Ja, das Opus Dei möchte Einfluss auf die Gesellschaft nehmen

Abbé Peter Rutz, der Regionalvikar des Opus Dei in der Schweiz, macht sich zum 80. Jahrestag der Gündung dieser Institution der katholischen Kirche Gedanken darüber, welcher Art ihr Einfluss ist und woher das Missverständnis des "Machtstrebens" kommt.

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Abbé Peter Rutz, der Regionalvikar des Opus Dei in der Schweiz, macht sich zum 80. Jahrestag der Gündung dieser Institution der katholischen Kirche (2008) Gedanken darüber, welcher Art ihr Einfluss ist und woher das Missverständnis des "Machtstrebens" kommt.

Am 2. Oktober hat das Opus Dei seinen 80. Geburtstag gefeiert. Dieses Werk, das Gott dem heiligen Josefmaria 1928 anvertraute, hat eine ereignisreiche Geschichte hinter sich. Seit den 40er Jahren verbreitete es sich in der ganzen Welt und ab 1956 auch in der Schweiz. Seine Botschaft war überall die gleiche: Alle Christen, insbesondere die Laien, sind gerufen, ihren normalen Alltag und ihren Beruf zu heiligen und so die christliche Vollkommenheit zu erlangen.

Diese rasche Verbreitung und die Tatsache, dass das Werk Menschen aller gesellschaftlichen Schichten anzieht, machten damals wie heute von seinem Einfluss reden. Oft wurde die Meinung vertreten, dieser sei riesig. Vor allem hat man ihn als politisch und wirtschaftlich eingestuft. Noch heute fürchten etliche die „Macht“ des Opus Dei, selbst wenn immer mehr Beobachter zu der Erkenntnis kommen, dass diese Vorstellung mehr ein Produkt der Phantasie als der Wirklichkeit ist.

Ist es also nicht wahr, dass das Opus Dei Einfluss in der Gesellschaft ausüben möchte? Aber gewiss doch! Sein Ziel ist es gerade, auf die Heiligung der Welt von innen her einzuwirken. Und wer dieses Ziel anstrebt, kann keinen in sich ehrenhaften Bereich der Gesellschaft ausnehmen, weder die Arbeitswelt, noch das Familienleben, noch das soziale oder politische Engagement, noch den Freizeitbereich. Denn das ist „die Welt“, und genau da – nicht nur in den Kirchen und Klöstern – ist jeder Christ gerufen, kohärent mit seinem Glauben zu sein.

Das Opus Dei möchte also einen Einfluss auf die Gesellschaft ausüben, wie dies viele wollen, deren Wirken von dieser respektiert wird. Das Problem liegt genau genommen nicht da, sondern anderswo: Es beruht auf einem tiefen Missverständnis hinsichtlich der Art dieses Einflusses. Der Ursprung dieses Missverständnisses liegt in Spanien Anfang der 40er Jahre , als gewisse konservative Kleriker und Mitglieder der extremen politischen Rechten das Opus Dei für ihr Projekt einer Einheitspartei vereinnahmen wollten - im Religiösen wie im Bürgerlichen. Der heilige Josefmaria widersetzte sich kategorisch. Diese Leute sahen hinter dieser „Verweigerung der Mitarbeit“ den Versuch, ihnen beim Zugriff auf die Macht Konkurrenz zu machen – eine Annahme, die dann um die Welt ging. Aber der wahre Grund war, dass das Opus Dei sich als ein nach Gottes Willen rein geistliches Werk verstand.

In Wirklichkeit gibt es keinen Widerspruch zwischen einer Einflussnahme auf die Gesellschaft und einer rein geistlichen Ausrichtung. Dass religiöser Einfluss nur am Rande dieser Welt möglich ist, ist eine überholte Vorstellung. Das Zweite Vatikanische Konzil hat sich ausführlich darüber ausgelassen. Und zu glauben, dass eine geistliche Beeinflussung der Gesellschaft nur über politische Macht gehen kann, ist eine „klerikale“ Idee, die das Abenteuer der ersten Christen übersieht.

Die Vorstellung eines politischen Opus Dei widerstrebte dem heiligen Josefmaria überaus. „Wenn das Opus Dei sich ein einziges Mal in die Politik eingemischt hätte – sagte er –, und wäre es auch nur für eine Sekunde, dann hätte ich in diesem Augenblick der Verwirrung das Werk verlassen [...]. Jedes Mitglied, ob Mann oder Frau, genießt in den zeitlichen Angelegenheiten eine vollkommene Freiheit, die von allen respektiert wird - wie auch die logischerweise persönliche Verantwortung.“ Schon zu seiner Zeit gab ihm die Realität Recht, denn wenn es Mitglieder des Opus Dei gab, die sich in der Politik engagierten, so fanden sie sich in den verschiedensten politischen Gruppierungen.

Der Einfluss des Opus Dei ist also nicht in der politischen Farbe seiner Mitglieder zu suchen, auch nicht in ihrem gesellschaftlichen Niveau oder in der Wahl ihres Berufes. In all diesen Bereichen unterscheiden sie sich in nichts von den anderen Katholiken ihres jeweiligen Landes. Jedoch findet man bei den Menschen, die in Kontakt mit dem Opus Dei sind – seien es Mitglieder oder Freunde, Katholiken oder Nichtkatholiken – ein gut gebildetes Gewissen und ein entwickeltes soziales Bewusstsein, dass sie ohne die Bildung, die sie erhalten, nicht hätten. Sie versuchen, weniger materialistisch, weniger egozentrisch und dienstbereiter zu sein. Sie bemühen sich, besser zu arbeiten, an die anderen zu denken, ihre Position nicht für persönliche Vorteile auszunutzen. Sie überwinden sich leichter, wenn es darum geht, das Gute zu tun. Und vor allem bilden sie keine Einheitspartei, sondern lieben die persönliche Freiheit und die Meinungsvielfalt.

Das hat natürlicherweise einen indirekten, aber weitreichenden Effekt auf die ganze Gesellschaft, ohne dass dies ausdrücklich durch eine kirchliche Institution wie das Opus Dei gesteuert werden muss. Daher garantiert dieser Einfluss einen echten Pluralismus und reale Lösungen für die gesellschaftlichen Probleme.

Ich für meinen Teil bin glücklich, dass das Opus Dei keine weltliche Macht hat und niemals zu einer simplen Interessengruppe geworden ist. Aber offen gesagt wünschte ich mir, dass der Einfluss seiner Botschaft noch viel größer wäre. Ich bin der Überzeugung, dass diese Botschaft nicht nur dem Leben jedes einzelnen einen tiefen Sinn geben, sondern auch einen Beitrag zum Wohl der ganzen Gesellschaft leisten kann.

Erschienen in Le Temps, Genf, 2.10.2008