu leben.“1 Am Ende erweist sich jedes Gebot als ein Erfordernis der Liebe, und alle Gebote laufen auf ein einziges hinaus: Du sollst Gott lieben mit ganzem Herzen, und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
IM LAUFE der Geschichte wurde das göttliche Gesetz immer wieder als willkürliche Anordnung missverstanden: „Gott hat es so festgelegt, also muss man sich fügen. Er hätte auch das Gegenteil festlegen können.“ Diese Sicht verkennt die innere Logik der Gebote. Sie sind keine göttlichen Launen, sondern Ausdruck einer tiefen Rationalität. Sie entsprechen dem Verlangen nach dem Guten, das in der menschlichen Natur selbst angelegt ist.
Papst Franziskus spricht deshalb vom Gesetz als einem Instrument der Freiheit. Wer seinen Leidenschaften nachgibt, verliert die Herrschaft über das eigene Leben und „wird unfähig, es mit Willenskraft und Verantwortung zu bewältigen“2. Wer sich hingegen am Gesetz Gottes orientiert, gewinnt an innerer Freiheit. Gott weist uns mit dem Gesetz einen Weg, der unseren Durst nach Erfüllung stillt. Die Schwere der Sünde liegt daher nicht so sehr im Bruch einer Regel, als vielmehr im Schaden, den wir uns selbst zufügen: Wir überlassen unser Leben den Leidenschaften, die nicht in der Lage sind, das Ganze unseres Lebens zu überblicken.
Wie der heilige Josefmaria sagte: „Die Freiheit findet ihren wahren Sinn erst dann, wenn sie im Dienst der Heilswahrheit ausgeübt wird, wenn sie aufgeht im Verlangen nach der unendlichen Liebe Gottes, die die Fesseln jeder Knechtschaft von uns nimmt.“3 Auch der Prälat des Werkes, Msgr. Fernando Ocariz, betont, dass das Gesetz eine lex perfecta ist (Jak 1, 25), „das vollkommene Gesetz der Freiheit, wie das Evangelium selbst, enthält es doch voll und ganz das Gesetz der Liebe. Es ist nicht bloß eine äußere Norm, die zu lieben befiehlt, sondern zugleich innere Gnade, die die Kraft zu lieben schenkt.“4
IN SEINER REDE zeigt Jesus nicht nur die Fülle des Gesetzes auf ‒ einen Weg, der mit dem Herzen gegangen wird und der uns befreit ‒, sondern verschärft es noch zusätzlich. Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein (Mt 5,22); und jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen (Mt 5,28). Mord beginnt nicht erst mit der Tat, sondern mit dem Zorn im Herzen (vgl. Mt 5,22). Ehebruch wurzelt nicht erst im äußeren Akt, sondern im begehrlichen Blick (vgl. Mt 5,28). Das Evangelium richtet den Blick auf die Wurzel des Handelns: auf Gedanken, Wünsche und innere Regungen. Sünde entsteht im Verborgenen, bevor sie sichtbar wird. Darum fordert Jesus zur inneren Wachsamkeit auf. Bei einer anderen Gelegenheit wird er sagen: Aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch (Mt 15,18-19).
Der heilige Josefmaria empfahl deshalb eine aufrichtige Gewissenserforschung: „Prüfe gewissenhaft deine Lebensweise. Du wirst dann merken, dass du viele Fehler hast, die dir und vielleicht auch den dir Nahestehenden schaden. (...) Du musst täglich ‒ und zwar gründlich ‒ dein Gewissen prüfen und deine Fehler, Unterlassungen und Sünden wirklich bereuen. Dann fasse konkrete Vorsätze, um dich zu bessern.“5 Gott wird uns mit seiner Gnade helfen, die Fülle des Gesetzes, das sein Sohn uns offenbart hat, immer weniger als Last, und immer mehr als Weg zu entdecken. Mit dem heiligen Josefmaria wenden wir uns schließlich mit schlichten Worten an Maria: „Wenn es in mir etwas gibt, das dir missfällt, so sage es mir. Wir wollen es gemeinsam ausräumen.“6
1 Benedikt XVI., Angelus-Gebet, 13.2.2011.
2 Franziskus, Angelus-Gebet, 16.2.2020.
3 Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 27.
4 Msgr. Fernando Ocáriz, Pastoralbrief, 9.1.2018, Nr. 7.
5 Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 481.
6 Ebd., Nr. 108.
