„Vertrauen wagen": Frühjahrskonferenz im Tagungshaus Hohewand

Welche Wege führen aus der Vertrauenskrise? Eindrücke von der diesjährigen Tagung für Frauen im Beruf auf der Hohewand.

Hohewand/Wien. Was, wenn das Vertrauen nicht mehr trägt – nicht in der Politik, nicht in den Medien, nicht in den Institutionen, die unser Zusammenleben formen? Welche Wege können wir persönlich und als Gesellschaft gehen, die Vertrauen als Lebensbasis stärken? Unter dem Titel „Vertrauen wagen!“ stellte sich die diesjährige Frühjahrstagung für Frauen am 27./28. Februar im Tagungshaus Hohewand in Niederösterreich genau dieser Frage.

Zwei philosophisch-theologische Vorträge, ein persönliches Zeugnis, ein Podiumsgespräch und drei Workshops sorgten für ein Wochenende, das nicht beim Nachdenken blieb, sondern nach dem Handeln fragte.

Vertrauen als Wagnis: Was das Wort verspricht

Den Auftakt des Events machte die Philosophin und Theologin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, eine der profiliertesten Denkerinnen im deutschsprachigen Raum. Ihr Vortrag bewegte sich – dem Tagungsthema entsprechend – im Spielraum zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen.

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz: Vertrauen verändert die Wirklichkeit

Gerl-Falkovitz begann nicht mit der Antwort, sondern mit dem Widerstand. Denn Vertrauen, so ihre These, lässt sich nicht einfach ausrufen. Es muss sich gegen handfeste innere Widerstände behaupten: gegen die Selbstkritik, die uns in zwei Hälften teilt – von denen die eine unmittelbar lebt und die andere von außen zuschaut und analysiert. Gegen den Zweifel, der uns lähmt, wenn er zur Grundhaltung wird. Und gegen die Angst – die Angst vor der Endlichkeit, die Angst vor der eigenen Schuld und letztlich die tief eingewurzelte Angst, ob das Dasein uns überhaupt wohlgesonnen ist.

Vertrauen, so ihre These, ist kein bloßes Gefühl, sondern ein performativer Akt: Indem man es schenkt – ein Wagnis –, gewinnt man es, und es schafft Wirklichkeit. Die Alternative – lückenloses Absichern, Misstrauen als Grundhaltung – führt nicht zu Sicherheit, sondern zu einer Art Lebensstörung. Die Philosophin führte die Zuhörerinnen über Hildegard von Bingen, die Psalmen und Dantes Paradiso zu einer zentralen Einsicht: Wir müssen Vertrauen nicht erst fassen – wir dürfen bereits daraus leben. Die Schöpfung selbst ist ein „Netz der Freundschaft“ (Hildegard von Bingen), in das wir hineingeboren sind, bevor wir überhaupt fragen können.

Vertrauen als Tugend: Was eine Gesellschaft zusammenhält

Den Schwerpunkt des Samstags setzte Sebastian Ostritsch von der Universität Heidelberg. Laut einer 2025 erschienenen Studie der Körber-Stiftung vertrauen nur zehn Prozent der Deutschen den Parteien, 19 Prozent der Bundesregierung, 21 Prozent den Medien – für Österreich zeigen sich ähnliche Werte. Ostritsch warnte: Ohne Vertrauen der Bürger in Institutionen kann kein Gemeinwesen dauerhaft gedeihen. Denn das Vertrauen zwischen Menschen allein genügt nicht: Gesellschaft braucht auch Vertrauen in Schulen, Gerichte, Parlamente, Verwaltungen. Institutionen erfüllen eine doppelte Funktion. Sie entlasten den Einzelnen von der Tyrannei seiner schwankenden Affekte, indem sie verlässliche Normen setzen. Und sie ermöglichen überhaupt erst die Übernahme jener sozialen Rollen, durch die Menschen Identität und Freiheit gewinnen.

Sebastian Ostritsch: Vertrauen ist die Basis jedes Gemeinwesens

Das Vertrauen in Institutionen – und warum es schwindet

Werden Institutionen jedoch als dysfunktional, korrupt oder übergriffig wahrgenommen, schwindet das Vertrauen der Bürger – und damit ihr Wille zur freiwilligen Teilhabe. Was bleibt, ist eine gefährliche Spirale: Die Institutionen verlieren Legitimität und reagieren mitunter mit Autoritarismus, was das Misstrauen weiter schürt. Am Ende droht nicht nur eine politische Krise, sondern die Erosion des sozialen Gefüges selbst.

Die eigentliche Ursache liege jedoch tiefer: „Politics is downstream from culture“, zitierte Ostritsch eine bekannte Sichtweise – und ergänzte, dass Kultur wiederum aus geistig-religiösen Quellen schöpfe. Unter Bezug auf den Staatsrechtler Ernst Wolfgang Böckenförde und seinem Diktum „Der freiheitliche Rechtsstaat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“ sind diese Voraussetzungen im Wesentlichen christlicher Natur: Gottebenbildlichkeit des Menschen, die das Verzwecken des anderen verbietet, und Verantwortung vor Gott, die zu einem aufrechten Dasein anspornt. Zugleich warnte Ostritsch vor Instrumentalisierung: Das Christentum entfalte seine Wirkung nur, wenn es um seiner selbst willen gelebt wird. Damit entsteht eine Aporie: Das Vertrauensproblem in die Politik und Institutionen lässt sich definitiv nicht auf politischem Wege lösen. Die Erneuerung muss auf vorpolitischer, kultureller, auch christlich-religiöser Ebene geschehen. Diese jedoch lebt davon, freiwillig angenommen zu werden – staatlich verordnen lässt sie sich nicht.

Ein Wochenende voller Perspektiven

Es folgte ein Podiumsgespräch über Chancen und Gefahren von KI-Tools in der Personalentwicklung von Unternehmen. Am Nachmittag widmeten sich drei Workshops der Dialogfähigkeit über Überzeugungsgrenzen hinweg, dem Vertrauen als Führungsaufgabe sowie ethischen Fragen rund um Künstliche Intelligenz.

Vertrauen – ein Wagnis, das sich lohnt

Vertrauen ist keine sentimentale Haltung, die man einfach beschließen kann. Es ist eine Tugend, die geübt werden muss – und ein gesellschaftliches Fundament, das, einmal untergraben, nicht durch politische Maßnahmen allein wiederhergestellt werden kann.

Das Tagungshaus Hohewand liegt am Fuße des Hohe Wand-Plateaus im Süden Wiens und bietet seit 1984 mit seinem Programm Raum für geistliche und intellektuelle Vertiefung.

Foto: Emely auf Unsplash