„Was ist ein Laie?“ Diese Frage führt ins Herz einer vernachlässigten Debatte der Kirchengeschichte – vielleicht auch mangels einer starken eigenen Stimme im kirchlichen Diskurs. Ist der Laie jener, der „nicht dazugehört“ – nicht zum Klerus, nicht zu den Geweihten? Oder ist er jenes Mitglied des Gottesvolkes, das kraft seiner Taufe zur vollen Teilhabe am Geheimnis der Kirche mit eigener Sendung berufen ist?
Etymologie: Vom Volk zum Anfänger
Die Wurzeln des Begriffs führen ins antike Griechenland. Das Wort „Laie“ stammt vom griechischen λαός (laos), das schlicht „Volk“ bedeutet. Daraus entwickelte sich λαϊκός (laïkós) – „zum Volk gehörig“. Im kirchenlateinischen laicus fand der Begriff seit dem vierten Jahrhundert seine Prägung als Bezeichnung für nicht-geweihte Christen in Abgrenzung zu den Amtsträgern.[1]
Bemerkenswert ist die säkulare Bedeutungsverschiebung: Im heutigen Sprachgebrauch meint „Laie“ einen Anfänger, einen Menschen ohne formale Fachausbildung. Diese profane Verwendung wirft ungewollt ein Schlaglicht auf das kirchliche Dilemma: Wird der Laie im religiösen Kontext nicht ebenfalls als „unerfahren“ und „unkundig“ im Gegensatz zum „fachkundigen“ – weil stets studierten – Kleriker verstanden?
Die katholische Definition: Negativ oder positiv?
Der Codex Iuris Canonici defniert im Canon 207 § 1 knapp: „Kraft göttlicher Weisung gibt es in der Kirche unter den Gläubigen geistliche Amtsträger, die im Recht auch Kleriker genannt werden, die übrigen dagegen heißen auch Laien.“[2] Der Laie wird juristisch durch Negation bestimmt: Laie ist der Übrige, derjenige, der kein Kleriker ist.
Der Katechismus der Katholischen Kirche übernimmt in Nr. 897 die negative Defnition: „Unter der Bezeichnung Laien werden hier alle Christgläubigen verstanden außer den Gliedern des Weihestandes und des in der Kirche anerkannten Ordensstandes.“ Allerdings folgt gleich darauf eine positive Wendung: Die Laien sind „durch die Taufe Christus einverleibte [Christgläubige], zum Volk Gottes gemacht und des priesterlichen, prophetischen und königlichen Amtes Christi auf ihre Weise teilhaftig“. In Nr. 898 attestiert der Katechismus den Laien auch eine spezifische Sendung: „Aufgabe der Laien ist es, kraft der ihnen eigenen Berufung das Reich Gottes zu suchen, indem sie die zeitlichen Dinge besorgen und Gott gemäß ordnen.“[3] Schon unter Nr. 873 hat der Katechismus das Konzilsdekret Apostolicam actuositatem über das Apostolat der Laien zitiert: „Die Laien […] verwirklichen in Kirche und Welt ihren eigenen Anteil an der Sendung des ganzen Volkes Gottes.“[4]
Das Zweite Vatikanische Konzil hat definitiv eine Neuakzentuierung eingeleitet. In der Dogmatischen Konstitution Lumen Gentium Nr. 31 wird den Laien der „Weltcharakter in besonderer Weise“ zugesprochen. In Nr. 33 heißt es: „Der [sic!] Apostolat der Laien ist Teilnahme an der Heilssendung der Kirche selbst. Zu diesem Apostolat werden alle vom Herrn selbst durch Taufe und Firmung bestellt. […] Die Laien sind besonders dazu berufen, die Kirche an jenen Stellen und in den Verhältnissen anwesend und wirksam zu machen, wo die Kirche nur durch sie das Salz der Erde werden kann.“[5]
Der heilige Papst Johannes Paul II. forderte 1988 in seinem nachsynodalen Schreiben Christifideles Laici ausdrücklich eine „positive Beschreibung“ von Berufung und Sendung der Laien. Er zitierte Pius XII.: „Die Gläubigen, und genauer noch die Laien, stehen an der äußersten Front des Lebens der Kirche; die Kirche ist für sie das Lebensprinzip der menschlichen Gesellschaft. Darum müssen sie und gerade sie ein immer tieferes Bewusstsein gewinnen, dass sie nicht nur zur Kirche gehören, sondern die Kirche sind.“[6]
Luther und das Priestertum aller Gläubigen
Vom Laienstand zu sprechen, ohne Martin Luther zu erwähnen, ist an dieser Stelle nicht möglich. Luthers Angriff auf die Unterscheidung zwischen Geistlichen und Laien in seiner Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“ von 1520 mündet in eine zentrale These: „Alle Christen sind wahrhaftig geistlichen Standes, und es ist zwischen ihnen kein Unterschied als allein des Amts halber.“[7]
Luther betont die außerordentliche Stellung der Taufe unter den Sakramenten und nähert sich dabei in bemerkenswerter Weise der heutigen katholischen Betonung der Taufberufung an. Doch bleibt seine dezidierte Ablehnung des Weiheamtes als nicht nur gradueller, sondern wesensmäßiger Unterscheidung mit der katholischen Sakramentenlehre unvereinbar.Die Weihe verleiht dem Priester nicht lediglich neue Kompetenzen oder Befugnisse, sondern verändert sein gesamtes Sein als Vertreter Christi insbesondere während der Spendung der Sakramente.
Das Zweite Vatikanische Konzil hat Luthers Kampf für die Aufwertung des einfachen Gläubigen teilweise aufgenommen, ohne eine klare Unterscheidung zwischen gemeinsamem Priestertum aller Gläubigen und Weihepriestertum aufzugeben.[8]
Das Opus Dei: Die Welt als Ort der Berufung
Eine Vorwegnahme der konziliaren Akzentverschiebung findet sich bereits im Opus Dei. 1928 von Josemaría Escrivá de Balaguer gegründet, sind 98 Prozent der Mitglieder Laien. Die Spiritualität dieser neuen Gründung in der katholischen Kirche betont die Heiligung der Welt „von innen her“. Dabei wird die Welt nicht bloß als Missionsfeld verstanden, sondern als eigentlicher Ort der göttlichen Berufung des Laien. Escrivá erklärte 1968 in einem Interview: „Da nun die Mehrzahl der Christen von Gott den Auftrag empfängt, die Welt von innen her zu heiligen und dabei in den zeitlichen Gegebenheiten zu verbleiben, hilft ihnen das Opus Dei, diesen göttlichen Auftrag zu entdecken […].“[9] Allein die Notwendigkeit, diese Entdeckung zu fördern, zeigt bereits, dass die spezifische Sendung des Laien bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts im allgemeinen Verständnis der Gläubigen noch nicht vorhanden war.
Die zu leistende Überzeugungsarbeit war es, im „Verlassen der Welt“, wie es den Ordenschristen obliegt, nicht die „höhere Weihe“ zu sehen. „Aus diesem Verlassen der Welt das Wesen oder die Vollendung des Christentums machen zu wollen, ist einfach eine Ungeheuerlichkeit“, schrieb Escrivá. Der Laie passe sich nicht der Welt an, „niemand passt sich dem an, was ihm zu eigen ist“. Vielmehr sei die gewöhnliche Arbeit, das Familienleben oder ein Beruf der Ort der Heiligung.[10]
Zu jenen, die etwa zu dieser Zeit ebenfalls an einem allgemeinen Umdenken in der Kirche arbeiteten, gehört interessanterweise ausgerechnet ein Ordensmann. Der französische Dominikaner Yves Congar hatte bereits 1953 in seinem Werk „Jalons pour une théologie du laïcat“ auf die Gefahr der „Nichtigkeit“ des Laien hingewiesen, wenn dieser nur negativ als Nicht-Priester oder Nicht-Geistlicher definiert werde. Congar wählte stattdessen den Begriff der „Weltlichkeit“ bzw. des „Weltcharakters“ des Laien.[11]
Ein offenes Ende
Die theologische Entwicklung des 20. Jahrhunderts versuchte sich in einer tieferen Reflexion über den Laien, ohne juristisch aus der Negativdefinition herauszufinden. Zum katholischen Glauben gehören zwingend die Sakramente. Deren Empfang ist aber an die Existenz und die Handlungen des geweihten Priesters gebunden. Jeder Gläubige ist also auf den Priester angewiesen; sogar der Priester selbst, wenn er das Sakrament der Buße oder die Krankensalbung empfängt. Auch wenn das II. Vatikanische Konzil betonte, dass jeder Christ „durch die Taufe Teil der Kirche“ ist und damit verbunden eine spezifische Sendung hat, „die in der Kirche niemals fehlen“ soll,[12] ist dies auch 60 Jahre später kaum rezipiert. Es bleibt eine Herausforderung für den Großteil der Laien, zu erkennen, dass sie berufen sind, „alle zeitlichen Dinge so zu erleuchten und zu ordnen, dass sie immer Christus gemäß geschehen“[13]. Es fehlt an Impetus – „Kirche machen die anderen“.
Trotz aller Bemühungen um eine positive Bestimmung des Laien durch die Päpste der letzten hundert Jahre, das II. Vatikanische Konzil und durch den hl. Josefmaria Escrivá bleibt die Frage nach dem Laien somit spannungsvoll. Vielleicht liegt gerade in dieser Spannung die produktive Unruhe, die verhindert, dass sich die Kirche und in ihr die mehrheitlichen Laien in starren Kategorien einrichten. Der Laie ist nicht „der Übrige“, sondern der in die Welt Gerufene, die ihm zu eigen ist, um sie von innen her zu verwandeln und das gerade dort, wo es dem Klerus verwehrt bleibt.
[6] Pius XII: Ansprache an die neuen Kardinäle, 20. Februar 1946.
[7] Luther, M. An den christlichen Adel deutscher Nation
[8] So heißt es etwa in Lumen Gentium Nr. 10, dass sich das gemeinsame Priestertum der Gläubigen und das Priestertum des Dienstes „dem Wesen und nicht bloß dem Grade nach“ unterscheiden.
[9] Gespräche mit Msgr. Escrivá, Interview L’Osservatore della Domenica, Nr. 60, 1968
[10] Ebd., Nr. 66.
[11] Congar, Yves: Der Laie. Entwurf einer Theologie des Laientums, Stuttgart 1956.
[12] AA 1.
[13] LG 31.

