WER DEN RECHTEN WEG beachtet, den lasse ich das Heil Gottes schauen (Ps 50,23). Dieser kurze Vers aus dem 50. Psalm bringt auf den Punkt, was viele Menschen bewegt: die Sehnsucht nach Heil – und die Frage, wie man dorthin gelangt. Gemeint ist kein abstraktes Ziel, sondern die Erfahrung eines Gottes, der dem Menschen zugewandt ist, der Leben will und nicht Tod. Aus diesem Vertrauen heraus öffnet sich der Blick dafür, dass selbst alltägliche Freuden, aber auch schwierige Stunden Teil eines Weges sind, auf dem Gott immer wieder neu Leben schenkt. Heil ist kein fernes Versprechen, sondern eine Gegenwart, die jeden Augenblick berühren kann.
Der „rechte Weg“, von dem der Psalm spricht, ist dabei nicht mit einem Korsett aus Regeln zu verwechseln. Er verlangt weder ständige Selbstkontrolle noch die Angst, einem göttlichen Ideal nicht zu genügen. Entscheidend ist vielmehr die Beziehung zu einer Person: zu Jesus Christus. Wer sich auf ihn einlässt, muss nicht dauernd prüfen, ob er richtig unterwegs ist – denn er selbst bezeichnete sich als den Weg und die Wahrheit und das Leben (Joh 14,6). Aus dieser Nähe wächst die Bereitschaft, auf sein Wort zu hören und sich führen zu lassen. Das Leben verliert seine Enge und gewinnt den Charakter eines Abenteuers.
Der heilige Josefmaria beschrieb diesen inneren Weg einmal mit dem Bild eines Flusses: Was mit einfachen Kindergebeten beginnt, wird im Lauf der Zeit zu einem stillen, verlässlichen Strom – getragen von der Freundschaft mit Christus.1 Gebet ist dabei kein Sonderbereich des Lebens, sondern ein Raum, in dem der Mensch sein eigenes Dasein vor Gott betrachtet. Dieser Blick verändert Perspektiven: Kleine Gesten, ein Lächeln, eine Aufmerksamkeit gewinnen Gewicht, weil sie aus dem Bewusstsein entstehen, dass wir von Jesus begleitet sind. So wird unser Leben selbst zum Ausdruck göttlicher Liebe.
WIE ANSPRUCHSVOLL dieser Weg sein kann, zeigt eine Szene aus dem Alten Testament. Der Prophet Samuel stellt König Saul zur Rede. Dieser war überzeugt, den Befehlen Gottes gehorcht zu haben, als er das feindliche Volk besiegte, doch sein Gehorsam blieb halbherzig. Er behielt die Beute zurück und rechtfertigte dies damit, die Tiere als Opfergabe verwenden zu wollen. Samuels Antwort ist nüchtern und klar: Hat der Herr an Brandopfern und Schlachtopfern das gleiche Gefallen wie am Gehorsam gegenüber der Stimme des Herrn? Wahrhaftig, Gehorsam ist besser als Opfer (1 Sam 15,22). Entscheidend ist nicht die äußere Geste, sondern das innere Hinhören.
Eine der großen Herausforderungen in unserem Leben ist es, unsere täglichen Aufgaben mit dem Wort Gottes zu verbinden, das im Gebet zu uns spricht. Wir wünschen uns, dass alles, was wir tun, vom Aufwachen bis zum Einschlafen am Abend, eine freie und liebevolle Antwort auf die göttlichen Eingebungen sei. Christlicher Gehorsam bedeutet dabei nicht die Unterordnung unter eine äußere Autorität, sondern eine freie, liebende Aufmerksamkeit für die leisen Anstöße Gottes, Gutes zu tun. Es geht darum, sie zu erkennen und wirksam werden zu lassen.
Papst Benedikt XVI. hat diesen Weg so beschrieben: „Wir müssen im Gebet fähig sein, unsere Mühsal vor Gott zu bringen – das Unangenehme gewisser Situationen, gewisser Tage, das tägliche Bemühen, ihm nachzufolgen und Christen zu sein, und auch die Last des Bösen, das wir in uns und um uns herum sehen –, auf dass er uns Hoffnung schenke, uns seine Nähe spüren lasse und uns auf dem Weg des Lebens leuchte.“2 Wenn wir so beten, können selbst trockene Phasen des Alltags, Routinen oder Belastungen, neues Leben hervorbringen. Wie eine Pflanze, die mit einem Tropfen Wasser wieder zu blühen beginnt, wird unser Umfeld von Gottes Gegenwart und unserem Hinhören auf ihn belebt.
EINE lebendige Liebesbeziehung zu Christus, genährt durch das Gebet, bleibt in ihrer Entwicklung nie stehen. Sie weckt den Wunsch nach Erneuerung, nach Umkehr. Gebet wird so zu einem inneren Weckruf, eingefahrene Muster zu hinterfragen. Papst Franziskus spricht in diesem Zusammenhang von der „Kreativität der Liebe“3. Vielleicht zeigt sie sich ganz konkret: in sorgfältigerer Arbeit, in mehr Geduld innerhalb der Familie oder im Mut, neue Initiativen zu ergreifen. Gottes Anruf ist nie mechanisch – er gleicht eher einem Windstoß, der nicht wiederholbar ist.
Das heutige Evangelium greift dieses Motiv auf. Jesus warnt davor, neuen Stoff auf alte Gewänder zu nähen oder jungen Wein in alte Schläuche zu füllen: Niemand näht ein Stück neuen Stoff auf ein altes Gewand; denn der neue Stoff reißt vom alten Gewand ab und es entsteht ein noch größerer Riss. Auch füllt niemand jungen Wein in alte Schläuche. Sonst zerreißt der Wein die Schläuche; der Wein ist verloren und die Schläuche sind unbrauchbar. Junger Wein gehört in neue Schläuche (Mk 2,21-22). Jesus fordert Offenheit für das Neue, das Gott wirken will. Jedes Gebet stellt daher neu die Frage, ob das eigene Herz beweglich bleibt – bereit, sich verändern zu lassen. Wo diese Offenheit wächst, kann Gnade Frucht bringen.
Ein solches Hören und Antworten verkörpert Maria auf exemplarische Weise. Der heilige Josefmaria sah in ihr das Gegenbild zu einem blinden oder rein formalen Gehorsam. Maria hört zu, denkt nach, fragt – und entscheidet sich dann frei: „Versuchen wir von ihr zu lernen, folgen wir ihrem Beispiel des Gehorsams gegenüber Gott, in dieser zarten Verbindung von Dienen und Herrschen. In Maria fehlt jede Spur von jener Haltung der törichten Jungfrauen, die zwar gehorchen, jedoch ohne zu überlegen. Unsere Liebe Frau hört aufmerksam auf das, was Gott will, überlegt, was sie nicht versteht, fragt, was sie nicht weiß. Dann stellt sie sich ganz dem göttlichen Willen zur Verfügung.“4 Maria, die Lehrmeisterin unseres Lebens, zeigt uns, dass der Gehorsam weder Unterwürfigkeit bedeutet noch die Freiheit einschränkt, sondern sie vertieft und uns in die Freiheit der Kinder Gottes (vgl. Röm 8,21) führt.
1 Vgl. hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 306.
2 Benedikt XVI., Audienz, 1.2.2012.
3 Franziskus, Videobotschaft, 3.4.2020.
4 Hl. Josefmaria, Christus begegnen, Nr. 173.
