Eine starke und kühne Chemikerin wird zur Ehre der Altäre erhoben

„Ein Toast auf Guadalupe“ Unter diesem Titel wertet Isabel Sanchez das Leben und Wirken der künftigen Seligen in der Maiausgabe der Madrider Monatszeitschrift „Mundo Cristiano“.

Opus Dei - Eine starke und kühne Chemikerin wird zur Ehre der Altäre erhobenIsabel Sanchez, Zentralsekretärin des Assessorates in Rom

Sanchez schreibt, dass sich Guadalupe Ortiz Würde „auf die Erkenntnis ihrer innersten Identität stützt, eine Tochter Gottes zu sein“. Gott habe ihr Herz so weit gemacht, dass „Schwierigkeiten sie nicht in Verwirrung brachten. Sie dramatisierte die Dinge nicht, sondern machte mit einem Lächeln weiter. ... Sie war überzeugt, dass sich die wahre Größe eines Lebens danach bemisst, ob man jederzeit gerade das tut, wozu Gott einen ruft, nämlich ob man begreift und umsetzt, was die Nächstenliebe gerade verlangt.“

Isabel Sanchez ist Zentralsekretärin des Assessorates in Rom. Dieses Gremium von Frauen berät den Prälaten des Opus Dei bei der pastoralen Leitung der Prälatur. Die deutsche Übersetzung ist geringfügig gekürzt.

„Der Herr fordert alles; was er dafür anbietet, ist wahres Leben, das Glück, für das wir geschaffen wurden.“ Das sagt uns Papst Franziskus in dem Apostolischen Schreiben „Gaudete et exsultate“. Und wir? Wir glauben ihm einfach nicht. In uns rumort es, der Satz sei bloß ein Trick, um uns übers Ohr zu hauen: Statt unserer frischen und offenen Freiheit soll uns nur eine verkürzte und unmündige Freiheit bleiben. Unser lebendiges und kraftvolles Verlangen nach Freiheit soll durch ein kümmerliches himmlisches Glück in weiter Ferne ersetzt werden. So ein fordernder Gott macht Angst, und man zweifelt, ob ein derart überhöhtes Glück erstrebenswert ist: Andere Angebote gefallen da viel besser.

Und plötzlich… Guadalupe! Wir treffen auf die Geschichte einer Frau aus Fleisch und Blut, die herzlich lachen kann und mit Gott auf das Leben anstösst

Und plötzlich… Guadalupe! Wir treffen auf die Geschichte einer Frau aus Fleisch und Blut, die aus vollem Herzen lachen kann und mit Gott auf das Leben anstößt. Sie erhebt ihr volles Glas, und wir sehen darin große Träume, starke Freundschaften, saubere Liebe, berufliche Pläne und Erfolge, Krankheiten, Schmerzen, Fehltritte, Verluste und Gewinne: All das bietet sie Gott an, all das hat sie mit ihm und für ihn durchlebt. Alles ist Friede und ansteckende Freude geworden, überschäumende Liebe, klares Licht.

Der Heilige Geist hat gewollt, dass diese Frau des Opus Dei, eine normale Frau, eine unauffällige Pionierin ihrer Epoche, zur Ehre der Altäre erhoben wird. Das erste Viertel des 21. Jahrhunderts ist voll von Unsicherheit und aggressiven Herausforderungen. Da zeigt uns die Kirche ein Vorbild, eine Fürsprecherin und Freundin, die einfach Glück ausstrahlt. Guadalupe Ortiz de Landázuri ist eine dieser unauffälligen heiligmäßigen Menschen, die berufen sind, den Lauf der Geschichte zu ändern – vielleicht angefangen bei unserer persönlichen Geschichte. Dazu können wir uns von der Art helfen lassen, wie sie durch diese Welt ging, die sie leidenschaftlich liebte, und dabei den Himmel ersehnte.

Guadalupe Ortiz ist eine dieser unauffälligen heiligen, die berufen sind, den Lauf der Geschichte zu ändern – vielleicht angefangen bei unserer persönlichen Geschichte

Kaum hat Guadalupe ihre Berufung erkannt, da entschließt sie sich, ihr Leben völlig den Händen Gottes zu überlassen. Tagtäglich legt sie eine auffallende innere Freude und Hingabe an den Tag. Es ist merkwürdig: Was im normalen Leben lästig ist und einen niederdrückt – der ganze Wirrwarr von Enttäuschungen, Ungerechtigkeiten, unerfüllten Erwartungen und Fehltritten – das verleiht ihr im Gegenteil geradezu Schwung hinauf zu Gott und zur Selbstüberwindung.

In ihren Briefen an den heiligen Josefmaria hält sie die kleinen Schlachten fest, die sie verloren hat, all die Nadelstiche der Schwierigkeiten und scheinbar unüberwindlichen Hürden, der Unordnung, der eigenen Begrenztheit und des Geldmangels in den Jahren nach dem Spanischen Bürgerkrieg. … Sie erkennt all diese Komplikationen, lässt sich aber nicht kleinkriegen und macht sich deswegen das Leben nicht schwer. Sie betet einfach, tut, was sie tun kann, und schließt die Berichte mit ihrem gewohnten „Ich bin so glücklich!“ (Briefe an den hl. Josefmaria, 28. Juli 1946 und 19. Jänner 1947).

In ihren Briefen an den heiligen Josefmaria hält sie die kleinen Schlachten fest, die sie verloren hat, all die Nadelstiche durch Schwierigkeiten

Wenn man das liest, fragt man sich etwas überfordert, ob das Gesetz der Schwerkraft für Heilige außer Kraft gesetzt ist. Aber nein, es gilt! Sie alle haben gelitten und sich angestrengt, wurden müde und mutlos, sind vielleicht gestürzt, haben sich aber immer wieder aufgerappelt. Denn sie kannten eine viel stärkere Kraft: Sie wussten, dass sie Gottes geliebte Kinder sind. „In dieser Beständigkeit, Tag für Tag immer weiter zu machen“, sagt Papst Franziskus, „sehe ich die Heiligkeit der kämpfenden Kirche. Sehr oft ist das eine Heiligkeit ‚von Nebenan‘, die Heiligkeit derer, die in unserer Nähe wohnen und ein Bild der Gegenwart Gottes sind.“ Dafür ist Guadalupe ein gutes Beispiel. Sie kann neu anfangen und mit einem offenen Lächeln Kurs halten, weil sich ihre Würde auf die Erkenntnis ihrer innersten Identität stützt, eine Tochter Gottes zu sein. Gott ist ihr Antrieb und ihr Ziel. Er hat ihr eine große innere Sicherheit und Festigkeit gegeben, auch wenn sie sich selbst als „eine Katastrophe“ bezeichnet.

Guadalupe sieht und hört Gott nicht nur in sich selbst, sondern entdeckt ihn auch in den anderen. Sie betrachtet ihre Mitmenschen als Kinder Gottes und hat sie gern – bei allen Unterschieden, Mängeln, Irrtümern oder Vorbehalten. So etwa in den fünfziger Jahren in Mexiko. Guadalupe begegnet ihren Studentinnen, verheirateten Damen, Bäuerinnen und Angestellten mit herzlichem Interesse. Sie lernt und lehrt zugleich. Eines Tages wird ihr der Besuch einer jungen Frau spanischer Herkunft angekündigt, die sie kennenlernen möchte. Guadalupe ist bereit, doch als sie den Namen hört, ist sie wie gelähmt. Es handelt sich um Ernestina de Champourcin, eine Dichterin im mexikanischen Exil und Frau eines Anhängers des Präsidenten der Spanischen Republik, der für den Tod von Guadalupes Vater verantwortlich ist. Guadalupe zögert einen Augenblick und geht dann kurz in die Hauskapelle. Vor dem Allerheiligsten geht ihr auf, dass auch diese Frau eine Tochter Gottes ist. Und das genügt. Elegant geht sie die Stiegen hinunter und empfängt die Dichterin sehr freundlich. Es wird der Anfang einer tiefen Freundschaft, weil sie über alle Schranken hinweg verzeihen konnte. Gott zog sie an sich und machte ihr Herz so weit, dass Schwierigkeiten sie nicht in Verwirrung brachten. Sie dramatisierte die Dinge nicht, sondern machte mit einem Lächeln weiter.

Sie betrachtet ihre Mitmenschen als Kinder Gottes und hat sie gern – bei allen Unterschieden, Mängeln, Irrtümern oder vorbehalten

Die künftige Selige war Chemikerin. In ihrem Beruf arbeitete sie nicht irgendwie vor sich hin, sondern verstand es, kurze Lücken zur Fortbildung zu nutzen. Ständig plante, träumte und hoffte sie. Wasimmer sie unternahm, tat sie nicht nur für sich selbst, sondern teilte alles mit Gott, dem sie in allem folgen und dienen wollte. Da sie ihr Leben lang in erster Linie apostolisch dachte und handelte, behielt sie ihre Pläne nicht für sich wie ein genießerischer Geizhals, noch sah sie darin die Grundlage persönlicher Sicherheit. Vielmehr durchdrang Ihr Streben hinauf zum Herrn alle Bereiche ihres Lebens. Das eine Mal konnte es ein Ergebnis ihrer Forschungsarbeiten auf dem Gebiet isolierender und reflektierender Materialien sein, ein andermal waren es neue Erfolge der mexikanischen Campesinas, mit denen sie zusammenarbeitete: Stets ließ sie ihre Freunde und Verwandten an solchen Freuden teilhaben. Sie war überzeugt, dass sich die wahre Größe eines Lebens danach bemisst, ob man jederzeit gerade das tut, wozu Gott einen ruft, nämlich ob man begreift und umsetzt, was die Nächstenliebe gerade verlangt. Alles Übrige, Erfolg und Scheitern, hier zu bleiben oder woanders zu arbeiten, wird demgegenüber zweitrangig. Wichtig ist nur, von Ja zu Ja voranzugehen bis ans Ende. Als sich ihr Gesundheitszustand verschlechtert, kann sie daher schreiben: „Ich nehme Tod oder Leben an, wie es kommt. Froh, wenn ich bald zu Dir gehe, aber ich nehme alles an, auch wenn ich bleibe, um zu dienen… Wie Du willst“ (Zeugenaussage von Maria Angustias Burgos).

Wie so viele Heilige und Propheten hatte sich Guadalupe von Gott verzaubern lassen. Weil sie dem Herrn folgte, strömte ihr Herz am Ende über vor Liebe, vor sprühender Freude, vor zahllosen Träumen, mit denen sie die Menschen um sich herum ansteckte. Alles hatte an einem Sonntag im März 1944 in einer Kirche in Madrid begonnen. Während der Messe malte sie sich ihre mögliche Hochzeit in dieser Kirche aus. Sie stellte sich vor, wie sie im Brautkleid den Mittelgang entlang zum Altar schritt. Mitten in ihrer Träumerei spürte sie, dass Gott sie um mehr bat als das. Anschließend wollte mit einem Priester sprechen und traf einen Freund, der ihr Josemaría Escrivá nannte. Bald darauf lernte sie den Gründer des Opus Dei kennen. Bei diesem ersten Treffen „fielen es ihr wie Schuppen von den Augen“, wie sie sagte, und Guadalupe begann, die Träume Gottes zu träumen. Sie wurde sich bewusst, dass der Herr sie um „etwas mehr“ bat, um ihr „viel mehr“ zu geben: Indem er sie als Numerarierin des Opus Dei um ihr ganzes Herz bat, hatte er ihr Leben erhellt und es mit Sinn und Fruchtbarkeit erfüllt (vgl. Fernando Ocáriz, „Luz para ver, fuerza para querer“). Jetzt hatte sie eine Sendung!

Bei diesem ersten Treffen mit dem hl. Josefmaria „fielen ihr die Schuppen von den Augen“, wie sie sagte, und sie begann, die Träume Gottes zu träumen

Gottes Träume überraschen. Unsere eigenen Träume, mögen sie noch so ehrgeizig sein, können keine derart komplexen Knäuels aus Personen und Situationen schaffen wie Gott, der sie für seine tagtäglichen Wunder nutzen will. Gott hat sich des heiligen Josefmaria bedient, damit viele Menschen den Herrn in ihrem gewöhnlichen Leben finden, bei ihrer Arbeit, in ihrer Familie. Unter ihnen war Guadalupe, die ihrerseits vielen anderen Menschen half, Gottes Träume mitzuträumen. Nicht nur ihren Freundinnen, Verwandten und Nachbarn hat sie geholfen, sondern hilft auf andere Weise auch uns heute. Papst Benedikt XVI. sagte zu Beginn seines Pontifikates, dass wir von Gottes Freunden umgeben sind, geleitet und geführt werden. Die Scharen der Heiligen beschützen mich, halten mich und führen mich.

Heute bringen wir eine Toast auf Guadalupe Ortiz de Landázuri aus, eine starke und kühne Christin. Anlässlich ihrer Seligsprechung bitten wir sie um Licht, in dem wir erkennen können, dass jeder von uns ein Traum Gottes ist. Und wir bitten sie um die Kraft, Gottes Angebot ohne Zögern anzunehmen – das Angebot eines erfüllten Lebens und großen Glücks. – Gaudete et exsultate!