EINE DER schmerzlichsten Prüfungen im Leben des heiligen Josef ereignete sich, als Jesus mit zwölf Jahren ohne Wissen seiner Eltern im Tempel von Jerusalem zurückblieb. Drei Tage lang suchten Maria und Josef voller Sorge nach ihm. Drei Tage der Ungewissheit, der inneren Qual, der Angst, das Kostbarste verloren zu haben. Als sie ihn endlich fanden, saß er im Tempel mitten unter den Lehrern, hörte zu und stellte Fragen (vgl. Lk 2,46). Maria rief bewegt aus: Kind, warum hast du uns das angetan? Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht (Lk 2,48).
Wie muss dieses Wort – dein Vater – im Herzen Josefs nachgeklungen sein. Er hatte seine Vaterschaft im Gehorsam des Glaubens angenommen, von jenem ersten Traum an, in dem ihn der Engel anwies, das Kind als sein eigenes aufzunehmen. Doch nun spricht Maria dieses Geheimnis öffentlich aus. Johannes Paul II. sagte, diese Worte hätten dazu beigetragen, dass Josef „das unsagbare Geschenk seiner Vaterschaft“ immer tiefer entdeckte.1
Josef erlebt hier beides: tiefen Schmerz und tiefe Freude. Schmerz, weil Gottes Wege größer sind als sein Verstehen. Freude, weil er mitten in diesem Geheimnis stehen darf – als Vater.
NACH DIESEM Ereignis kehrt die Familie nach Nazaret zurück. Von Josef hören wir im Evangelium kein weiteres Wort. Doch dieses Schweigen ist beredt. Johannes Paul II. sagte, es lege „auf besondere Weise das innere Profil dieser Gestalt frei“2.
Josef lebt fortan im Alltag – er betet, arbeitet, sorgt für die Familie – und weiß sich zugleich in unmittelbarer Nähe zum Geheimnis Gottes. Unter seinem Dach wächst der Sohn Gottes heran. Die einzigartige Beziehung zu seinem Sohn, der unsagbare Wettbewerb der väterlichen Liebe Josefs und der kindlichen Liebe Jesu, darf als „leuchtendes Beispiel inneren Lebens“3 gesehen werden, so Worte des heiligen Johannes Paul II. Der heilige Josefmaria nannte Josef den „Meister des inneren Lebens“4. Und die heilige Teresa von Ávila riet: „Wer keinen Lehrer für das Beten findet, der nehme sich diesen großen Heiligen als Lehrer, und er wird den Weg nicht verfehlen.“5
Josef ist nicht nur Mann der Tat, sondern auch Mann der Kontemplation. Seine Größe liegt nicht im Sichtbaren, sondern im Treuen. Wahrscheinlich starb er noch vor Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu – er war bei der Hochzeit von Kana nicht mehr anwesend –, aber nach der Überlieferung im Beisein Jesu und Marias. Darum verehrt ihn die Kirche als Patron eines guten Todes. Er verschwindet aus der Geschichte, wie er in ihr aufgetreten ist – in Frieden mit Gott und den Seinen.
BEIM BLICK auf das Leben Josefs könnte man fragen: Warum muss ein gerechter Mann wie er so viele Prüfungen durchstehen? Warum scheint es oft, dass gerade die Treuen nicht verschont bleiben? Papst Franziskus antwortet überraschend: Gott hat eingegriffen – auf seine Weise. Josef war das „Wunder“, durch das Gott das Kind und seine Mutter rettete. Der Himmel wirkte – nicht durch spektakuläre Zeichen, sondern durch den „kreativen Mut“ eines Mannes, dem er vertraute.6 „Wenn man vor einem Problem steht“, schreibt Papst Franziskus, „kann man entweder aufgeben oder es auf irgendeine Weise angehen.“ Gerade Schwierigkeiten bringen verborgene Kräfte ans Licht! Josef handelt, wo nötig – „mit Festigkeit und ohne Gewalt“ 7, wie der heilige Josefmaria sagt, mit Verantwortung und Initiative. „Er erscheint nie verzagt oder ängstlich.“8
Darum ist er Patron der Kirche, der Familien, der Arbeiter, der Sterbenden, des inneren Lebens – und auch der scheinbar unmöglichen Anliegen. Viele vertrauen ihm. Papst Franziskus legte seine Sorgen unter eine Statue des schlafenden Josef. Und er betete täglich ein schlichtes, aber kraftvolles Gebet: „Heiliger Josef, glorreicher Patriarch, der du das Unmögliche möglich machen kannst, komm mir in meiner Not zu Hilfe … Da du bei Jesus und Maria alles erwirken kannst, lass mich erfahren, dass deine Güte ebenso groß ist wie deine Macht.“9
In vielerlei Hinsicht führte der heilige Josef ein ganz normales Leben – und genau das macht ihn uns so nah. Auch die Herausforderungen der Heiligen Familie waren die alltäglichen Probleme einer gewöhnlichen Familie – Umzüge, Wohnungswechsel, Einkommensverlust, Bedrohungen, Zweifel … Josef ist kein ferner Held, sondern ein Vater – auch unser Vater.
1 vgl. hl. Johannes Paul II., Redemptoris Custos, 21.
2 Ebd., 22.
3 Dbd., Redemptoris custos, 27.
4 Hl. Josefmaria, Der Weg, 560.
5 Ebd., 561.
6 Vgl. Franziskus, Apostolisches Schreiben Patris Corde, Nr. 5.
7 Hl. Josefmaria, Im Zwiegespräch mit dem Herrn, Der heilige Josef unser Vater und Herr, 50.
8> Ders., Christus begegnen, In Josefs Werkstatt, 40.
9 Franziskus, Apostolisches Schreiben Patris Corde, Fußnote 10.
