Mit dem Ausdruck „Beschaulich inmitten der Welt“ fasste der heilige Josefmaria einen der grundlegenden Wesenszüge des Geistes des Opus Dei zusammen. Er bekräftigte damit, dass der gewöhnliche Christ, der dazu berufen ist, sich mitten in der Welt zu heiligen, zur Fülle der Kontemplation bzw. Beschauung gelangen kann, ohne seine weltliche Lebenssituation verlassen zu müssen – ja gerade in und durch die zeitlichen Wirklichkeiten.
Nach dem heiligen Josefmaria soll der gewöhnliche Christ – wie bereits gesagt – gerade in und durch sein gewöhnliches Leben beschaulich sein. Die Kontemplation darf sich nicht auf bestimmte Momente des Tages beschränken – auf Zeiten, die ausdrücklich dem persönlichen und liturgischen Gebet oder der Teilnahme an der heiligen Messe gewidmet sind. Sie soll vielmehr den ganzen Tag umfassen und zu einem ständigen Gebet werden, „in dem die Seele sich zu jeder Stunde von Gott liebevoll angesehen weiß“ (Freunde Gottes, 307). Deshalb sagt er: „Ich möchte, dass wir uns (…) ein für alle Mal von der Notwendigkeit überzeugen, kontemplative Seelen zu werden; ob auf der Straße oder bei der Arbeit – unser Gespräch mit Gott soll immerfort andauern und niemals im Laufe des Tages abreißen. Das ist der einzige Weg, um treu den Schritten des Meisters folgen zu können (Freunde Gottes, 238).
In seiner Lehre ist die Möglichkeit, mitten in der Welt zur Fülle der Kontemplation zu gelangen, mit einer Wirklichkeit verbunden, die den Kern seiner geistlichen Botschaft bildet: der Heiligung der Arbeit und der Alltagstätigkeiten. Der Schlüssel dazu, mitten in der Welt kontemplativ zu sein, besteht darin, die Arbeit in Gebet zu verwandeln: „Wir wollen arbeiten. Und wir wollen viel und gut arbeiten. Aber vergessen wir nicht, dass unsere beste Waffe das Gebet ist. Deshalb werde ich nicht müde zu wiederholen, dass wir beschauliche Seelen mitten in der Welt sein müssen, die sich darum bemühen, die Arbeit in Gebet zu verwandeln“ (Die Spur des Sämanns, 497). Ebenso sagte er: „Unser Leben besteht darin, zu arbeiten und zu beten – und umgekehrt: zu beten und zu arbeiten. Denn irgendwann lassen sich diese beiden Begriffe, diese beiden Worte – Kontemplation und Tätigkeit –, nicht mehr voneinander unterscheiden; im Denken und im Bewusstsein bedeuten sie schließlich dasselbe“ (zit. bei Rodríguez). In diesen Texten klingt der Gedanke an, dass die Arbeit nicht nur in Gebet, sondern sogar in kontemplatives Gebet verwandelt werden kann.
Der heilige Josefmaria erklärt, es sei möglich, zur Kontemplation zu gelangen „in den Beschäftigungen des Alltags; sie stören mich nicht, sondern sie sind vielmehr der Grund, Gott mehr und mehr zu lieben und mich mehr und mehr mit Ihm zu vereinigen“ (Freunde Gottes, 310). Ja, je stärker ein gewöhnlicher Christ in die zeitlichen Wirklichkeiten eingebunden ist, desto tiefer muss er das Bedürfnis verspüren, in der Gegenwart Gottes zu wachsen. Sonst könnte er diese Wirklichkeiten nicht heiligen. „Noch einmal: als Kinder Gottes werden wir inmitten aller irdischen Tätigkeiten im Geist der Kontemplation leben. Durch das Gebet, durch die Abtötung, durch unsere Bildung in der Glaubenslehre, durch die berufliche Kompetenz sollen wir Licht, Salz und Sauerteig in der Gesellschaft sein. So erfüllt sich unsere Berufung: Je mehr wir in das Gewühl der Welt eindringen, desto tiefer müssen wir in Gott verankert sein“ (Im Feuer der Schmiede, 740).
In Übereinstimmung mit der christlichen geistlichen Tradition betrachtet der heilige Josefmaria die Kontemplation im Wesentlichen als ein Schauen auf Gott in Vertrautheit, „beständig und mühelos“ (Freunde Gottes, 296). Zugleich lehrt er, dass Gott seine Gnade schenkt, damit die Kontemplation auch in einem säkularen und weltlichen Leben erreicht werden kann: „Bei allem Respekt werde ich niemals die Auffassung derer teilen, die kontemplatives und aktives Leben voneinander trennen, als ob es sich um zwei miteinander unvereinbare Bereiche handelte. Ein Sohn Gottes muss kontemplativ sein, das heißt ein Mensch, der mitten im Lärm der Umwelt im ständigen Gespräch mit dem Herrn das Schweigen der Seele zu finden weiß und der auf Ihn schaut wie auf einen Vater oder einen Freund, den man grenzenlos liebt“ (Im Feuer der Schmiede, 738). Der gewöhnliche Christ kann Gott in seiner täglichen Arbeit entdecken: „Die Arbeit wächst aus der Liebe, ist Zeichen der Liebe und zielt hin auf die Liebe. Wir erkennen Gott nicht nur im Betrachten der Natur, sondern auch im Erfahren des eigenen Tuns, im Erleben der eigenen Mühe“ (Christus begegnen, 48). Die kontemplative Haltung ist mit einer Aufwertung des täglichen Tuns aus theologischer Sicht verbunden: „Gott ruft euch auf, ihm gerade in den materiellen, weltlichen Aufgaben des menschlichen Lebens und aus ihnen heraus zu dienen. Im Labor, im Operationssaal eines Krankenhauses, in der Kaserne, auf dem Lehrstuhl einer Universität, in der Fabrik, in der Werkstatt, auf dem Acker, im Haushalt, in diesem ganzen, unendlichen Feld der menschlichen Arbeit wartet Gott Tag für Tag auf uns. Seid davon überzeugt: Jede noch so alltägliche Situation birgt etwas Heiliges, etwas Göttliches in sich, und euch ist aufgegeben, das zu entdecken. (…) Versucht, eure Arbeit so vollkommen wie möglich zu tun, sagte ich vorhin; erfüllt mit Liebe die kleinen Dinge des Alltags, entdeckt – ich wiederhole es – jenes göttliche Etwas, das im Kleinen verborgen liegt“ (Christus begegnen, 114 und 121).
Die Lehre des heiligen Josefmaria lässt sich mit folgenden Worten zusammenfassen: „,Beschaulich inmitten der Welt‘, mit Gott vereint und seine Wirklichkeit in und durch die vielfältigen Beschäftigungen und Situationen der Welt erkennend – das ist im Grunde das Ideal, das Prälat Escrivá als Ziel des Gebetslebens vorlegt“ (Illanes). Mit dem Wort „Beschaulich inmitten der Welt“ fordert der heilige Josefmaria die gewöhnlichen Christen dazu auf, in ihrem Gebetsleben zu wachsen und so jenes Ziel zu erreichen, das in der Kontemplation besteht. Der zweite Teil des Ausdrucks – „inmitten der Welt“ – muss daher in einem umfassend theologischen und geistlichen Sinn verstanden werden, der die Welt nicht nur als soziologischen Lebensbereich sieht, sondern auch als Mittel oder Werkzeug, um sich zu heiligen und zur vollen Gemeinschaft mit Gott zu gelangen. Letztlich führt die Bejahung der Kontemplation mitten in der Welt zu den äußersten Konsequenzen der gleichzeitigen Wertschätzung des beschaulichen Gebetes und des säkularen Lebens, die für die Lehre des heiligen Josefmaria kennzeichnend ist.
Manuel Belda
Die zitierten Werke werden im Lexikon auf S. 267 angeführt.
Das 2013 erschienene Diccionario de San Josemaría Escrivá de Balaguer ist ein Gemeinschaftsprojekt des Verlags Monte Carmelo und des Historischen Instituts Hl. Josefmaria. Es erläutert ausführlich zentrale Begriffe aus dem Leben und der Lehre des hl. Josefmaria.
Manuel Belda, Professor für Geschichte der Spiritualität an der Päpstlichen Universität vom Heiligen Kreuz in Rom und Priester der Prälatur Opus Dei, wurde eingeladen, diesen Beitrag für das Lexikon zu verfassen.
