Das Wohl der Kinder: verantwortliche Elternschaft (1)

"Ein Kind ist der Ausdruck der gegenseitigen Liebe der Ehegatten, in Vereinigung mit der Liebe Gottes, der die Seele erschafft."

Menschliche Liebe
Opus Dei - Das Wohl der Kinder: verantwortliche Elternschaft (1)

Es gibt eine populäre Redensart: wer nicht so lebt, wie er denkt, der wird schließlich so denken, wie er lebt. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit, ja nicht einmal das Wichtigste daran.

Nichts ist praktischer als eine gute Theorie

Es stimmt zwar, dass Menschen, die sich nicht um die Korrektur ihres falschen Verhaltens bemühen, häufig bei Theorien enden, die dieses rechtfertigen. Aber es stimmt auch, dass die Kenntnis der grundlegenden Wahrheiten die beste und dauerhafteste Hilfe für das richtige Verhalten darstellt.

Die wichtigste dieser Wahrheiten besteht in der tiefen Überzeugung, dass jeder Mensch, ob Mann oder Frau, von Natur aus Person ist. Keine andere Wahrheit beeinflusst so entscheidend die Einstellung der Eheleute zueinander und zu den Kindern.

Deshalb sollte man eingehend erörtern, was es bedeutet, Person zu sein. Das lenkt uns keineswegs von der erzieherischen Praxis ab, sondern führt uns im Gegenteil direkt zu ihrem innersten Wesenskern und beleuchtet den tiefsten Sinn der verantwortlichen Elternschaft.

Person und Kind Gottes

Historisch gesehen hängt die Erkenntnis der personalen Natur des Menschen mit der Verbreitung des Christentums zusammen. Man ahnt ihre ganze Größe, wenn man sie als Antwort auf die einzige und entscheidende Frage versteht: Was muss jeder einzelne Mensch wert sein, wenn das Wort Gottes nur dazu Fleisch angenommen hat und am Kreuz sterben wollte, um dem Menschen die Möglichkeit zurückzugeben, sich an Ihm und mit Ihm die ganze Ewigkeit hindurch erfreuen zu können?

Diese Wahrheit ist unleugbar, erhaben und erstaunlich. Ihre praktischen Konsequenzen sind so tief und doch etwas so Alltägliches, dass die Ersten, die all dies erahnten, anfangs fürchteten, sie würden dieser wunderbaren Wirklichkeit nicht gerecht und könnten für Augenblicke vergessen, welche eindrucksvolle Größe die Menschen um sie herum hatten.

Sie wollten daher sicherstellen, dass schon das Wort, das sie für die Menschen verwendeten, den fast unendlichen Wert jedes Mannes und jeder Frau, also jedes einzelnen Menschen ausdrücken sollte.

Und genau das bedeutet das Wort „Person“. Es wird von alters her dazu verwendet, um die unbeschreibliche Größe und die absolute und unersetzliche Einmaligkeit jedes menschlichen Wesens zu bezeichnen. Und im Wirkbereich der Gnade bezieht sich dieser Begriff dann auf Menschen, die Kinder Gottes sind.

Fotos de Álvaro García Fuentes.

Einer göttlichen Spur folgen

Philosophie und Theologie bestätigen, was Menschen guten Willens intuitiv erfassen und was jeder Christ mit Gewissheit weiß: das Einzige, was Gott zum Schaffen bewegen kann, ist das Wohl der Geschöpfe, die Er zu erschaffen gedenkt, und im Besonderen das Wohl der Menschen. Er selbst gewinnt ja nichts durch unsere Erschaffung, da Er unendlich glücklich ist und keine Steigerung mehr denkbar ist.

Noch deutlicher ausgedrückt: jeder einzelne Mensch ist die unmittelbare Frucht der unendlichen Liebe Gottes, der für ihn das Beste möchte.

Und da es nichts Besseres als Gott selbst gibt, schafft Gott den Menschen als sein Bild und Gleichnis, mit der Fähigkeit, Ihn zu erkennen und zu lieben. Er erhebt ihn zur Ordnung der Gnade und bestimmt ihn dazu, sich endgültig mit Ihm zu vereinen, indem Er ihn in sein eigenes Leben einführt, in ein ewiges und machtvoll einendes Zwiegespräch der Erkenntnis und der Liebe.

Thomas von Aquin verwendet zur Beschreibung dieser endgültigen Natur des Menschen so kühne und tiefe Ausdrücke wie: Wir Menschen sind dazu berufen, Gott zu „erreichen“ oder zu „berühren“ (attingere Deum), indem wir selbst durch Teilhabe an der göttlichen Natur in „Götter“ verwandelt werden (participative dii).

Wenn man Gott als unendlichen und vollkommenen Akt der Gottesliebe beschreiben kann, dann werden wir Ihm vollkommen ähnlich sein, wenn am Ende unser ganzes Sein mit Hilfe seiner Gnade sich in einen ebenfalls ewigen und freudigen Akt der Liebe zu Gott verwandelt.

Götter durch Teilhabe: das ist unsere Bestimmung, und das zeigt auf erhabenste Weise unsere Größe.

Wie wir der Großartigkeit unserer Kinder entsprechen können

Auf dieser Überzeugung gründet und beruht weiterhin das Beste an unserer Zivilisation. Und auf der gleichen Grundlage, die durch das Gespräch mit Gott bereichert und wirksam gemacht wird, muss die Beziehung der Eheleute untereinander und zu jedem Kind aufgebaut werden.

Immer und in jeder Lebenslage müssen Vater und Mutter bedenken, dass die Kinder eigenständige Personen sind und dass sie mit ihnen auf eine Weise umgehen müssen, die der Größe dieses Sachverhaltes entspricht.

Wenn die Eltern die verantwortliche Elternschaft vollumfänglich bejahen und umsetzen, dann entwickeln sie eine Art des Umganges, die diesem unsagbaren Adel ihrer Kinder entspricht, die ja ihrerseits Personen sind. Hier ist keine Übertreibung möglich.

Und das bedeutet über die bloß allgemeine Achtung oder auch Verehrung und Ehrerbietung hinaus eine Haltung, die nur mit dem Wort Liebe ausgedrückt werden kann, da sie konsequent und entschlossen nur das Wohl des geliebten Menschen sucht.

Mitarbeiter Gottes

Wir sollten also unsere irdische Existenz nicht nur als „Prüfung“ verstehen, sondern vielmehr als die große Gelegenheit, die Gott uns anbietet, damit wir unsere Liebesfähigkeit noch steigern. Auf diese Weise werden wir nämlich schon in dieser Welt glücklicher, und wenn unser Herz größer geworden ist, dann wird am Ende unserer zeitlichen Existenz Gott mehr Platz finden in unserer Seele und wir werden uns an Ihm die ganze Ewigkeit hindurch erfreuen.

Vater und Mutter müssen auf Grund ihrer Elternschaft ganz besonders mit Gott zusammen an dieser Aufgabe mitwirken.

Das Vorbild ist wiederum Gott selbst. Jesus Christus hat sich seiner selbst „entäußert“, um uns zu erlösen, und hat so die Unendlichkeit der göttlichen Liebe gezeigt. Deshalb müssen Vater und Mutter bei ihrer Erziehungsaufgabe in gleicher Weise lernen, zum Wohl ihrer Kinder zu „verschwinden“. Erziehen bedeutet ja letztlich, die Kinder lieben zu lehren. Das bedeutet also, dass ihre Interessen, ihre Fähigkeiten und ihre edelsten Wünsche nur insoweit zählen, als sie ohne Vorbehalt in den Dienst der Erfüllung des Planes Gottes für jedes Kind gestellt werden.

Anders gesagt, insoweit die Eltern den Kindern helfen, diesen Plan Gottes zu entdecken, der einzigartig ist, aber doch auch auf alle anderen Menschen abgestimmt. Sie helfen den Kindern, insoweit sie ihre Freiheit fördern und unterstützen, so dass alle weiterstreben und bis zur Fülle der Liebe dessen gelangen können, der ihnen die Existenz geschenkt hat und sie von neuem aufruft, in Freiheit wieder zu Ihm zurückzukehren.

Verantwortliche Mitschöpfer

Dieses Recht, das zugleich eine Pflicht ist, leitet sich, wie gesagt aus ihrer Elternrolle ab. Thomas von Aquin sagt: Derselbe, der etwas verursacht hat, muss auch der Antrieb für dessen weitere Entwicklung sein. Er kann es, und so muss er es auch.

Das Kind ist die Folge der Liebe der Ehegatten zueinander, die innig verbunden ist mit der Liebe Gottes, der die Seele geschaffen hat. Es ist daher Sache der Eltern, mit Gott an der Erziehung ihrer Kinder mitzuwirken. Es ist ihr unveräußerliches Recht, das gleichzeitig eine Pflicht darstellt, von der sie niemand entbinden kann, da sie Eltern und Mitschöpfer sind.

Gott war sich selbst genug, um dem Menschen das Leben zu geben. Er benötigte dazu nichts und niemanden. Aber Er wollte auch, dass wir Ihm jetzt schon ähneln in seiner Schöpfer-tätigkeit, die die Frucht seiner unendlichen Liebe ist, indem Er uns gewissermaßen auf das Niveau von Mitschöpfern erhebt.

Und Er tat dies auf seine Weise, so wie es seiner eigenen Erhabenheit, und um es irgendwie auszudrücken, auch der Größe des Ergebnisses seiner Schöpfertätigkeit entsprach, nämlich des Menschen. Jeder Mensch sollte ja immer mit Liebe behandelt werden, ganz besonders aber in dem wunderbaren Augenblick, in dem er erstmals ins Leben tritt. Dies ist ja die Voraussetzung, die alle weiteren Momente und Ereignisse seines Lebens ermöglicht.

Und so wählte Gott für die Erschaffung jedes neuen Menschen etwas ebenso Wunderbares aus. Die unendliche und allmächtige göttliche Liebe ist der Text, der den Eintritt des Menschen in das Leben erzählt und verwirklicht, denn das Wort Gottes ist unendlich wirksam. Der einzige Kontext, der dieser maßlosen Liebe ebenbürtig ist, muss ebenfalls ein großartiger und erlesener Akt der Liebe sein.

Wie man leicht feststellen wird, spreche ich von diesem wunderbaren Akt, mit dem sich Mann und Frau aufs innigste miteinander verbinden. Sie haben sich ja einander aus Liebe für das ganze Leben hingegeben.

Ich habe schon erwähnt, dass gerade diese wenig beachteten Wahrheiten das Fundament der verantwortlichen Elternschaft sind. Ich werde noch in einem anderen Artikel darüber sprechen, dass man das Wesentliche daran nur verstehen kann, wenn man die Erhabenheit der Personen ins Licht rückt, die ganz unmittelbar an der Zeugung und der Entwicklung jeder menschlichen Person beteiligt sind: Gott, das Kind selbst und beide Eltern.

T. Melendo