Im religiösen Bereich ist „die Kontemplation (Beschauung) der Vorgang, durch den der Geist des Gläubigen in die lichtvolle Sphäre der göttlichen Wahrheiten eindringt und sie verkostet“ (Álvarez–Ancilli).
1. Begriffliche Unterscheidung
Die christliche Sprache übernahm den Begriff „Kontemplation“ aus der philosophischen Reflexion des griechisch-römischen Denkens und versah ihn mit neuen Inhalten: von der Schau der Ideen oder der Schönheit zum Wissen um die lebendige Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott. Dabei bleibt jeder Pantheismus ausgeschlossen. Es geht um einen transzendenten Schöpfergott, der den Menschen dazu beruft, an seinem göttlichen Leben teilzuhaben. Die Kontemplation erscheint dadurch als eine neue Wirklichkeit, aus der sich eine Wechselwirkung von Erkenntnis und Liebe auf dem Weg zu Gott ergibt. Schließlich mündet die Kontemplation in das Handeln, in die Liebe zu Gott und zum Nächsten, die sich in Werken zeigt (vgl. Illanes).
In der Geschichte der Spiritualität wurde die Kontemplation von Theologen untersucht und – besonders im Fall der mystischen Kontemplation – von Mystikern phänomenologisch beschrieben. Daraus hat sich eine große Fülle von Überlegungen ergeben, ohne dass bei einem derart tiefgründigen Thema auf alle Fragen, die der Begriff aufwirft, eine vollständige Antwort gegeben werden kann. Von der Vielfalt dieser Beiträge zeugen die mehr als fünfhundert dicht bedruckten Spalten, die das Dictionnaire de Spiritualité diesem Thema widmet. Der umfassende Themenkreis macht es unmöglich, hier auch nur eine kurze Zusammenfassung zu versuchen. Wir beschränken mit dem Blick auf unsere Zeit auf den Hinweis, dass in den ersten vier Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts – gleichzeitig mit der Etablierung der Spirituellen Theologie als akademischer Disziplin – einige Autoren die Debatte über die sogenannte „mystische Frage“ angestoßen haben. Dabei ging es im Wesentlichen um „die allgemeine Berufung zur Kontemplation und das Verhältnis zwischen Askese und Mystik im christlichen Leben“ (Bosch). Diese Debatte und die vom Zweiten Vatikanischen Konzil in Erinnerung gerufene und betonte allgemeine Berufung zur Heiligkeit führten zu einem weithin anerkannten Verständnis der Kontemplation als einer der christlichen Berufung wesenseigenen Dimension: Jeder Getaufte soll danach streben, kontemplativ zu sein und eine innige Einheit von Erkenntnis und Liebe zu Gott erlangen, die sein gesamtes Handeln durchdringt. In diese Richtung weist auch der Katechismus der Katholischen Kirche, wie die Nummer 2014 und die Abschnitte über das beschauliche bzw. kontemplative Gebet zeigen (Nr. 2709–2719). Dasselbe Prinzip steht im Mittelpunkt der geistlichen Lehre des heiligen Josefmaria.
2. Die Lehre des heiligen Josefmaria
In den veröffentlichten Werken des heiligen Josefmaria begegnet das Substantiv „Kontemplation“ (Beschauung) etwa fünfzehnmal und das Adjektiv „kontemplativ“ (beschaulich) etwa fünfundzwanzigmal. Noch häufiger wird das Verb „beschauen“ verwendet: insgesamt 116-mal[1]. Auffällig ist die häufige Verwendung des Verbs im Vergleich zum Substantiv und zum Adjektiv. Zum Teil lässt sich dies dadurch erklären, dass das Verb auch in seiner allgemeinen Bedeutung von „anschauen“, „sehen“ oder „miterleben“ gebraucht wird. Eine neuere Untersuchung zeigt jedoch, dass in achtzig Textstellen das Verb gerade deshalb verwendet wird, um dazu anzuregen, im Gebet oder in der Betrachtung „die Szenen des Evangeliums in der Gegenwart Gottes zu erwägen und neu zu erleben“ (Illanes). Auch dies erklärt den zahlenmäßigen Unterschied. In diesem Zusammenhang gebraucht der heilige Josefmaria häufig den Ausdruck „Beschaulich inmitten der Welt“. Damit will er sagen, dass der Christ im Gebetsleben wachsen und auch „in den Tätigkeiten des gewöhnlichen Lebens und durch sie hindurch zur Kontemplation gelangen kann, woraus sich eine besondere, weltzugewandte Weise des beschaulichen Gebetes ergibt“ (Belda). Eine ausführlichere Behandlung des Themas bleibt anderen Artikeln des Lexikons vorbehalten. Schon jetzt sei jedoch hervorgehoben, dass nach dem heiligen Josefmaria das Bewusstsein der Gotteskindschaft – also das lebendige Wissen, Sohn bzw. Tochter Gottes zu sein – den Christen dazu führt, „mit Liebe und Staunen alle Dinge zu betrachten, die aus den Händen Gottes, des Schöpfers und Vaters, hervorgegangen sind“ (Christus begegnen, 65). Daraus folgt auch, dass man Gott in allen Dingen sieht – mit allen praktischen Konsequenzen. So schreibt er beispielsweise: „Sieh den Herrn hinter jedem Ereignis, hinter jeder Situation. So wird alles, was geschieht, in dir die Liebe vermehren und deinen Wunsch nach Treue vertiefen“ (Im Feuer der Schmiede, 96). Und im gleichen Sinn spricht er – als von etwas den Kindern Gottes Eigenes – von der „Sprache kontemplativer Menschen, die ein spirituelles Leben führen, weil sie sich ihrer Gotteskindschaft bewusst geworden sind“ (Christus begegnen, 13).
Die christliche Heiligkeit, die notwendig auf dem Gebet gründet, strebt danach, beschauliches Leben zu sein. Da alle Getauften zur Heiligkeit berufen sind, kann man auch sagen, dass alle dazu berufen sind, auf Gott in Liebe zu schauen, unabhängig von den Umständen, in denen sich ihr Leben vollzieht. Der heilige Josefmaria, der sich an alle Christen wendet und besonders an jene, die er „gewöhnliche Christen“ nennt, schreibt: „Das Gebet ist das Fundament jedes auf Gott ausgerichteten Tuns; mit dem Gebet sind wir allmächtig, und ohne das Gebet erreichen wir nichts“ (Freunde Gottes, 238).
Der heilige Josefmaria lehrt außerdem – als jemand, der aus eigener Erfahrung spricht –, dass für diese beschauliche Haltung bzw. dieses beständige Gebet einige täglich dem inneren Gebet besonders gewidmete Zeiten grundlegend sind. Damit steht er in der Tradition der Kirche, die auch im Katechismus der Katholischen Kirche anklingt: „Man kann nicht ‚jederzeit‘ beten, wenn man nicht zu gewissen Zeiten bewusst betet. Diese Augenblicke sind dann in ihrer Tiefe und Dauer Höhepunkte christlichen Betens“ (KKK, 2697). Der höchste Ausdruck des Gebets ist tatsächlich das kontemplative Gebet (vgl. KKK, 2699). Sein Anfang liegt – mit Hilfe der Gnade – in der beständigen Suche nach der Gegenwart Gottes. Der heilige Josefmaria bringt dies unter anderem in seiner Homilie Auf dem Weg zur Heiligkeit zum Ausdruck: „Wir beginnen mit mündlichen Gebeten, die viele von uns als Kinder immer wieder gesprochen haben. Es sind von Herzen kommende und sehr einfache Worte, an Gott und an seine Mutter, die auch unsere Mutter ist, gerichtet (...). Ist das nicht irgendwie ein Anfang der Kontemplation und ein echter Beweis des vertrauenden Sich-Überlassens?“ (Freunde Gottes, 296).
Das Gebet schreitet voran durch die Akte des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, die das eigene Leben prägen. Die Betrachtung – die zweite Ausdrucksform des Gebets (vgl. KKK, 2699) – findet im vergegenwärtigten und neu erlebten Evangelium ihre bevorzugte Nahrung: „Möchtest du nicht lernen, Christi Leben zum Vorbild für dein eigenes Leben werden zu lassen? Schlag das Evangelium auf und vernimm, wie Gott mit den Menschen spricht - mit dir!“ (Im Feuer der Schmiede, 322). In diesem Zusammenhang verwendet der heilige Josefmaria den Begriff „Beschauung“ besonders häufig in dem Sinn, die Szenen aus dem Leben Jesu und Mariens neu zu erleben und gegenwärtig werden zu lassen: „Die Kirche ermuntert uns dazu, die Geheimnisse des Rosenkranzes zu betrachten, damit sich in unseren Geist, in unser Gedächtnis, zusammen mit der Freude, dem Schmerz und dem Ruhm Mariens, das staunenswerte Beispiel des Herrn tief einprägt: seine dreißig Jahre im Verborgenen, die drei Jahre seiner Verkündigung, sein erniedrigendes Leiden und seine glorreiche Auferstehung“ (Freunde Gottes, 299).
Aus dem Umgang mit der heiligsten Menschheit Jesu sowie mit Maria und Josef gelangt man zum Umgang mit den göttlichen Personen – „von der Dreifaltigkeit der Erde zur Dreifaltigkeit des Himmels“, wie der heilige Josefmaria gern gesagt hat: „Das Herz kann dann gar nicht mehr anders, als jede einzelne der drei göttlichen Personen zu kennen und anzubeten. Das ist für die Seele wie eine neue Entdeckung im übernatürlichen Leben, so wie ein kleines Kind nach und nach die Welt entdeckt“ (Freunde Gottes, 306). Der heilige Josefmaria war sich vollkommen bewusst, dass die Kontemplation ein unverdientes Geschenk ist. Zugleich sah er in ihr das Ziel und den Horizont jedes Christen, weil sie die Vereinigung mit Gott einschließt: „Wenn du dich um ein betrachtendes Gebet bemühst, wird dir der Herr seinen Beistand nicht versagen. Glaube und Taten aus dem Glauben: Taten, denn die Erwartungen des Herrn an uns steigern sich mit der Zeit (…). Das ist bereits Beschaulichkeit und Vereinigung, und so soll das Leben vieler Christen sein“ (Freunde Gottes, 308).
Vicente Bosch
[1] Anm. des Übersetzers: Die deutsche Übertragung des Verbs „contemplar“ bereitet Schwierigkeiten. Es kann meist nicht mit „beschauen“ übersetzt werden und wird daher meist verschiedentlich umschrieben.
Die zitierten Werke werden im Lexikon auf S. 265 angeführt.
Das 2013 erschienene Diccionario de San Josemaría Escrivá de Balaguer ist ein Gemeinschaftsprojekt des Verlags Monte Carmelo und des Historischen Instituts Hl. Josefmaria. Es erläutert ausführlich zentrale Begriffe aus dem Leben und der Lehre des hl. Josefmaria.
Vicente Bosch, Jurist, Theologe und Priester der Prälatur Opus Dei sowie Professor für Spirituelle Theologie an der Päpstlichen Universität vom Heiligen Kreuz in Rom, wurde eingeladen, diesen Beitrag für das Lexikon zu verfassen.
